Leser-Rezension zu „Aufbruch” von Ulla Hahn

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R-E-R R-E-R
Verfasst von R-E-R
am 21.07.2010
 

Dabei sein und doch nicht dazu gehören

Im Magazin der Süddeutschen Zeitung vom Januar dieses Jahres schrieb der Journalist Christian Nürnberger unter dem Titel: “Das beste Leben der Welt”, einen Artikel über die Generation der um 1950 in Westdeutschland geborenen. Der Generation von Ulla Hahn und der ihrer Hauptfigur aus Ihrem Roman “Aufbruch”. Hildegard hat es noch nicht das “beste Leben”, aber Sie will es unbedingt.

Hildegard darf endlich wieder zur Schule gehen. Nachdem Sie von ihren Eltern in eine verhasste Ausbildung zur Industriekauffrau gezwungen wurde, dort dem Alkohol verfiel und von Pfarrer und Dorflehrer aus dieser befreit wurde, darf Sie nun das Aufbaugymnasium besuchen und Abitur machen. Sie geht mit großem Selbstbewusstsein und noch größerem Wissensdurst an die Arbeit. Auch in der Liebe scheint ihr das Glück zu winken. Godehard van Keuken, der reiche Sohn eines Kölner Schokoladenfabrikanten verliebt sich in sie. Hildegard erkennt aber bald, das Geld Gefühle nicht ersetzen kann. Als Godehard Sie heiraten will, zieht Sie die Notbremse. Sie will ihr Abitur und keinen Mann. Aber bis dahin ist es noch ein langer und ereignisreicher Weg.

Ulla Hahns Nachfolger des “verborgenen Wortes” beginnt euphorisch. Ausgelassen kommt einem der erste Teil des Romanes vor, als wenn gleichsam mit der Öffnung zur Bildung auch die Öffnung zum Leben stattfindet. Selbstsicher tritt Hildegard auf. Weiß was Sie will und was sie nicht braucht. Entdeckt ihre Liebe zur lateinischen Sprache und zum Luxus, den sie an der Seite des reichen Erben Godehard van Keuken in der bunten Wirtschaftswunderwelt genießt. Doch ein Schicksalsschlag wirf Sie aus der Bahn. Nach einem Schulfest fährt Sie per Anhalter nach Hause. Dieser Heimweg endet für Sie nackt auf einer Waldlichtung.

Der Vorfall auf der Lichtung verändert den Ton des Romans. Düster und erdrückend wird dieser. Hildegard schottet sich ab. Verschließt Scham, Kummer, Ekel und Selbstvorwürfe in einer inneren “Kapsel”. Öffnet sich für niemanden, nicht einmal mehr für Ihre Bücher. Könnten Sie doch mit ihrem tröstenden Inhalt die Kapsel sprengen und die Wahrheit ans Licht bringen. Ulla Hahn versucht dem Trauma in Hildegards Seele mit immer wahnwitzigeren Wortkonstruktionen näherzukommen. Langatmig und ermüdend liest sich das. Man wartet vergeblich auf eine Erlösung.

Darüber hinaus ist der Wandel der Hauptfigur nicht einfach nachzuvollziehen. Trauma hin oder her. Diese völlige Abkehr von allen Menschen, von Familie und Freunden. Das Ausschlagen sämtlicher Hilfsangebote und die freiwillige Vereinsamung bis hin zur fast völligen Selbstaufgabe sind nicht zu verstehen. Schon vorher war es Hildegard unmöglich um etwas zu bitten oder sich zu bedanken. Diese Verweigerungshaltung war schon vorher rätselhaft. Aus unerfindlichen Gründen steigert sie sich nun in die völlige Isolation

Unabhängig davon ist Ulla Hahns “Aufbruch” eine lebendige Beschreibung der Wirtschaftswunderjahre in Deutschland. Anschaulich und unterhaltsam beschreibt Sie alltägliches und weltpolitisches Geschehen. Teilweise etwas zu raumgreifend, wenn sich das Kaffeekränzchen mit dem neuen Quelle-Katalog über endlose Seiten hinzieht. Erheiternd wenn im ersten Selbstbedienungssupermarkt die Kauflust mit der Nachbarin durchgeht und zur Schadenfreude von Hildegard und ihrer Mutter an der Kasse endet. Man erfährt viel Wissenswertes und erhält so manchen Denkanstoss. Das versöhnt mit den Schwächen und macht die Lektüre zu einem Gewinn.

 

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Ulla Hahn

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Aufbruch
von Ulla Hahn

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