Ganz gegen meine Gewohnheit, möchte ich mich in dieser Rezension einmal vergleichsweise kurz fassen. Denn obwohl ich das Buch überraschend gut fand, denke ich, dass es bei Thrillern, zumal solchen, die aus einer Serie einer bekannten Erfolgsautorin stammen, einfach nicht viel zu sagen gibt. Wer blutige Spannung liebt, der weiß sowieso, was ihn erwartet - und wer den Namen Tess Gerritsen kennt, erst recht. Die wird meiner Meinung nach nur noch von Mo Hayder übertroffen, was blutige Thriller angeht.
Ja, ich habe sozusagen aus Trotz zu diesem Buch gegriffen. Es wurde, in recht abgewetztem Zustand, von mir auf einem Flohmarkt aufgelesen. Und der Zeitpunkt, es zu versuchen, schien einfach günstig. Genau zwischen verschiedenen Testlese-Büchern, ohne allzu viele Erwartungen. Und auch der offizielle Verriss von Denis Scheck reizte mich - denn der hatte die Bücher von Tess Gerritsen als "Leichen-Pornos" bezeichnet. So schlecht war es dann allerdings doch wieder nicht!
Ganz im Gegenteil. Einmal angefangen, war ich sehr überrascht. Mich hat vor allem die gekonnte Mischung überzeugt. Hier wechseln sich, in angenehmem Rhythmus, medizinische Details, spannungsreiche Handlung, und private Querelen ab. Alles immer wohl dosiert, und genau so geplottet, dass der Leser weder unter- noch überfordert wurde. Und sogar ein Schuss Romantik war dabei, da sich einer der Ermittler in das Haupt-Opfer verliebt! Dazu dann noch jeweils kursiv gedruckte Abschnitte, in denen der ominöse Täter zu Wort kommt. Das nenne ich gekonntes Schriftsteller-Handwerk, mal ganz abgesehen von den blutigen Details (da habe ich schon Schlimmeres gelesen).
Sehr schön gemacht auch die Tatsache, dass man als Leser (wie die Ermittler auch) bis etwa zur Mitte des Buches auf eine völlig falsche Fährte gelockt worden war. Gegen ziemliche Widerstände hatte der Ermittler Moore eine Hypnose-Sitzung mit dem Opfer angeordnet. Und was dabei herauskam, sollte die ganze Richtung der Ermittlungen um 180° drehen... und die Spannung ging wieder von vorne los. Super!
Kritikpunkte gibt es natürlich auch. Oder sagen wir einfach, Dinge, die mir auffielen. Das Buch erschien, laut Impressum, erst vor etwa 10 Jahren zum ersten Mal. Da wundere ich mich doch, dass man einem Polizisten noch erklären muss, was ein "Chatroom" ist; oder dass Daten auf "Disketten" gespeichert werden, und nicht auf USB-Sticks. Nun ja. Ferner konnte ich das ganze Gefasel um die Ermittlerin Jane Rizzoli überhaupt nicht verstehen. Meines Erachtens ist es doch nun wirklich kein solches Problem mehr, als Frau bei der Mordkommission zu arbeiten! Zumal ich fand, dass sich diese Abschnitte um Rizzoli arg gehäuft haben, und sehr nahe am Rand der Platitüde gebaut waren.
Mein zweites Votum betrifft die Erzählperspektive. Es gibt nämlich im ganzen Buch keine einheitliche. Wir haben im ganzen Buch an die 6 Ermittler, von denen zwei bis drei häufiger eine Szene dominieren. Dazu noch die Protagonistin, die Chrirugin Catherine Cordell. Das macht, wenn man den Täter mitzählt, 5 Erzähler, die sich abwechseln. Zudem wechseln die Szenen manchmal recht schnell. Das Fazit lautet also, dass man sich als Leser (ich zumindest) mit keinem einzigen Erzähler wirklich identifizieren konnte. Das ging bei keinem genügend in die Tiefe, als dass man wirklich "warm" mit ihm hätte werden können. Gut, dafür wurde dann wieder die Spannung angezogen. Bei Tess Gerritsen muss man wohl wissen, was man will. Eine Elizabeth George ist sie sicherlich nicht, bei der man sozusagen zum "Familienmitglied" wird.
Trotz alledem werden es bei mir wohlverdiente 4 Sterne! Ich könnte mir durchaus vorstellen, weitere Bücher von Tess Gerritsen zu lesen. Die Spannung hat mich einfach überzeugt, und zudem habe ich noch viel über die Abläufe in einem Krankenhaus und einem Operationssaal gelernt. Ich würde sagen, Tess Gerritsen scheint geeignet für alle diejenigen Leser, denen Mo Hayder zu drastisch und Elizabeth George zu brav ist!