In zwei Büchern, die gewiss bei vielen von uns in den Regalen stehen, habe ich jeweils eine inhaltliche Auseinandersetzung und ein Ringen zweier Figuren gefunden, deren Tiefe, Weite und Größe mir immer aufs Neue den Atem nehmen und mir deutlich machen, wie unterschiedlich der Begriff "Wahrheit" zu deuten ist.
Eine kurze Vorstellung….
Zum Einen geht es um den Streit des Franziskanerpaters William von Baskerville mit dem blinden Klosterbibliothekar Jorge von Burgos in Umberto Ecos “Der Name der Rose”.
Beide Figuren setzen sich in intensivsten Austausch anhand des “Zweiten Buches der Poetik” von Aristoteles, welches sich mit der Kömödie beschäftigt, über fundamentale Fragen auseinander und setzen in Form und Inhalt dem Gegenüber in ungeheuerlichster Weise zu.
Beispielsweise geht es dabei um das Wesen des Lachens und des Humors - ihre Bedeutung und Wirkung auf den Einzelnen und die Allgemeinheit. Diese so vordergründig banale Frage wird von den Figuren in voller Ausdehnung beleuchtet und das Hin und Her der Argumente, Thesen und Gegenthesen hält den Leser in einer Art fest, wie ich sie so selten erlebte.
Das andere Aufeinandertreffen zweier Geistesgrößen fand ich in Thomas Manns “Der Zauberberg”
Hier kreuzen Lodovico Settembrini und Leo Naphta die Waffen. Settembrini verkörpert einen aufgeklärten Intellektuellen liberal demokratischer westlicher Prägung der Jahrhunderwende, der das Leben grundsätzlich bejahrt. Naphta ist eine Figur radikaler Haltung. Sein Denken ist eine ungeheure Mischung aus kommunistischen, anarchistischen und religiösen Anteilen und seine Grundhaltung ist der Settembrini vollständig gegensätzlich.
Thomas Mann jagt den Leser in ihren Streitgesprächen in eine Achterbahn intellektueller Leckerbissen. Wirklich nie habe ich einen so ungeheuerlichen intellektuellen Streit bisher erlebt. Mir haben sich ganze Welten bei der Lektüre erschlossen.
Beide Bücher haben mich tief gefesselt und fasziniert.
Sie gehören beide zu den wohl am schwersten zu lesenden Büchern, die ich bisher in Händen hielt. (Ecos “Der Name der Rose” ist mit dem Film nicht zu vergleichen, denn der Kriminalfall um die Morde im Kloster dienen im Buch nur als roter Handlungsfaden).
Beide Bücher sind über 800 Seiten stark und erlauben sich die Unverschämtheit, sich dem Leser nur dann wirklich zu eröffnen, so er über eine gewisse “Grundbildung” verfügt.
Beide Bücher verlangen dem Leser Arbeit ab. Sie sind komplex verschachtelt und ihre Intensivität ist geistiger Natur.
Die zu Beginn beschriebenen jeweiligen Aufeinandertreffen der 4 Protagonisten, gehören für mich zu den absoluten Sternstunden der Literatur.
Was wir in beiden Fällen erleben dürfen ist ein Duell zweier intensiver Denkentwürfe. Was das für mich so spannend macht, ist, dass es unmöglich ist, alle diese so grundlegend auseinanderliegenden Denkarten inhaltlich aushebeln zu können. Wir treffen hier auf 4 Figuren höchster intellektueller Befähigungen und der seitenlange Schlagabstausch der Beteiligten peitscht den Leser in ein Karussell, welches rauschartig schwindelig macht.
Spricht dieser, so gehe ich als Leser - auch noch nach kritischer Prüfung der These - gerne mit. Antwortet darauf dann aber jener, sehe ich den Inhalt auch aus seiner so zwingend logisch vorgetragener Sicht. Die Protagonisten bauen Türme aus Beweis und Argument voreinander auf und behaupten diese mit souveräner Leichtigkeit vor dem massiven Anstürmen des Gegenübers. Alle 4 Figuren verteidigen ihre Sicht und innere Einstellung, welche aus tiefer und ernster Gedankenarbeit resultieren, bravourös und mit atemberaubender Sicherheit.
Wir erleben zwei Fauskämpfe des Geistes auf Weltmeisterschaftsniveau. Ein Fest der Gedankenarbeit und eine Orgie der Suche nach der Wahrheit.
In diesen zwei so dicken Wälzern, finden wir Sternstunden an Wortgewalt, Tiefe, Klarheit, Sprachgewandtheit und intellektueller Leckerbissen, die zu vergessen an Sünde grenzt.
Alles in allem lese ich hier zwei Oden an die Unmöglichkeit der Suche nach der einen Wahrheit.
Das Aufeinandertreffen der 4 Streitparteien bleibt mir unvergessen. Zu selten kann man erleben, was es bedeuten kann, wenn sich derartige Charaktere finden.
Atemberaubend.
Ich darf dem geneigten Leser sehr empfehlen, sich diesen Büchern und ihren Verfassern zuzuwenden. Beide schenken unvergessliche Sternstunden der Leselust.