Leser-Rezension zu „Wie man leben soll” von Thomas Glavinic
am 2.08.2010
Karl Kolostrum, von allen mehr oder weniger liebevoll Charlie genannt, ist der falsche Teenager zur falschen Zeit: Als übergewichtiger und laut Lebensratgeber eindeutig als "Sitzer" deklarierter Jugendlicher Mitte der Achtziger Jahre fehlt es vor allem an einem: Orientierung. Wie soll man leben, wo soll man sich hinbewegen, und wie soll man das bewerkstelligen, wenn man so gar keinen Antrieb hat, überhaupt etwas zu verändern?
So lernen wir Charlie kennen, wie er von einer Lebensphase zur anderen schwimmt, ohne wirklich zu bemerken, dass er die vorige verlassen hat und in die nächste reingekommen ist. Einzig Charlies Leidenschaften sind Eckpfeiler in seinem Leben: Zum einen die Musik, zum anderen natürlich die Frauen, die auch bei ihm nicht ausbleiben. Denn merke: Mit wem man geht ist eine Frage der Gelegenheit, nicht der Wünsche. Zwischen den Beziehungen sehen wir Charlie vor allem als typischen, ewigen Studenten, den passivsten Mitstreiter einer aktiven Studentenbewegung und vor allem als "den guten Tatsch", den man halt als hochprozentiger Sitzer und minimaler Draufgänger bieten kann.
Thomas Glavinic hat mit "Wie man leben soll" nicht nur den sympathischsten Antihelden aller Zeiten geschaffen, sondern diesen auch sprachlich in ein einzigartiges Kostüm gesteckt: Die Geschichte an sich wird selbst im Stil eines Lebensratgebers dargestellt, der Protagonist nur als "man" bezeichnet und ist mit diversen, eingestreuten Zitaten und Merksätzen gespickt. Dadurch entsteht eine ungeheure Bindung zur Hauptfigur, auch wenn man -- so hofft man -- sehr wenig mit ihm gemeinsam hat. Andererseits fragt man sich am Ende doch, ob wir nicht alle ein bisschen Charlie Kolostrum sind.
Und auch wenn die Geschichte zeitlich eindeutig fixiert ist und als Generationenporträt verstanden werden kann, passt die Stimmung, die Orientierungslosigkeit der Hauptfigur und die szenischen Ereignisse auch auf Jugendliche aus der heutigen Zeit. Viel mag sich zwar geändert haben, aber auch ich, der bei Charlies erstem Mal gerade einmal vier war, kann mich doch in einigen Dingen wiedererkennen. Und nicht nur bei der hohen Affinität zu Led Zeppelin.
"Wie man leben soll" ist schlussendlich vor allem eines: Ein überaus ironischer, spaßiger und popkulturell geprägter Anti-Lebensratgeber. Ich hab Tränen gelacht, und schön langsam frage ich mich, ob Glavinic auch ein Buch geschrieben hat, das mich nicht überrascht und mir nicht gefällt.

