Leser-Rezension zu „Das Leben der Wünsche” von Thomas Glavinic
am 27.06.2010
Jonas bekommt die berühmte Gelegenheit, drei Wünsche erfüllt zu bekommen. Unfähig, alle Fragen und Bestrebungen in drei Wünsche zu packen, lautet seine Antwort schlicht: "Ich wünsche mir mehr Wünsche". Ein märchenhaftes Unding, dass der mephistophelischen Fee mit Goldkettchen allerdings ganz Recht kommt. "Lass deinen Wünschen Zeit und Raum, sich zu entfalten", gibt er ihm noch auf den Weg mit. Und dann beginnt die Veränderung. Und zunächst höchst subtil.
Jonas spricht seine Wünsche nie aus, er denkt sie auch nur am Rande, denkt herum, und bekommt doch auf die eine Weise das, was er sich wünscht. Auch wenn er damit nicht gerechnet hat oder er nicht wusste, dass das wirklich sein Wunsch war. Gerade die unbewussten und triebhaften Wünsche sorgen für Situationen, deren Tragweite seinem Bewusstsein wie der Moral einen gehörigen Schrecken einjagt. Aber es geht auch einfacher. Was gibt es Besseres, als die Schlaflosigkeit mit einem Rudertrip durch die Straßen der Innenstadt zu besiegen. Und schwieriger? Was, wenn man tatsächlich in die Zukunft oder die Vergangenheit blicken kann?
So braucht man sich auch nicht wundern, wenn nach einer Weile Jonas' Geschichte von einem düsteren, beinah Thriller-artigen Aufbau zunehmend surrealer wird. Präsentiert in Glavinics szenischer und knapper Erzählweise fügen sich entsprechende Bilder in den Köpfen der Leser zusammen. Und doch findet man immer zurück in die Wirklichkeit. In Jonas' Welt und sein Netzwerk an Nebenfiguren, die allesamt einen erfüllten oder unerfüllten Wunsch repräsentieren.
Und so ist es vor allem der Wunsch nach dem Verstehen, dem Sinn, der eigenen Existenz und dem Streben nach Glück der Jonas durch die Geschichte treibt und den er -- je nach Interpretation -- am Ende auch erfüllt bekommt. Genau dort lässt Glavinic den Leser auch mit einigen Fragen zurück, die allerdings schon seit den ersten Seiten existierten. Die Geschichte war nur der Transporter, ein Katalysator um diese Fragen von der Romanfigur zum Leser zu bringen. Beantworten kann man sie nach beliebigem Ausmaß für sich selbst. Und wer es schafft, wird eventuell wirklich "wunschlos glücklich".
Ein großartiges, düsteres Buch für Leute, die gerne nachdenken. Und das gottseidank in einer angenehm zurückhaltenden und eingängigen Sprache. Mich begeistert aber vor allem, wie wandelbar Glavinic in Themen und deren Auseinandersetzung ist. Nach dem verstörenden Psychogramm "Der Kameramörder" und dem satirischen-albernen "Das bin doch ich" dreht sich der Autor zum dritten Mal um 180 Grad, und erreicht wieder ganz andere Erzählsphären. Mein Wunsch: Mehr!

