Achtung, Rezension enthält Spoiler
Ich habe im Vorfeld öfters gelesen oder gehört, dass Thomas Mann aufgrund langer Schachtelsätze schwierig zu lesen sei. Umso überraschter war ich, wie gut sich der Roman lesen lässt. Ich finde Thomas Manns Stil überhaupt nicht schwierig, sondern im Gegenteil sehr angenehm zu lesen. Wer meint, Thomas Mann würde Schachtelsätze schreiben, soll mal „Die Akazie“ von Claude Simon lesen! Daran bin ich völlig verzweifelt, ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, das Buch zu Ende zu lesen… Aber zurück zu den Buddenbrooks.
Ganz besonders interessant macht die Geschichte natürlich, dass fast alle Personen ein reales Vorbild aus der Familie Thomas Manns haben. Thomas Mann war Teil der Welt, die er beschreibt, und kann daher wie kein anderer erzählen, wie diese Welt langsam aber sicher zu einem Ende kam. Zumindest die Welt, wie das privilegierte Großbürgertums des 19. Jahrhunderts sie haben wollte. Am beeindruckendsten fand ich in diesem Zusammenhang Tonys “Rede“ gegenüber ihrem Bruder Thomas, nachdem sie ihren zweiten Mann verlassen hat. Sie hat erkannt, dass Leute wie sie im Grunde Adlige sind/waren, die in einer Welt, in der dem Großbürgertum nicht der erwartete Respekt zuteil wird, nicht zurechtkommen, so wie sie selbst in München nicht zurechtgekommen ist. Die heimliche Heldin Tony versinnbildlicht diesen ohnmächtigen Verfall der Familie perfekt, sie unternimmt alles, um die Familie weiterzubringen bzw. ihren Status zu erhalten, scheitert dabei aber ein ums andere Mal. Was besonders schmerzlich ist, weil sie ihre eigenen Wünsche dabei in den Hintergrund stellt, auf ihre einzige Liebe verzichtet und einen Mann heiratet, den sie verabscheut, nur um später festzustellen, dass er ein Mitgiftjäger war. Trotz aller Schicksalsschläge hat das Buch eine gute Portion Humor. Am genialsten fand ich dabei Herrn Permaneder, dessen herrliche bayerische Ausdrucksweise bei den noblen Norddeutschen so einiges an Entsetzen verursacht. Oder das gute Fräulein Weichbrodt, die zu jedem Anlass ihren Schützlingen „Sei glöcklich, du gutes Kend“ mitgibt. Oder die Dame, deren Name mir jetzt entfallen ist, die aber nie im Buch vorkommt, ohne dass dabei erwähnt wird, dass sie in den ersten Kreisen verkehrt. Thomas Mann versteht es, durch solche Stilmittel immer wieder Humorelemente einzubauen. Ein wenig irritiert hat mich das vorletzte Kapitel, in dem ein Schultag von Hanno beschrieben wird, ich habe dieses Kapitel irgendwie ein bisschen als nicht wirklich zur eigentlichen Geschichte gehörend empfunden.
Insgesamt war es ein wirkliches Vergnügen für mich, dieses Buch zu lesen. Ein Genuss in jederlei Hinsicht!