Eingereicht von Dastisch Fantastisch:
„Ich bin Charlotte Simmons.“ Schlachtruf und Rettungsanker einer jungen, hochbegabten Frau, die aus dem kleinen Provinznest Sparta taumelnd, staunend und blauäugig in die Welt der Eliteuniversitäten aufbricht. Eine Welt, die für Wissen und Bildung steht, doch unter der Oberfläche einem Babylon gleicht: Verzweifelter Sex, Erniedrigung, im Verborgen waltende Apartheid, Körperkult, Coolheitsdruck– alles im undurchdringlichen Nebel der Adoleszenz. Inbegriffen eine Scheinheiligkeit, "so dick, dass man sie mit einem Messer zerschneiden kann". Tom Wolfe ist ein begnadeter Journalist. Schon in frühen Werken wie „The Electric Kool-Aid Acid Test“ mischte er dokumentarische Inhalte mit prosaischen Ansätzen. Aus seinen umfangreichen Recherchen über das modernde Collegeleben entstand der Roman „Ich bin Charlotte Simmons“. Anstatt am Ufer dieses Sees zu stehen und distanziert über das zu schreiben, was unter der glasklaren Wasserdecke liegt, riss er sich die Krawatte vom Hals, entledigte sich seines zum Markenzeichen etablierten Dandy Anzugs und tauchte tief hinab in das zeitgenössische Nass. Und so erzählt er aus den Köpfen der Studenten, was ihm nicht nur schlicht gelingt, sondern was er bis in die Perfektion hinein meistert. Anders ausgedrückt: Tom Wolfe wird bei dem Kopfsprung in dieses Wasser nicht nass, das Wasser wird Tom Wolfe.
Das amerikanische College: Aufgeblasene Sportler, denen man alle Türen öffnet, deren Schleichwege letztlich purer Betrug sind, was aber nicht ins Gewicht fällt, so lange sie nur die blitzenden Stadionssitze füllen. Wie im Mittelalter bei den Ritterduellen legt man ihnen Reichtum (chromblitzende SUVs) und holde Damen (intimrasierte Hardbodies, deren einzige Zielrichtung Beischlaf mit einem oder mehreren Stars bildet) zu Füssen. Und die muskelbepackten Hünen langen lässig herunter und greifen mit beiden Händen hinzu. Was jedoch, wenn sich einer dieser Sportler plötzlich für Bildung zu interessieren beginnt, am Beispiel der griechischen Philosophie plötzlich ins Zweifeln kommt? Auf dem anderen Ende des Campus: Testosterongeifernde Verbindungsmänner, die später mal den Traum der U$A als Investmentbanker leben wollen, sich auf dem Weg dorthin aber lieber damit vergnügen, knackige Studentinnen zu deflorieren, sich bis in die Alkoholvergiftung zu besaufen und das zu bekämpfen, für das sie eigentlich hier sind: die akademische Bildung. Ein letztes mal Amüsieren und Experimentieren – später geht das schließlich nicht mehr. Im Mahlstrom des emotionslosen Beischlafs können aber auch sie sich der Sackgasse bewusst werden, in welche sie sich irreversibel verrannt haben. Und natürlich gibt es auch: Begabte, wissbegierige Menschen, die durch Stipendien ihren Weg an eine Eliteuniversität fanden und denen, so sehr sie sich auch bemühen, keine Möglichkeit bleibt, sich aus dem Klausuren gefährdenden College Leben auszuklinken und sich rein dem Lehrstoff anzunehmen. Aber auch hier gibt es Untiefen und Schattenseiten.
Was sich in meiner Gegenüberstellung vielleicht als schwarz/weiß Malerei andeutet, ist im literarischen Kosmos des Tom Wolfe so überraschend anders und vielseitig, dass schon die ersten hundert Seiten dieses umfangreichen Romans jegliche Befürchtungen zerschlagen. Wolfe betrachtet und beschreibt diese Welt mit einer Wut, Detailgetreuheit und psychologischer Tiefe, dass man an eine Wiedergeburt Dostojewskis denken mag (etwa die Beschreibung von Charlottes Depression ist in den besten Momenten der fiebrigen Intensität von "Schuld und Sühne" gleichwertig). Gerade in dem Verweigern klarer Sympathieträger blitzt der Genius Wolfes am deutlichsten durch. Er zeigt die Ambivalenz der Bestie Mensch, illustriert die menschliche Komödie / Tragödie höchst anschaulich, ohne je belehrend zu wirken. Dieser Roman ist so unheimlich dicht und gehaltvoll, es grenzt an ein Wunder. Man lauscht andächtig Ausführungen über Neuralbiologie, Philosophie und sozialer Theorie, stampft über in Stroboskop Licht getauchte, bierverdreckte Untergrunde, beobachtet die tierisch und desillusioniert kopulierenden Körper, erlebt all das Drama, all die Widersprüche dieser Welt am eigenen Leib. Wie Charlotte Simmons ihr titelgebendes Mantra einsetzt, so scheint einem das Buch entgegen zu rufen: „Ich bin der große amerikanische Roman des 21. Jahrhunderts!“ Es gibt keinen Anlass, diese Aussage anzuzweifeln.
„Wollen sie wissen, was die progressiven Kräfte heutzutage so treiben? Sie bekämpfen den Rauch. Jeder scheint zu glauben, wo kein Rauch ist, da ist auch kein Feuer mehr. … Und wollen sie auch wissen, warum es keiner mehr wagt, dem Feuer zu Leibe zu rücken? Das begreifen die wenigsten. Damit es niemand sieht, das Feuer. Weil sie heutzutage jeden verteufeln, der sich hinstellt und mit dem Finger draufzeigt. … Das ist nicht erlaubt. Nicht einmal in den politisch korrekten Akademikerkreisen. Gerade dort nicht. … Soll ich ihnen sagen, wofür PC stehen sollte? Für progressive causes, für Fortschritt. Aber wofür steht es heutzutage wirklich? … Für prison-bound citiziens. Staatsbürger in Gefangenschaft.“ Tom Wolfe, Ich bin Charlotte Simmons.