Grabesgrün von Tana French
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Zitat: Wir beide waren ein Team, das es wert gewesen wäre, von Barden besungen zu werden und Einlass in die Geschichtsbücher zu finden. Es war unser letzter und schönster gemeinsamer Tanz, und wir tanzten ihn in einem kleinen Verhörraum, während es draußen schon dunkel war und der Regen sachte und unaufhaltsam auf das Dach fiel, vor einem Publikum, das einzig aus Todgeweihten und Toten bestand.
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Inhalt: Im kleinen irischen Vorort Knocknaree wir auf einem archäologischen Ausgrabungsgelände die Leiche der zwölfjährigen Katy Devlin gefunden. Detective Rob Ryan und dessen Partnerin Detective Cassie Maddox werden gerufen und müssen einer Vielzahl möglicher Fährten nachgehen: Streitereien zwischen örtlichen Politikern und Bürgerbewegung, rituelle Opferzeremonien und familiäre Geheimnisse kommen als Motive in Frage. Und auch Detecive Ryans Vergangenheit spielt zunehmend eine Rolle in dem mysteriösen Mordfall: 1984 verschwanden dessen beiden beste Freunde, Jamie und Peter, spurlos im Wald von Knocknaree, während er selbst blutüberströmt und ohne Erinnerung gefunden wurde. Welche Parallelen gibt es zwischen den Ereignissen? Welches Geheimnis verbirgt die Familie von Katy und was passiert, wenn jemand die Wahrheit über Ryans Vergangenheit erfährt? Eine nervenaufreibende Ermittlung beginnt...
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Bewertung: Mittlerweile liegt ein gewisser Verbraucherbetrug an der Tagesordnung. Was für die Lebensmittelindustrie gilt (irreführende Inhaltsangaben, Preistricksereien, Mogel(ver-)packungen), scheint auch im Verlagswesen angekommen zu sein: Klappen-Texte leiten fehl und Genre-Angaben passen nicht zum Inhalt. So auch bei Tana Frenchs Grabesgrün. „Kriminalroman“ steht auf dem Cover, doch was der Leser im Inneren findet, ist eine ausgefeilte, nachdenkliche und auf hohem sprachlichen Niveau präsentierte Lebens- und Leidensgeschichte des irischen Detective Adam -Rob- Ryan. Mit Tiefenpsychologie wird der Leser an dessen Leben herangeführt. Seine Bilderbuchfreundschaft zur Ermittlerin Cassie Maddox, die mysteriöse Kindheitserfahrung, ein latenter Hang zum Selbstmitleid – alles fließt zu einem Strudel der Empfindungen zusammen, der jeden Psychothriller in den Schatten stellt – aber eben kein Kriminalroman im klassischen Sinne ist. Jedenfalls nicht nach Einordnung der allgemein verbreiteten Alltagskategorien. Denn danach müsste der Roman wohl eher mit „Psychothriller“ betitelt werden, da mindestens ein Verbrechen nicht aufgelöst wird. Natürlich muss man für eine exakte Einordnung zunächst den Begriff „Krimi“ definieren, was nicht ganz leicht fällt. Unter dem Deckmantel des Kriminalromans können sich heute sowohl bissige Gesellschaftssatiren als auch tiefgehende Charakterstudien verbergen. „Grabesgrün“ gehört meiner Meinung nach letzterem an. Obwohl man die vermeintlich irreführende Genre-Einordnung als Negativum werten könnte, ist Tana French letztlich ein erfrischend unkonventioneller Ausbruch aus dem staubigen Genre-Korsett gelungen. Der Verlauf der kriminalistischen Handlung ist nonkonform, die Sprache herausragend elegant, fast poetisch. Durch bildhafte, ausdrucksvolle Beschreibungen wird der Leser mehr und mehr in die fiktive Geschichte hineinversetzt, bis er tatsächlich Hummeln neben sich summen hört und die Hitze des Sommers auf der Haut spürt. Trotzdem gibt es Kritikpunkte. Die bildhafte Sprache ist zwar sehr schön, wird aber oft auf Kosten der Spannung ausgereizt. Die Beleuchtung von Detective Ryans traumatisierender Kindheitserlebnisse beispielsweise ist derart differenziert, dass es bis zur Mitte des Romans, und das heißt über ca. 300 Seiten, keinen Fortschritt im eigentlichen Mordfall gibt. Dafür werden Personen detailliert charakterisiert, Landschaften und Stimmungen sehr anschaulich beschrieben und menschliche Abgründe aufgezeigt. Der Spannungsbogen bleibt weitestgehend flach, im letzten Teil führt ein entscheidender Geistesblitz Ryans schließlich zur Aufklärung des einen Falles. Anschließend wird weitere 100 Seiten das ruinierte Schicksal des Protagonisten und Ich-Erzählers behandelt. Der andere, den Roman und sein Flair bestimmende und (im Original) Titel-gebende Fall bleibt ungelöst und das Schicksal der Hauptcharaktere im Dunkeln.
Natürlich kann es Spaß machen, die Entwicklung der Charaktere zu verfolgen, falschen Fährten nachzujagen und wiederholt in die Vergangenheit einzutauchen. Doch abgesehen davon, dass solch irreführende Stilmittel die Spannung zunichte machen, bleibt der Leser einigermaßen verärgert zurück, wenn er am Ende nahezu ohne Antworten dasteht. Da hilft es nicht, dass der nächste Roman der Autorin aus der Ich-Perspektive der Partnerin Ryans erzählt wird – auch in der Hoffnung dann endlich wohlverdiente Antworten zu bekommen, wird sich niemand noch einmal knapp 700 Seiten antun, nur um eventuell wieder mit ein paar vagen Brocken aus der Vergangenheit der Detectives abgespeist zu werden.
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Fazit: Tana French hat einen Kriminalroman im weitesten Sinne, besser eine psychologisch abgründige Charakterstudie geliefert, die den Leser am Ende unbefriedigt und mit einem unguten Gefühl entlässt. Die Gerechtigkeit bleibt auf der Strecke, aufgeklärt wird nur ein Teil, ein Großteil der Freundschaft ist zerbrochen und die Zukunft ungewiss. Der Roman scheint aus zwei Teilen zu bestehen, der erste ist eine in poetischer Sprache verfasste, atmosphärisch atemberaubende Lebensgeschichte. Der zweite Teil wandelt sich in einen deprimierenden, mitleidlosen Verfall ohne „Happy End“. Auch das Ende bleibt also unkonventionell, und für diesen Mut hat die Autorin ein Lob verdient. Dennoch betrachte ich die Genre-Grenzüberschreitung und das grundlose Hinhalten des Lesers ohne abschließende Antworten als bewusste Irreführung und damit im Grunde als gestohlene Zeit. Und mit meiner Zeit bin ich eigen.
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Info: Bei „Grabesgrün“ handelt es sich um Tana Frenchs' Debut. Sie bringt seit der Veröffentlichung jedes Jahr einen weiteren Kriminalroman heraus. In diesem Juni erscheint ihr vierter Roman unter dem Titel „Schattenstill“.
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Daten:
Gebundene Ausgabe: 672 Seiten
Verlag: Scherz Verlag, Frankfurt
Erscheinungsdatum: 3. Juli 2008
Sprache: Deutsch
Originalsprache: Englisch (Originaltitel: In the Woods)
ISBN-10: 3502101914
ISBN-13: 978-3502101918
Größe: 19,6 x 13,8 x 5,2 cm