\\\"Warum hat dieses Buch eigentlich solange unangetastet in meinem Regal gestanden?\\\"
Diese mir selbst gestellte Frage fasst gut zusammen, was mir nach Beendigung der Lektüre von \\\"Zähne und Klauen\\\" als erstes durch den Kopf gegangen ist, denn T.C. Boyles mittlerweile sechste Kurzgeschichtensammlung, die im Februar 2010 nun auch als Taschenbuch erscheint, beweist einmal mehr, welch begnadeter und vor allem humoriger Schreiberling der Amerikaner ist. Wie kein anderer Autor vermag er es, den nur auf den ersten Blick banalen Alltag in all seinen Facetten zu schildern, wobei die oftmals liebenswürdigen Helden am Ende nicht selten an sich selbst und ihrer Umgebung scheitern. Das ist auch in \\\"Zähne und Klauen\\\" nicht anders, wobei diesmal der Mensch in erster Linie gegen die Natur antreten muss, die sich ihm in den folgenden 14 Kurzgeschichten mit all ihren Tücken in Weg stellt:
Windsbraut
Hundologie
Der freundliche Mörder
Vom raschen Aussterben der Tiere
Jubilation
Rastrow\\\'s Island
Chicxulub
Hier kommt
Alle meine Schiffbrüche
Geblendet
Zähne und Klauen
Die Unwägbarkeit des Wassers: Madam Knights Reise nach New York, 1702
Gegen die Wand
So unschuldig die Titel auch wirken, spätestens ab der vierten Geschichte, \\\"Der freundliche Mörder\\\", wird dem Leser bewusst, dass noch einiges auf ihn zukommt. Boyle konfrontiert uns mit einer ganzen Reihe abgewrackter Individuen, die, zumeist männlich, sehenden Auges in ihren eigenen Untergang rennen, während man selbst vor Verzweiflung die Hände ringt. Eben jener \\\"freundliche Mörder\\\" ist ein gutes Beispiel dafür. Ein Radiomoderator, der seit langem nicht mehr richtig geschlafen hat, nun aber ironischerweise für den Chef seines Senders tagelang nonstop in einem Glaskasten einen Weltrekord brechen muss. Hier blieb bei mir vor Lachen kein Auge trocken, bis mich Boyle mit einem sprichwörtlichen Knalleffekt gegen Ende wieder auf den Boden der Tatsachen geholt hat. Die unfassbaren wie realen Widrigkeiten unseres Seins kriegen Leser wie Protagonisten gleichermaßen mit stilistisch harter, aber zielführender Keule um die Ohren gehauen. Dabei legt jede einzelne Geschichte Zeugnis von Boyles großer Bandbreite des Könnens und Wissens ab, während er mit sprachlicher Leichtigkeit mit Themen und Gedanken spielt.
Der Sammelband könnte deshalb abwechslungsreicher nicht sein und verliert dabei doch nie den Wiedererkennungswert, bleibt stets typisch Boyle. Von einem Aussteiger, der in dem als Ideal entworfenen Ruheort Jubilation in Florida mit Alligatoren und Moskitos konfrontiert wird, bis hin zu einem Jungen, der in der titelgebenden Geschichte \\\"Zähne und Klauen\\\" in der Bar eine Großkatze vermacht bekommt. Die Natur scheint unbarmherzig, macht ihnen allen gleichermaßen das Leben zur Hölle. Und neben all diesen Naturkatastrophen und aggressiven Kreaturen, scheint die Frau die gefährlichste zu sein. An ihr scheitern sie fast alle, was mal witzig und mal rührend zu lesen ist. Dabei ist \\\"Zähne und Klauen\\\" nicht unbedingt etwas für die ganz Zartbesaiteten, denn Alkohol, Drogen und anderen Obsessionen werden von Boyle mit einer Sprachgewalt vorgetragen, die manchmal auch direkt in die Magengrube zielt. Wer den Autor kennt, ist darauf aber schon von Beginn an vorbereitet und bekommt in 14 atemberaubend rasanten Geschichten allerhand geboten.
Insgesamt ist \\\"Zähne und Klauen\\\" ein hervorragender, äußerst unterhaltsamer und kompromissloser Sammelband, der Phantasie und Gewissen gleichermaßen anregt. Ein böses Vergnügen und ganz große Literatur. Viel besser kann man eigentlich nicht schreiben.