die folgende rezension habe ich noch zu schulzeiten geschrieben, aber es ist eh die beste, die ich je fabriziert habe...
Ich sitze in der S-Bahn, die Füße auf eine Kante gestützt, die Knie angewinkelt und starre wortlos aus dem Fenster. Draußen scheint die Sonne. Zwei Reihen vor mir lästern ein paar Gymnasiastinnen über einen Mitschüler, ich versuche gereizt sie zu überhören, drehe die Musik lauter, es reicht nicht. Ich rücke meine Sonnenbrille zurecht und wende mich wieder dem Buch auf meinen Knien zu. „Heldenplatz“ steht in leuchtend roter Schrift auf dem Cover, ich blättere ein wenig darin um die Seite zu suchen, auf der ich stehen geblieben war, dritte Szene, schon fast am Ende. „In diesem Kleinstaat ist alles schwachsinnig / und die Geistesbedürfnisse sind auf das absolute Minimum heruntergeschraubt“, ja, das war genau die Stelle an der ich aufgehört hatte, nachdem die Verbalclowns dort vorn angefangen hatten lauter zu lästern, als Marilyn Manson durch meine Köpfhörer schreien konnte. „Was für ein beneidenswerter Mensch doch der ist / der die Kraft gehabt hat / sich aus diesem Unstaat in das absolute Aus / und ganz einfach auf den Döblinger Friedhof zu retten / Für unsereinen ist der Friedhof immer der einzige Ausweg gewesen“ Professor Robert schwadroniert wieder, würde man sagen, ich sitze einfach ganz ruhig da und lächle. Warum nicht? Manchmal erscheint das Leben hier doch wahrlich als eine einzige Ansammlung von Stumpfsinn. Die Intelligenz im Kaffeesatz; Nietzschezitate werden dargeboten von Sternburgtrinkern, und zu allem Unglück sind wir jetzt auch noch Papst, wie kürzlich ein Klatschblatt kommentierte.
Das Buch amüsiert mich. Zugegeben, für jeden Leser ist die erste Szene einfach unerträglich. Das endlose Gespräch Frau Zittels mit Hertha erscheint auf den ersten Blick dermaßen belanglos, dass man es überfliegt in der Hoffnung irgendwann auf etwas mehr Handlung zu treffen, oder wenigstens auf irgendetwas. Irgendwie hatten sie mich an die Gespräche während meiner Familienfeiern erinnert, alles ist so belanglos, man erzählt von Früher und jammert über das Heute, schimpft und lamentiert und geht schließlich nach hause, mit nichts als – mit Nichts. Die Versuche den stundenlangen geistigen FastFoodkonsum um ein paar Salatblätter zu erweitern sind regelmäßig gescheitert, so ist es eben, wenn Anekdoten aus Stephan Heyms Eheleben der Eisberg der Kultiviertheit sind. Ich schätze die Entgrenzungsversuche Thomas Bernhards bei einer solchen Veranstaltung wären ebenso zahlreich, wie die bösen Blicke, die man kassiert, wenn man dort Sympathien für Kafka äußert. Auch in der dritten Szene des Buches kommt eine Gesellschaft bei Tisch zusammen, aber hier hat es Thomas Bernhard nicht mehr ausgehalten und nimmt dem schon im zweiten Teil des Buches knurrenden Professor Robert Schuster endlich die Maskerade des Anstands ab. Er lässt ihn aussprechen, was, Berhards Ansicht nach, endlich jemand sagen muss. Dass Österreich verseucht ist von nationalen Sozialisten, die das Judentum auch fünfzig Jahre nach Hitlers feierlicher Ansprache auf dem Heldenplatz noch immer und überall unterdrücken und verachten, dass Wien nicht Gipfel der Kultiviertheit, sondern des ordinären Geschmacks ist und dass es keinen Ausweg gibt außer der Flucht aufs Land, wie es auch Bernhard selbst getan hat. Ein Rückzug aus der „noch immer mit dem Analphabetismus ringenden“ Gesellschaft, nicht durch einen Fenstersturz, wie es der bereits zu Beginn des Stückes verstorbene Professor Josef Schuster getan hat, sondern durch ignorante Selbstdarstellung und den Genuss stoischer Ruhe abseits der Hauptstadt. Die Trauergesellschaft erduldet die Predigt des Professor Robert, doch keiner der Anwesenden kann seinem Wortschwall etwas entgegensetzen. Während des kargen Dinners hört die Witwe Schuster Rufe und lautes Geschrei vom Heldenplatz unten auf der Straße, hört, wie schon in den vorangegangenen Jahren, was damals 1938 zu ihrer Wohnung heraufgeklungen war. Frau Zittel hatte es im ersten Teil, an den sich der Leser plötzlich erinnert, lamentiert, die Frau Professor wäre krank geworden in dieser Wohnung; es ist die unverarbeitete Erinnerung und die ständige Gegenwart der nationalistischen Vergangenheit, die Bernhard immer lauter und unerträglicher werden lässt, bis schließlich Professor Robert zum Höhepunkt seiner Tiraden kommt, die Welt bestehe doch nur aus absurden Ideen, während die Witwe vornüber in ihren Suppenteller fällt.
Man muss nichts über den Verlauf des Buches sagen, um zu wissen, worum es darin geht. Genau betrachtet gibt es keine Handlung, nur Inhalt. Dieses letzte Werk Bernhards ist wohl eines der umstrittensten Stücke, die Österreich je gesehen hat. Die Uraufführung musste lange verschoben werden, die Presse schrie empört auf, nicht zuletzt wegen Passagen des Stückes in denen der Autor den österreichischen Journalismus als „Dreckblätter“ bezeichnet, die einem die Tabletten ersparen, weil sie „den Blutkreislauf schon in der Frühe in Raserei“ versetzen.
„Heldenplatz“ ist die Beschreibung Österreichs durch einen nihilistischen Heimatliteraten, der über die Figurenentwicklung den eigenen Pessimismus und seine Misanthropie zur Schau stellt. Viele kritisieren die Ausweglosigkeit des Werkes. Die Leute verlangen immer, dass man versucht etwas zu ändern, wenn man etwas schlecht findet. „Wer meckert muss auch sagen, wie man es besser machen kann“ – mag wohl sein, dass man das tun muss, wenn man mehr Geld haben will, wenn man zu einer Party geht, die man langweilig findet oder seiner Frau sagt, ihre neue Haarfarbe sei noch geschmackloser als ihre Feinrippunterwäsche. Aber niemand kann ausziehen um die Menschen zu ändern, da können die Moralisten schwadronieren, wie sie wollen, es ist ausweglos. Nächstenliebe ist eine Lüge, es ist unnatürlich, natürlich kann man versuchen ein besserer Mensch zu werden, doch erzwingen kann man es nicht, das mag wohl auch der Grund sein, warum Bernhard im Stück die Kirchgänger als „katholisches Gesindel“ tituliert, er ist eben Feind aller belehrenden Perfidie. „die Parteien und die Kirche / haben alles mit ihrem Stumpfsinn zerstört / der immer ein niederträchtiger Stumpfsinn gewesen ist / und der österreichische Stumpfsinn ist ein durch und durch abstoßender“, hämmert es Robert Schuster in die Köpfe der Leserschaft, unzählige Male wiederholt er die Anklagepunkte Bernhards bis auch der Letzte die Botschaft verstanden hat.
Tja und der Leser? Der hasst das Buch. Allen voran natürlich die besonders patriotischen Österreicher. Und doch, als ich das Buch am Ende der Fahrt zuschlage und mich umsehe, finde ich es - authentisch.
Die Mädchen sind inzwischen ausgestiegen, auf den Plätzen um mich herum sitzen neue Leute, aber nichts an ihnen ist anders. Stumpfsinn spricht aus ihren Augen und während sie mich anstarren, als ich den Zug verlasse in Richtung der großen Stadt, höre ich, wie Marilyn Manson kreischt „This ist the golden Age of Grotesque“