Eine Beziehung mit großem Altersunterschied stellt leider immer noch in unserer Gesellschaft ein gewisses Tabu dar bzw. wird zumindest als etwas Außergewöhnliches betrachtet. Dabei haben Gefühle nichts mit Alter zu tun und das Alter eines Menschen sagt nur sehr wenig über den Menschen an sich aus. Tania Krätschmar greift dieses Thema mutig in ihrem Roman „Die Wellentänzerin“ auf: Dana van Aken ist eine Frau Mitte Vierzig, die mitten im Leben steht: Ihre drei Töchter sind fast erwachsen und finden ihren eigenen Lebensweg, ihr Hotelschiff „Drei Töchter“, mit dem sie Kreuzfahrten von Berlin an die Ostsee anbietet, ist inzwischen gut nachgefragt und sie hat die Trauer nach dem Tod ihres Mannes überwunden. Lediglich das Thema Liebe scheint zunächst kein Thema mehr für sie zu sein – bis sie den jungen Künstler Antonius Merano kennen und lieben lernt. Nachdem sie ihre eigenen Vorbehalte überwunden hat, sind es jedoch insbesondere die Vorurteile ihrer Familie und die der Gesellschaft, die sie an dieser Beziehung zweifeln lassen. Hat ihre Liebe zu Antonius eine Chance?
Der Leser nimmt am Familienleben der Familie van Aken hautnah teil und lernt die Wünsche, Hoffnungen, Denkweisen und Ängste jedes Protagonisten kennen. Es ist zunächst geprägt von einem harmonischen, lustigen Miteinander, durch die neue Beziehung der Mutter breiten sich jedoch Dissonanzen aus. Jede der Figuren hat aktuell Entscheidungen zu treffen. Jede der van Aken Frauen hat eigene Verhaltens- und Wirkungsmuster: Während die drei Töchter Gefühle und Gedanken offen, fordernd und unsicher ausleben, wirkt Dana lebenserfahren, vorsichtig, aber auch selbstbewusst - sie ist eine Frau, die mitten im Leben steht und nicht auf eine Liebesbeziehung angewiesen ist, diese jedoch auch nicht verneint. Antonius ist ein mutiger, junger Mann, der sich nicht für Vorbehalte und Vorurteile interessiert, sondern seine Gefühle lebt.
Ich bin ganz bezaubert vom liebevollen Sprachstil der Autorin und den Hauptfiguren, die sehr menschlich und alltäglich dargestellt werden. Nach nur wenigen Seiten habe ich bereits die Hauptfiguren lieb gewonnen, jede für sich, jede mit ihren Stärken und Schwächen. Ich kann mir die Figuren bildlich vorstellen, mich in sie hineinversetzen, wie sie denken und fühlen, sie sind mir als Leserin greifbar nahe. Das Zwischenmenschliche lässt sich zwischen den Zeilen spüren, ich bin als Leserin einfach mitten drin in der Handlung. Außerdem wird Erotik sehr ausdrucksvoll mit in die Handlung eingeflochten: Die Funken zwischen Dana und Antonius, die bereits zu Beginn sprühen, sind förmlich spürbar. Die erotischen Szenen werden in stimmungsvollen, direkten, aber doch würdigen Worten vermittelt. Des Weiteren wird die Kreuzfahrt zwischen Berlin und der Ostsee sehr malerisch und mit einem Blick für jedes Detail beschrieben: Neben Danas aufgewühlten Emotionen sind insbesondere die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen den Menschen an Bord sehr interessant. Die Fahrt wird auch landschaftlich und kulturell sehr bildlich beschrieben, sodass es eine große Freude war, davon zu lesen. Diese Authentizität und Sprachgewalt in der Darstellungsweise finde ich beeindruckend!
Ein großer Wermutstropfen bleibt: Das Buch hat ein Ende, sodass sich der Leser irgendwann tatsächlich leider von der Familie van Aken verabschieden muss, nachdem sie sich alle Seite für Seite jeder auf seine Art ins Leserherz geschlichen haben. Wenn es die „Drei Töchter“ tatsächlich geben würde, ich würde sofort eine Reise buchen :-) !
Cover und Klappentext harmonieren sehr gut miteinander und stimmen sehr gut auf den Roman ein. Insbesondere die roten Gummistiefel sind ein echter Hingucker!
Dieses Buch ist wirklich wertvoll, berührend, menschlich. Jede Figur, jeder Charakter wird für sich mit einem besonderen Blick beleuchtet. Der Roman spricht mit einem eindrucksvollen Facettenreichtum die wichtigen Fragen im Leben, das Miteinander und die alltäglichen Details an und verbreitet ein Wohlgefühl beim Lesen, ohne tragische Aspekte auszusparen. Dieser Roman ist mehr als lesenswert!