Es passiert immer wieder, dass manche Bücher die in sie gesetzten hohen Erwartungen nicht erfüllen können. Da ist es dann eine nette Abwechslung, wenn man zwischendurch zu einem Werk greift, von dem man sich von vornherein nicht allzu viel versprochen hat.
Terry Goodkinds Auftakt zu seinem Fantasy-Zyklus „Das Schwert der Wahrheit“ gehört für mich in diese letztere Kategorie, denn sowohl die auf den Büchern basierende Fernsehserie „Legend of the Seeker“ als auch die bisherigen Rezensionen zu „Das erste Gesetz der Magie“ ließen vor der Lektüre wenig Weltbewegendes erhoffen. Und vorneweg: Goodkinds Erstling kann den Vergleich mit den Größen dieser literarischen Sparte auch nicht standhalten. Das der Blanvalet Verlag, welcher die Reihe nun endlich wie im Original (die einzelnen Bände werden nicht mehr in zwei Bücher getrennt) aufgelegt hat, Terry Goodkind dann sogar auf dem Cover vollmundig zum „wahren Erben von J.R.R. Tolkien“ erklärt, ist angesichts des Inhalts zwischen den Buchdeckeln schon mehr als blanker Hohn, denn von der Genialität und der sprachlichen Klasse des „Herr der Ringe“-Schöpfers ist der amerikanische Fantasy-Autor soweit entfernt wie die Erde vom Mond. Lässt man diesen unglücklichen Vergleich allerdings mal außer acht, muss man auch Goodkinds Epos eine gewisse Sogkraft konstatieren, der man sich trotz des durchschnittlichen Niveaus auf Dauer nicht gänzlich entziehen kann.
Die Geschichte nimmt ihren Anfang in den idyllischen Wäldern der östlichen Grenze von Westland. Hier befindet sich der junge Waldläufer Richard Cypher auf der Suche nach den Mördern seines Vaters. Als einziges Indiz dient ihm dabei eine fremdartige Schlingpflanze, welche die unbekannten Täter in seinem Elternhaus hinterließen, nachdem sie zuvor George Cypher brutal gefoltert und getötet hatten. Überall entlang der Grenze, welche mittels Magie Westland von den Midlands trennt, wächst diese seltsame Pflanze. Richard, der näheres über sie in Erfahrung bringen will, beschließt seinen Freund, den alten Einsieder Zedd, darüber zu befragen. Bevor er ihn jedoch aufsuchen kann, trifft er auf die wunderschöne Kahlan, welche von einem Quadron durchs tiefe Unterholz gejagt wird. Richard eilt ihr zur Rettung und gemeinsam gelingt es ihnen, die vier Verfolger auszuschalten.
Von nun an zieht man gemeinsam durch Westland, begleitet von Zedd, bei dem es sich in Wirklichkeit um den Zauberer ersten Grades handelt, der einst die magischen Grenzen errichtete und auf der Flucht vor dem Bösen seinen Weg in Richards Heimat fand. Nun ist dieses Böse in Form des Tyrannen Darken Rahl erstarkt. Der grausame Eroberer hat neben dem Land D'Hara auch bereits einen Großteil von Midland unter seine Kontrolle gebracht. Kahlan, als Botschafterin dieses Landes, bittet nun Zedd um Beistand im Kampf gegen den übermächtigen Feind. Der weise Zauberer ernennt daraufhin Richard Cypher zum Sucher und übergibt ihm das Schwert der Wahrheit. Zusammen mit dem Grenzposten Chase wollen sie das dritte Kästchen der Ordnung finden, um zu verhindern, dass Darken Rahl die endgültige Macht über alle drei Länder erringen und damit in tiefe Dunkelheit stürzen kann …
Ein junger, naiver Bursche, der zufällig einer Schönheit begegnet und seiner Bestimmung folgend mit großer Macht ausgestattet die Welt retten muss. Nein, etwas wirklich Neues hat sich Terry Goodkind für den ersten Band seiner „Schwert der Wahrheit“-Saga wahrlich nicht einfallen lassen. Selbst Leser, welche sonst weniger mit dem Fantasy-Genre in Berührung gekommen sind, werden die allseits bekannte Struktur hinter dieser Handlung erkennen. Nur was z.B. in „Star Wars“ oder zuletzt in Rothfuss' „Der Name des Windes“ dank großartig gezeichneter Hauptcharaktere für Faszination und Staunen gesorgt hat, ringt dem Leser hier, zumindest im ersten Drittel des Romans, nur ein müdes Lächeln ab. Mit Richard Cypher begegnet uns eine schablonenhafte Figur ohne jegliche Ecken und Kanten, der einfach die Tiefe fehlt, um die wohl erhofften Sympathien beim Leserpublikum wecken zu können. Sein naives Gutmenschentum zerrt bereits sehr früh an unserer Geduld und den Nerven, was noch dadurch verstärkt wird, dass sich die übliche Wandlung vom Jedermann zum Helden hier fast innerhalb eines Wimpernschlags vollzieht. Wo sonst die Persönlichkeitsentwicklung mehrere Kapitel in Anspruch nimmt, bedarf es hier einzig und allein dem Griff zum magischen Schwert, um aus dem besonnenen und tapsigen Richard einen tobenden, nach Blut gierenden Berserker zu machen. Erstmal auf die Suche nach den Kästchen angesetzt, folgt er ganz den Ratschlägen und Befehlen seiner Mitreisenden, und wird somit vom Helden zum willenlosen Handlanger degradiert. In der letzten Hälfte kehrt sich diese Entwicklung dann nochmals um, wenn Richard plötzlich die Initiative ergreift und die schwierigsten Probleme auf geniale Art und Weise aus dem Weg schafft. Für die Geschichte selbst mag das notwendig gewesen sein. Allein so richtig glaubwürdig ist das alles nicht.
Warum sollte man dann überhaupt zu diesem Buch greifen? Trotz der anfänglich offensichtlichen Schwächen der Hauptfigur geht von Goodkinds Werk eine schwer erklärbare Faszination aus. Es ist wohl ein wenig die Freude am Kitsch, die mich, wie schon damals beim herrlich trashigen He-Man, dazu bewogen hat, dem Ganzen eine Chance zu geben. Und auch der Schreibstil lässt uns relativ schnell einen Zugang zu der Handlung finden. Trotz des großen Umfangs von mehr als 1.000 Seiten liest sich „Das erste Gesetz der Magie“ überraschend flott, unterhält die lockere, flapsige Schreibweise des amerikanischen Autors erstaunlich gut. Langatmige Sequenzen gibt es, vom unheimlich zäh vorgetragenen Aufenthalt bei den Schlammmenschen mal abgesehen, eigentlich kaum. Hinzu kommt, dass es Goodkind immer wieder gelingt, die ein oder andere nicht vorhersehbare Wendung einzubauen. Diese jedoch alle logisch zu hinterfragen, ist mitunter nicht möglich, da viele Informationen, die dorthin gedeutet hätten, dem Leser schlichtweg vorenthalten werden.
Wer also etwas Innovatives sucht, wird hier eher schwerlich fündig werden. Dafür schreibt Goodkind zu konventionell, fehlt über die ganze Distanz einfach der eigene Ton und die inhaltliche Eigenständigkeit. Immer wieder fühlt man sich an andere Fantasy-Werke erinnert. Da hilft es dann auch nicht, wenn man seine Welt mit neu erfundenen Wesen bevölkert, die leider in Band 1 genauso blass daherkommen wie Richard Cypher selbst. Das der ein oder andere da bereits relativ früh die Flinte ins Korn schmeißt ist nachvollziehbar, wenngleich aber auch etwas voreilig. Spätestens ab Mitte des Buches nimmt die Geschichte nämlich endlich Fahrt auf, was nicht zuletzt daran liegt, dass der Autor mit Schauplatzwechseln und Kapitelteilungen Abwechslung ins Spiel bringt.
Ein großes Manko lässt sich jedoch nicht schönreden. Wenn der Verlag schon den Vergleich mit Tolkien heranzieht, sollte er zumindest in manchen Punkten diesen standhalten können. Besonders im Hinblick auf Goodkinds kreierte Fantasy-Welt tun sich da allerdings Abgründe auf. Bis zum Schluss konnte ich nicht so recht den Zugang zu ihr finden, wobei doch die Idee von den durch drei magische Grenzen geteilten Ländern durchaus Potenzial für mehr gehabt hätte. So schön die in der Klappbroschur beinhaltete Karte ist: Der Autor vermag sie nicht mit Leben zu füllen, geschweige denn den verschiedenen Völkern diesen Reichtum an Kultur und Atmosphäre zu vermitteln, welcher Tolkiens Werk so einzigartig gemacht hat. Ansätze sind da, mehr leider nicht. Selbiges gilt dann auch für die anderen beiden Hauptfiguren Kahlan und Zedd. Erstere bleibt über eine zu lange Distanz lediglich auf die geheimnisvolle Schönheit reduziert, wohingegen die Auftritte des herrlich schrulligen, verfressenden Zauberers viel zu klein geraten sind.
Was bleibt unter dem Strich? Trotz all der deutlich in Erscheinung tretenden Mängel muss Goodkinds Debütwerk doch das gewisse Etwas in sich bergen. Nur so lässt sich jedenfalls erklären, dass sich bei diesem epischen Werk keinerlei Langeweile eingestellt hat, ja, gegen Ende hin es mir sogar unmöglich wurde, das Buch aus den Händen zu legen. Da viele Fragen am Schluss offen bleiben und ich mich im Großen und Ganzen gut unterhalten gefühlt habe, wird wohl auch der zweite Band bald in Angriff genommen werden.
Insgesamt ist „Das erste Gesetz der Magie“ ein kurzweiliger, aber auch unspektakulärer Beginn eines inzwischen 11 Bände umfassenden Epos, der aufgrund einiger ziemlich brutaler Szenen sowie der zwischenzeitlich thematisierten Pädophilie jedoch nicht für jüngere Leser geeignet ist. Sicherlich kein Muss für Fantasy-Fans, aber nette Unterhaltung für zwischendurch.