(Rezension von Feder)
Nach den ersten Schrecken, die Sonea, ein verarmtes Mädchen aus den Hüttenvierteln, in die angesehene Gilde der Magier von Imardin trieben, blickt sie hoffnungsvoll auf ihre Zukunft als Novizin. Doch Regin – ein anderer Novize in ihrer Klasse – macht ihr einen Strich durch die Rechnung. Er empfindet es als Schmach, dass ausgerechnet ein Mädchen aus dem Hüttenviertel in die elitären Kreise der Magiergilde aufgenommen wurde und nutzt jede Gelegenheit, Sonea das Leben zur Hölle zu machen. Er bringt die anderen Kommilitonen gegen sie auf, sabotiert ihre Versuche, stielt ihre Unterlagen und schwärzt sie bei den älteren Magiern an, indem er sie und ihren Mentor Rothen diffamiert. Doch Sonea wäre nicht das taffe Mädchen, das sie nun mal ist, wenn sie keinen Plan hätte, wie sie den Schikanen ihrer Klassenkameraden entkommen kann. Allerdings soll dies nicht ihr einziges Problem bleiben, denn nach wie vor schwebt das Geheimnis des dunklen Lords wie ein Damoklesschwert über ihrem Leben und nur ein falscher Gedanke in seiner Gegenwart könnte ausreichen, nicht nur ihr Schicksal oder das der Gilde, sondern vielleicht das von ganz Imardin zu besiegeln.
Indes geschehen auch außerhalb der Gilde seltsame Dinge. Menschen sterben, ihre Körper sind blutleer und außer einem kleinen Schnitt an ihrem Handgelenk oder ihrem Hals gibt es keinerlei Wunden, was bei einigen einen schrecklichen Verdacht heraufbeschwört. Werden die Opfer etwa durch schwarze Magie getötet? Und wenn dem wirklich so ist, wer ist der schwarze Magier, der sich nachts durch die Straßen schleicht und unschuldige Menschen meuchelt? Kommt die Gefahr aus dem entlegenen Sachaka, jenem Land, das die Gilde abgrundtief hasst, oder lauert das Böse sogar in den eigenen Reihen …?
Während der erste Band der Trilogie „Die Gilde der schwarzen Magier“ von Trudi Canavan streckenweise etwas zäh zu lesen war, überzeugt die Fortsetzung „Die Novizin“ mit einem rasanten, abwechslungsreichen Erzählstil, der das Geschehen dieses Mal nicht nur auf die Gilde von Imardin beschränkt, sondern weit über die Grenzen Kyralias hinausträgt. Es ist lebendiger, rasanter und dadurch eine deutliche Steigerung zum ersten Band. Sprachlich ist das Buch wieder wunderbar gelungen. Die Worte und Wendungen weben einen Zauber, der den Leser ins Geschehen zieht und dort festhält.
Und obwohl die Autorin – wenn auch anfangs noch etwas verwirrend – die Handlung weit über die Grenzen der Gilde hinaus ausdehnt und so den Leser auf die Spuren Akkarins schickt und ihn mit Geheimnissen und Intrigen konfrontiert, die der erste Teil kaum erahnen ließ, so bleibt der Schwerpunkt doch ganz klar auf Sonea und ihrem Leben in der Gilde liegen. Dieses war zumindest für mich erfreulicherweise alles andere als rosig, denn Sonea stand wirklich bei kaum jemandem in der Gunst. Das macht die ganze Handlung realistisch. Denn nach all den Vorurteilen, die Sonea gegenüber der Arroganz der Bewohner der Häuser hatte, wäre es doch wirklich enttäuschend gewesen, wenn sich diese Vorurteile nicht teilweise bestätigt hätten und man sie ohne Probleme in der Gilde aufgenommen hätte. Nein, dank Regin – welcher ein gelungener, überzeugender Gegenspieler ist, der an Gemeinheit seinesgleichen sucht – muss sie sich von ganz unten mühsam nach oben kämpfen und sich die Anerkennung ihrer Mitschüler und Lehrer durch harte Arbeit und Mühe verdienen.
Natürlich erscheinen die Schikanen manchmal grausam. An einigen Stellen fand ich sie sogar etwas zu überzogen, aber genau das und ihr unerbittlicher Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen, haben mir Sonea ans Herz wachsen lassen. Das ist eine enorme Steigerung zum ersten Band, in dem ich durch die zähe Handlung und ihre permanente Weigerung gegenüber der Gilde wenig Sympathie für sie aufbringen konnte.
Aber wie schon erwähnt, ist nicht nur Sonea ein Charakter geworden, der mir in Erinnerung geblieben ist. Nein, ohne die hassenswerte, niederträchtige Art von Regin würde Sonea nicht so sympathisch rüberkommen, wie sie es tut. Seine scheinbar durch und durch boshafte Art betont ihre guten Eigenschaften und hebt sie hervor.
Aber mein liebster Charakter ist ganz klar ein anderer: Akkarin. Er ist dunkel. Unnahbar und obwohl er wenig sagt und auch noch nicht so viele Auftritte in Band zwei hat, ist es der Autorin doch gelungen, allein durch seine bloße Anwesenheit im Buch eine düstere, spannungsgeladene Atmosphäre aufzubauen, die Regins kleine Witze harmlos erscheinen lässt. Regin mag zwar der Auslöser für Soneas Streben, eine mächtige Magierin zu werden, gewesen sein. Aber zu wahrhaft großen Dingen beflügelt sie meiner Meinung nach allein Akkarin.
Auch die Reise, auf die Dannyl einen mitnimmt, soll nicht unerwähnt bleiben. Zwar lag mein Interesse während des Lesens klar auf den Geschehnissen in der Gilde, die gelegentlichen Ausflüge, die man mit Botschafter Dannyl in die angrenzenden Länder unternehmen durfte, haben die ganze Atmosphäre aufgelockert. Sie haben wichtige Hintergrundinformationen geliefert un etwas von dem Druck und der Beklemmung aus der Handlung genommen, die Soneas schlechtes Verhältnis zu ihren Mitschülern teilweise heraufbeschworen hat. Gleichzeitig haben sie aber langsam genau die richtige Stimmung geschaffen, damit sich der Leser wieder gierig auf einen weiteren Abschnitt von Soneas Schulalltag stürzen konnte.
„Die Novizin“ von Trudi Canavan, führt die Geschichte von Sonea interessant und spannungsgeladen weiter. Ein solides Fantasybuch, das zwar nicht zu meinen absoluten Lieblingen zählt, das ich aber in Aussicht auf ein grandioses Finale der Reihe ohne schlechtes Gewissen weiterempfehlen kann.