Sarrazins Buch hat wie kein anderes in den vergangenen Monaten die Gemüter der Bevölkerung und die Seiten der Feuilletons erhitzt. Allein wegen dieser Diskussion war es wert, das Buch einmal zu lesen.
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Gleich zu Anfang möchte ich eine werbewirksame und provokante Aufmachung bemängeln. Das Buch kommt daher mit knallrotem Einband und dicken, fetten Buchstaben einschließlich Angst schürendem Titel, der quasi eine „Endzeitstim-mung“ der deutschen Kultur und Gesellschaft heraufbeschwört. Strategie war es offensichtlich auf die bereits im Zeitpunkt der Buchveröffentlichung bestehende Diskussion über die gesellschaftlichen Probleme anzuknüpfen; hierzu bediente man sich (mal wieder) klassischer Methoden, die auch beim Boulevard-Journalismus regelmäßige Anwendung finden.
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Der Schreibstil ist angenehm, trotz wirtschaftlichen, politischen und soziologischen Vokabulars bleibt der Text auch für Laien gut lesbar. Eingebettet sind eine Reihe von Statistiken und Zahlen. Auch im Text wird eine Vielzahl von Quellen zitiert. Eine umfangreiche Recherche liegt der Arbeit somit zugrunde, die (wohl, ein Restrisiko bleibt) auf ausreichend statistisches Material zurückgreift, um halbwegs die Wirklichkeit bewerten zu können. Die Argumentation Sarrazins, ausgehend von seinen Fakten, erscheint in sich schlüssig.
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Sarrazins Zentralproblem kann man wohl als die Angst vor einer Ausweitung der ungebildeten, oft dem Migrationsmilieu zuzuordnenden „Unterschicht“ bezeichnen. Die Ausweitung geschieht seiner Meinung nach durch eine erhöhte Geburtenrate. Unter den Angehörigen der Unterschicht sieht er viele Arbeitsunwillige und Schlechtgebildete, die vermehrt – wenn ein Migrationshintergrund vorliegt – aus Ländern des Nahen Ostens und der Türkei stammen. Dass das Unterschichtenproblem nicht eine momentane Problematik darstellt, sondern sich weiterentwickelt, sieht er darin begründet, dass diese – meist von Transferleistungen lebenden Menschen – eine höhere Geburtenrate nachweisen würden und gleichzeitig – so seiner Meinung nach wissenschaftlich bewiesen – ihre nicht vorhandene Intelligenz im Wege der Vererbung an ihre Kinder weitergeben.
Dabei wird – nicht immer – verkannt, dass auch die Ober- und Mittelschicht ein Problem hat. Es ist gesamtgesellschaftlich eine Schieflage zu beobachten, die sich nicht ausschließlich durch finanzielle Armut ausdrückt. Insbesondere die immer mehr schrumpfende Mittelschicht hat große Probleme, unter den neuen gesellschaftlichen Gegebenheiten ihre Rolle neu zu definieren. Kinder aus allen gesellschaftlichen Schichten zeigen Probleme, es wird allgemein – und nicht ausschließlich bei den unteren Bevölkerungsschichten – über den geringen Bildungsgrad, das allgemeine Desinteresse und das destruktive Verhalten junger Menschen Kritik geübt. Und: selbst wer heute einen Universitätsabschluss hat rutscht oftmals nach dem Studium erst einmal ab, gehört zum „Prekariat“ und lebt von Harz-IV, da er teilweise recht lang nach einer Arbeitsstelle sucht, die auch seinem Ausbildungsniveau entspricht. Sicher gewährt die Grundsicherung heute ein Überleben, das nicht unbedingt den totalen Ausschluss aus der Gesellschaft bedeutet und ein Überleben sichert. Sarrazins Motiv der sich ausbreitenden Unterschicht ist ein Altbekanntes; schon zu Ende des 19. Jh. kursierte eine undefinierbare Angst, dass die unteren Gesellschaftsschichten zu einer Bedrohung der Oberen werden könnten. Schwierig die heutige Situation mit dieser Angst vergleichen zu wollen, denn die gesamte Gesellschaft zeigt Zeichen einer Schieflage, einer Zersetzung.
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Viele Argumente, insbesondere hinsichtlich der oftmals nicht geglückten Integration, dem Nebeneinander oft sich ausschließender Gesellschaftsverständnisse wie dem Westlichen und dem vom Islam geprägten oder der schlechten Bildungssituation sind nachvollziehbar und werden, sieht man genauer hin, von vielen Menschen in diesem Land gerade so vertreten. Dass Deutschland ein Ausländerproblem hat wird auch von vielen Mitbürgern so gesehen, ob dem tatsächlich so ist, weiß keiner; es wird allgemein angenommen, dass jedes Jahr unzählige neue Ausländer einwandern...
Dass akademische Milieus weniger Kinder bekommen hat sehr viele Ursachen, auf die Sarrazin auch keine ausreichenden Antworten parat hat. Zwar erkennt er, dass allein die Ausbildung dieser Menschen lange währt und eine solide Arbeitsstelle erst weit in den 30-ern erreicht wird, wie dem abgeholfen werden kann, da bringt er nur unzureichende Vorschläge. Junge Frauen mit Kind bleiben in dieser leistungsorientierten Gesellschaft immer etwas zurück; Arbeitgeber fürchten Arbeitsausfälle und dergleichen. Und solange viele akademische Familien erst weit nach ihrem 30 Lebensjahr sagen können, dass sie sich eine akzeptable und sichere Existenz aufgebaut haben in die Kinder hineingeboren werden können, wird sich an der geringeren Geburtenrate unter gut- und hochgebildeten Familien wenig ändern. Es bleibt letztendlich eine logische und zwangsläufige Reaktion auf die gesamtgesellschaftliche Situation dieser Menschen. Eine Lösung bringt Sarrazin hierfür nicht.
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Der Autor argumentiert sehr konservativ, spielt mit einer weit verbreiteten Angst der Gesellschaft, noch mehr von ihrer Sicherheit und ihrem Status abgeben zu müssen. Schon vorhandene Feindbilder werden durch statistische Fakten scheinbar weiter untermauert. Verloren geht auf diese Weise die Fähigkeit des Einzelnen, sich vor einer abschließenden Beurteilung der gesamtgesellschaftlichen Lage freizumachen, nur für den Einzelfall zu entscheiden und sich keinen Stereotypen anzuschließen. Denn für alle vorgebrachten Beispiele gibt es Ausnahmen, in den unterschiedlichen Facetten. Sarrazins Buch stellt daher für mich lediglich eine Seite der Medaille dar; und zwar die konservative Sicht auf die aktuelle Gesellschaftslage. Ich halte es deshalb für wichtig, nach dieser Lektüre eine Gegendarstellung zu lesen, denn alle Argumente Sarrazins kann man auch aus einem anderen Blickwinkel heraus beschreiben und anschließend bewerten. Für mich liegt die Lösung unserer Probleme nicht in einer angedrohten Mittelkürzung bei Beziehern von Transferleistungen, um sie zum Arbeiten anzuregen, und auch nicht bei einer verringerten Einwanderung oder einer „Eliten(geburten)förderung“, sondern in einer insgesamten Änderung der mentalen und gesellschaftlichen Verhältnisse, insbesondere im Zusammenhang mit der Globalisierung. Diese Änderung erscheint mir jedoch sehr, sehr schwierig und wird wohl auch zu einer Generationenaufgabe.