A192 Das geheimnis der Wände von Tatiana de Rosny Kategorie: Allgemein
"Die Wände erinnern sich immer"
Pascaline Malon ist vierzig und hat gerade eine Scheidung hinter sich, die für sie sehr schmerzhaft ist, denn sie liebt Frédéric noch immer, doch der hat eine neue Frau, die auch schwanger von ihm ist. Ein Kind, das Pascaline nie wieder mit Frédéric haben wird. Doch nun soll alles anders werden. Pascaline zieht in eine kleine, aber hübsche Altbauwohnung und hat sich vorgenommen, sich ein völlig neues Leben aufzubauen: neue Kleider, neue Bücher, neue Freunde. Doch bereits am ersten Tag in ihrer neuen Wohnung überkommt sie ein schreckliches Gefühl und sie bricht fast darunter zusammen. Kurze Zeit später erfährt sie von einer Nachbarin, dass in ihrem Schlafzimmer zehn Jahre zuvor ein 18jähriges Mädchen ermordet wurde, von einem Serienmörder. Nun ist es aus mit Pascaline und ihrer neuen Wohnung. Sie kann keine ruhige Minute mehr finden in dieser Wohnung und an Schlaf ist gar nicht zu denken. Sie fühlt das Verbrechen und dessen dunklen Schatten förmlich. Daher flüchtet sie in ein Hotel, doch entkommt sie der Geschichte ihrer Wohnung nicht. Und schon bald wächst sich ihre Beschäftigung mit dem Verbrechen zu einer Besessenheit aus.
Ich bin einige Zeit um dieses Buch herumgeschlichen, da ich kurzen Büchern gegenüber skeptisch bin. Immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Geschichte vorbei war, bevor ich wirklich richtig drin war. Von de Rosnay habe ich allerdings schon ein Buch ("Sarahs Schlüssel") gelesen und geliebt und so siegte schlußendlich doch die Neugier. Und ich habe es nicht bereut.
Tatiana de Rosnay hat einen wunderschönen Schreibstil. Auf mich wirkt ihre Sprache immer poetisch und gleichzeitig leicht zu lesen, aber eben nicht trivial oder anspruchslos. Auch mit "Das Geheimnis der Wände" konnte sie mich fesseln und ermöglichte es mir, mich in Pascaline einzufühlen, wenn mir ihr Verhalten doch trotzdem hin und wieder befremdlich schien. Die Autorin konnte das Abgleiten in die Obsession auch auf diesen wenigen Seiten als schleichend beschreiben und doch verfängt sich Pascaline schließlich unrettbar darin. Das Ende ist so nicht vorhersehbar, aber doch verständlich.
Bereits im Vorwort, aber auch später in der Geschichte, wird deutlich, dass dieses Buch den Anstoß für "Sarahs Schlüssel" gegeben hat. Das mag in dem Moment etwas aufgesetzt und vielleicht auch nervig sein, wenn man jenes Buch schon kennt, jedoch hat de Rosnay "Das Geheimnis der Wände" vorher geschrieben. Es ist eben jetzt erst - durch den Erfolg von "Sarahs Schlüssel"? - ins Deutsche übersetzt worden. Das umfangreiche Vorwort machte mir jedoch deutlich, dass die Autorin viel von eigenen Erlebnissen und Erfahrungen verarbeitet und das macht die Geschichte noch authentischer. Zudem regte es mich sehr zum Nachdeken an, denn sie schreibt einen sehr prägnanten Gedanken nieder: überall sind schon Menschen gestorben. Doch wie lange steht mein Haus schon? Welche Tragödien hat es schon erlebt? Ist hier wirklich jeder eines natürlichen Todes gestorben? Das wissen nur die Wände, es ist das Gedächtnis der Wände.
Ich bin froh, dieses Buch gelesen zu haben, weil ich es sehr gut fand, es mir nahe ging und auf jeden Fall erinnerungswürdig ist. Auch die Idee ist sehr originell. Und ich liebe einfach den Schreibstil der Autorin. Dieses Buch hat in meinen Augen die Reputation von dünnen Büchern wieder aufgewertet. Und ich freue mich schon sehr auf das dritte Buch der Autorin, das soeben auf deutsch erschienen ist.