Ein historischer Roman aus einer Zeit, die schon Kino und Radio kannte, Auto und Telefon und die die Zeit unserer Großmütter oder Urgroßmütter war. Eine Zeit die uns nah vorkommt, gegen das in den historischen Romanen so beliebte "Mittelalter" des 17. Jahrhunderts, aus dem Hamburg der 20iger Jahre des vorherigen Jahrhunderts und über die wir doch so gut wie nichts mehr wissen.
Meine Großmutter und mein Großvater brachten in dieser Zeit in China meinen Vater zur Welt, eine harte Welt für Chinesen. In Shanghai steht am größten Park ein Schild Für Hunde und Chinesen verboten- in dieser Reihenfolge. Eine unsichere Zeit, Pu Yi - der letzte Kaiser- sitzt noch in seinem Palast, die Macht verkörpert er nicht mehr. Mai Ling, die Chinesin, (wie wir in der Leserunde gelernt haben nicht verwandt mit der englischen Post wie mailing, aber auch nicht mit Münchens Mailingerstrasse) verlässt in dieser Zeit die scheinbar sichere Welt der traditionellen chinesischen Familie und den Schutz ihres Ehemannes um als moderne Frau ihren Weg in die Welt zu machen- und landet da wo auch heute Ausreißer häufig landen- im Bordell der Großstadt. Von Shanghai wird sie nach Deutschland verschifft um in Hamburg im Hafenviertel anschaffen zu gehen um die Träume ihres Zuhälters von der großen Gangsterkarriere erfüllen zu helfen. Mai Ling ist am Ende, am Boden angekommen. Sie steckt im Schmutz der Großstadt und im Schmutz der Prostitution, hilflos in der Fremde, ohne Papiere, illegal, ohne Hilfe.
Alexandra, die Deutsche, hoffnungsvolle Sängerin in wilden Jazzclubs und frustrierte Fremdsprachensekretärin, die in einer Anwaltskanzlei arbeitet. Alexandra ist unzufrieden mit ihrem Leben, gerade wurde sie von einer großen Liebe verlassen, einer Anwältin in der Kanzlei ihres Chefs, ihre Zukunft als Tippse beim Anwalt findet sie öde und sie erkennt nicht, dass sie in ihrer Zeit privilegiert ist, überdurchschnittlich gut verdient und ein recht freies Leben hat.
Diese beiden Frauen treffen im Hamburg der „Roaring Twenties“ aufeinander, zwischen Partys voll Schnaps und Koks, verschwenderischem Reichtum und krassester Armut stoßen diese Frauen aus zwei Kulturen aufeinander, deren Kommunikationsprobleme unüberwindlich erscheinen, nichts scheinen sie gemeinsam zu haben an Erziehung, gesellschaftlichem Hintergrund, Lebenserfahrung oder Lebenseinstellung. Dazu kommt noch, dass Typen mit kurzen blonden Haaren, die über die Juden und alle Ausländer herziehen und dabei auch keine Skrupel vor Gewaltanwendung haben offenbar immer stärkeren Zulauf haben, die Witzfigur die deren Partei vorsteht kann doch keiner ernst nehmen- und doch geht von diesen Typen eine Gefahr aus.
Tereza Vanek beschreibt in sehr beeindruckenden Bildern diese Athmosphäre einer Zeit, die nicht Umbruchzeit wurde, sondern eine Art Zwischenzeit, ein seltsamer Schwebezustand indem alle auf der Suche sind ein ziel zu finden, eine Zukunft. Die einen verlaufen sich in die braune Irre, andere marschieren in die innere Immigration, andere ins Exil. Das alles wird, wie der Leser weiß passieren- und Tereza Vanek erzählt wie die Entwicklung beginnt. Eine unbedingte Leseempfehlung.