Leser-Rezension zu „Vineland” von Thomas Pynchon
am 9.10.2009
Vineland behandelt die Zeit vom Ende der Wilden Sechziger bis hin zur Reagan-Ära in den Achtzigern. Es geht um den Verrat von Idealen, den Verlust von Bürgerrechten (wegen des Kampfes gegen Drogen) und darum, was aus den Mitgliedern der Widerstandsbewegung geworden ist. Es geht um die Lage der Nation, die im wahrsten Sinne in die Röhre schaut, so dass es schon Suchtkliniken mit mobilen Einsatzkommandos für TV-Junkies gibt. Daraus hätte man ein düsteres, deprimierendes oder schlimmstenfalls langweiliges Buch machen können. Pynchon hat ein (bei aller berechtigten Bitterkeit) saukomisches Buch daraus gemacht.
Es ist die Sprache, der Humor, der Tonfall, die absurden Ideen. Pynchon schreibt keine seziererischen Charakterstudien in leisen Tönen, sondern schlägt die ganz große Pauke und ich bin ein erklärter Fan dieses Instruments.
Vineland gilt allgemein als Thomas Pynchons zugänglichstes Buch, weil es eine nachverfolgbare Handlung besitzt, über ein einigermaßen übersichtliches Personal verfügt und (nach seinen Maßstäben) sehr konventionell geschrieben ist. Das mag alles stimmen, aber dennoch ist es kein Buch für Zwischendurch, sondern eine lohnenswerte Lektüre, die den Einsatz des Lesers fordert. Pynchons Texte werden ihm nicht auf einem silbernen Tablett gereicht, damit er sie entspannt genießen kann. Es ist mehr so, als kämpfte man mit einem hungrigen Tier um jeden Bissen und alles, was man für sich erobern kann, zählt unendlich viel. Das muss einem nicht gefallen und vielen gefällt es auch nicht. Mehr als bei allen anderen Autoren, die ich kenne, ist Pynchon Geschmacksache. Meinen Geschmack trifft er wie kein anderer.

