Man könnte meinen, man sei als leicht dicklicher Schüler mit dem Namen Karl Kolostrum schon genug bestraft. Nein zu diesem Umstand ist die mit diesem Namen geschlagene Hauptperson dieses Romans, auch noch der Sohn einer alkoholkranken Mutter mit promiskuitivem Lebenswandel, der einzige Neffe/ Enkel einer wahrhaft schreckeinflössenden Verwandtschaft, ein siebenundachtzigprozentiger Sitzer, wie man aus einem der vielen Ratgeberbücher, die man zu seiner hauptsächlichen Lektüre zählt, weiss und dazu mit einer Tolpatschigkeit geschlagen, die nicht nur ein Handicap in Liebesdingen darstellt, sondern auch in gleich mehreren zufällig verschuldeten Todesfällen gipfelt.
Wobei Karl Kolostrum, „Charly“, doch im Grunde sehr durchschnittlich ist, nicht besonders schön, aber auch nicht ausgesprochen hässlich, kämpft er schon seit seiner Kindheit zu seinem Hang zum Dicksein und mehr oder minder gravierenden Problemen mit der holden Weiblichkeit. Nach seiner Matura versucht er sich, etwas orientierungslos und wenig enthusiastisch, im Studium der Kunstgeschichte, das er dann schliesslich, nach etlichen erfolglosen Semestern und von der Familie finanziell endgültig auf sich allein gestellt, zugunsten seines Jobs als Taxichauffeurs ad acta legt. Als solcher wird er in eine Nachmittagstalkshow (starker Verdacht: Barbara Karlich?!) eingeladen, wodurch er am Ende des Buches schliesslich zum Popstar avanciert.
Ein besonderer Reiz dieses Buches liegt darin, dass es durchgehend aus der Sicht der Hauptperson in der unpersönlichen, scheinbar distanzierten Man-Form geschrieben ist, die dem Buch seinen selbstironischen Ton verleiht. So wird der Leser Zeuge der amourösen Erlebnisse und Erfahrungen und der heroischen Tagträume Karl Kolostrums. Dazu kommt seine Vorliebe für Ratgeberbücher, wie „So komme ich nach oben“, „So mache ich mir Freunde“, „So mache ich mir Freunde. Teil II“, „Die Persönlichkeit“ oder „Der Weg zu sich selbst“ der durch verschiedenste eingestreute „Merke“-Sätze Rechnung getragen wird.
Ich habe wirklich und ungelogen Tränen gelacht, als ich dieses Buch gelesen habe. Und im Vergleich zu vielen anderen Büchern, kann ich mir bei diesem sogar vorstellen, dass es dem Autor beim Schreiben gleich ging. Noch immer ertappe ich mich dabei, wie ich im Gedanken, an manche der im Buch beschriebenen Szenen, leicht glucksend in mich hineinlache. So zum Beispiel, als die Hauptperson in Sorge um das Wohlbefinden seiner Grosstante Ernestine nächtens bei dieser mit einem erschlichenen Haustürschlüssel einsteigt und sich dabei am Bauch robbend in einem Meer von Reissnägeln wieder findet, wodurch er, so laut aufschreit, dass die alte Frau durch den Lärm aus dem Schlaf gerissen, am Schreck, den ihr dieser verursacht hat, stirbt.
Oder auch die Beschreibung der Faust-Sitzungen (Erklärung für alle Nicht-Österreicher: Faust heisst eigentlich VSSTÖ und ist der Verband sozialistischer Student_innen Österreichs), an denen er weniger der Überzeugung als vielmehr seiner erotischen Hoffnungen wegen teilnimmt, was darin gipfelt, dass er vom Faust-Vorsitzenden zu einem Sommer-Job als Rotkreuz-Sammler eingeteilt wird.
Es gäbe noch unzählige solcher Szenen, die ich an dieser Stelle aufzählen könnte, aber: Nur selber lesen macht Spass!