o-o-o Hildegard o-o-o
Hildegard Palm ist die 1945 geborene Tochter eines ungelernten Arbeiters und seiner Frau Maria. Mit ihnen unter einem Dach lebt noch der kleine Bruder Bertram sowie die Großeltern. Durch den Großvater beeinflusst schlägt Hildegard aus der Art in Bezug auf die Lebensweise der restlichen Familie.
Hildegard ist wissbegierig und auch ein wenig aufsässig, denn sie will sich nicht den Regeln der Zeit unterwerfen und auch den katholischen Glauben nicht so leben, wie er gepredigt und zelebriert wird. Sie strebt nach anderem, nach Höherem und nicht nur nach der hölzernen freudlosen Arbeiterklasse. Schon in der Schule fällt Hildegard auf, hat sie doch eine besondere Gabe im Umgang mit Wörtern … der Sinn und die Neugierde nach Büchern ist geweckt, aber nicht nach Schmonzetten sondern nach Schiller, Goethe. Bei jeder nur erdenklich passenden und teilweise auch unpassenden Gelegenheit rezitiert sie Schiller in feinstem Hochdeutsch und wird dadurch von ihren Mitmenschen doch ein wenig distanziert angeschaut… auch ihren Eltern gefällt das "Getue" ihrer Tochter nicht, erst Recht nicht, als diese versucht ihren Eltern auch ein wenig Hochdeutsch beizubringen. Denn ihre Eltern leben recht gut mit der Arbeitersprache Dondorfer Platt.
Hildegard will so einiges verändert in ihrem Leben und auch dem Leben ihrer Eltern, so zum Beispiel dass sich jeden Tag gewaschen wird und jeder seine eigene Seife und ein eigenes Handtuch bekommt, aber es nutzt nichts, es wird nur ein Tag in der Woche zur Körperreinigung aufgewendet, der Samstag. Da wird der große Bottich mit heißem Wasser gefüllt, das angegrabbelte Stück Kernseife bereit gelegt und dann heißt es der Reihe nach antreten: Vater, Mutter, Hildegard, Bertram – in ein und demselben Wasser. Sind alle gebadet, wird in dem Wasser noch des Vaters Arbeitskleidung eingeweicht.
.
Hildegard wird älter und erwachsener, ihrer Liebe zu Wörtern tut das keinen Abbruch, eher im Gegenteil … in Reclamheftchen legt sie sich eine Sammlung "Schöner Wörter" an – als rettende Welt gegen das Stöcklein hinter der Standuhr sowie dem ewig aufbrausenden Gebrüll ihres Vaters.
Hildegards Liebe zu Büchern bleibt auch in der Nachbarschaft nicht unbemerkt, so schenkt man ihr neben getragenen Kleidungsstücken auch das eine oder andere Buch… Schmonzetten wie Arzt- oder Liebesromane verschmäht sie allerdings, es muss schon Schiller oder Goethe sein… Allerdings vermag nicht jeder aus der Nachbarschaft Hildegard Leidenschaft zu Büchern als positiv zu bezeichnen, manche Nachbarn spötteln .. Hildegard bekommt dieses aber nicht mit.
So langsam ist Sie in der Endstufe zum Erwachsen werden – Entscheidungen stehen an, so zum Beispiel, ob Sie auf eine weiterführende Schule gehen soll, oder nicht. Hildegards Leistungen entsprechen allemal den Anforderungen, doch den Eltern will es nicht einleuchten, wieso ein Kind – zudem noch ihre Tochter – auf eine weiterführende Schule gehen solle. Diskussionen über Diskussionen folgen. Eher widerwillig stimmen Hildegards Eltern dem Besuch der weiterführenden Schule zu, aber nur – wenn sich Hildegard einen Ferienjob sucht. Schweren Herzens sammelt Hildegard in den Ferien also ihre ersten Erfahrungen in der Arbeitswelt und verpackt in der Ortsansässigen Pillenfabrik Maternus im Akkord Pillen in Röhrchen und Kartons. Und dabei lernt sie etwas ganz neues kennen: Alle Welt spricht von "es" … bloß was ist "es"? Das will Hildegard herausbekommen.
.
o-o-o Leseprobe o-o-o
Um Euch einen Einblick zu geben, habe ich an dieser Stelle noch eine Leseprobe parat:
http://www.dtv.de/_pdf/blickinsbuch/13089.pdf?download=true
.
o-o-o Leseeindrücke o-o-o
Uih, was für ein Werk, anfänglich war ich ja doch sehr skeptisch, denn auf mich prasselte eine ganz andere Art und Weise des Ausdrucks auf ein, dazu die Passagen aus dem "Dondorfer Platt" .. ich war lange mit mir am hadern, ob ich überhaupt weiter lese oder nicht und setzte mir als Ziel die ersten 200 Seiten. Denn ich muss zugeben, dass ich anfangs gerade mit den Passagen / Dialogen im mundartlichen "Dondorfer Platt" doch so meine Probleme hatte. Trotz des Glossars im Anhang und den mit Sternchen gekennzeichneten Erläuterungen / Übersetzungen als Fußnote stockte mein Lesefluss immer mal wieder, aber mit der Zeit kam ich immer besser mit diesen mundartlichen Dialogen zurande; denn das "Dondorfer Platt" unterscheidet sich nur minimal vom Niedersächsischen bzw. Hamburger Platt – und jenes ist bei mir nur ein wenig eingerostet (gewesen).
Sehr schnell hatte ich aber über meine Zielvorgabe von 200 Seiten hinweg gelesen und las einfach weiter … 300,420,500 Seiten…ups letzte Seite .
.
Trotz der anfänglichen Problemchen tauchte ich sehr schnell ein in die Handlung um ein kleines Mädchen ein, dass die Welt mit anderen Augen sah, nicht mit den arbeitenden Händen sondern aus den Augen der hoch bekannten Autoren, die mit schönen Worten und Sätzen die Welt nüchtern aber lebendig umschreiben können.
Was der Protagonistin Hildegard aber nicht begreiflich werden kann, ist die geringe aber dennoch präsente Rebellion der Erwachsenenwelt gegenüber der feinen Sprache, oder dem Wunsch nach einem eigenen Stück Seife und einem frischen Handtuch…dieses stößt bei Ihren Eltern auf hilflose und zugleich entsetzte Blicke.
.
Mit einer unglaublich klaren und dennoch gefühlsvollen Ausdrucksweise lässt die Autorin den Leser in die Welt des Mädchens eintauchen und diese auf dem Weg von Kinderbeinen bis hin zur Jugendlichen begleiten. Begleiten durch die Höhen und Tiefen des Lebens: Der Tod, der Glaube aber auch die Geschichten der Erwachsenen um "es" spielen ebenso eine Rolle wie Bücher in Verbindung mit schönen Sätzen und Wörtern, mit denen sich vorzüglich spielen lässt, wenn man des Kindes Phantasie nicht unterdrückt.
Und genau das ist der Punkt, den die Autorin hier ganz definiert hervorbringt: Die Erwachsenenwelt prallt auf die Kinderwelt oder anders ausgedrückt: einfache Gedankenwelt der Arbeiterklasse prallt auf gebildetes Niveau, das nach mehr und Höherem strebt.
Sehr gut herausgearbeitete Aspekte mit den dazugehörigen Gedankenansätzen beider Seiten: Die Angst und Verzweiflung der Eltern, weil sie meinen dass ihnen ihr Kind entgleitet stehen gegenüber der etwas abschätzigen Gedanken / Entwicklungen von der Protagonistin Hildegard, die eben nicht in den einfachen Ja-Sager-Trott mit wenig Geld – wie ihre Eltern – geraten will. Dies sind aber nicht die einzigen Ansätze und Aspekte , welche die Autorin hier in ihr Werk packt, auch Themen wie Flüchtlinge, Zigeuner aber auch allgemeine Abneigung gegen Fremdarbeiter aus Italien, Jugoslawien etc. ist ein Aspekt. Wobei mir hier ein Punkt nicht so ganz gefällt : die abwertende Betitulierung eben dieser Fremdarbeiter- zB. Itaker aber auch an diesem Handlungsthema kann man einen Generationskampf erkennen… aber das wäre auch der einzige Kritikpunkt den ich hätte. Gerade zu diesem doch speziellen und prekären Thema hätte ich mir doch ein wenig mehr Fingerspitzengefühl und weniger abwertende Worte gewünscht.
.
Ein wundervolles Buch, welches bedingt durch die Einlesephase – gerade durch die Plattdeutschen Passagen – am Anfang ein wenig Zeit braucht um den Leser gefangen zu nehmen. Hat man die magische Entscheidungsmarke von 200 Seiten überschritten, ist man in einem besonderen Bann gefangen, der einen nicht mehr so schnell loslässt – es kommt einem vor, als wenn man selber noch einmal seine Stufen vom Kind bis hin zum Teenageralter durchlebt – nur das es halt eine etwas andere Zeit ist… apropos Zeit, immer mal wieder fließen die technischen Entwicklungen im Vergleich zu den schon vorhandenen ein, als Beispiel sei genannt, der Fernseher, das Radio im krassen Gegensatz zu den Kohlenöfen und der umständlichen Warmwasserzubereitung auf eben dem Kohlenofen, für das samstägliche Familienbad im großen Bottich im Schuppen.
.
Sanfte Entwicklungsstufen – eine leicht verwirrte Seelenwelt für ein heranwachsendes Mädchen, dass "es" noch nicht getan hat – das umschreibt wohl die Protagonistin Hildegard, welche hier eindeutig im Mittelpunkt steht, am Besten. Aber auch die anderen Charaktere kommen authentisch herüber . Beim Lesen kann man sich in jeden einzelnen gut hinein versetzen, und auch die im Dialog auftauchenden Bedenken sowie das Abwägen Selbiger gut nachvollziehen.
Sprachlich wie auch charakteristisch ein – nach meinem persönlichen Empfinden – literarisches Werk – ja, in einem kühnen Anfall von Euphorie möchte ich beinah sagen ein Meisterwerk, wenn Das Verborgene Wort ein in sich abgeschlossener Roman wäre, oder das hier geschaffene Ende Basis für den Leser eigener Schlussfolgerungen wäre… man kann es sehen wie man möchte, vielleicht gut auf der einen – in Nuancen schlecht auf der anderen Seite … Fakt ist aber : Vor erfrischenden und teils auch verblüffenden Wendungen ist der Leser hier nicht gefeit. Und genau dass ist es - neben der Entwicklung des Charakters Hildegard – was auch für das passende Spannungspotential sorgt.
.
Übrigens geht die Geschichte – wie schon angedeutet – noch weiter: Aufbruch ist der Folgeroman.
.
Zusammenfassend muss ich schon sagen, trotz anfänglicher Schwierigkeiten ist Das verborgene Wort ein ungewöhnliches, sensibles aber auch aufwühlend und spannendes Werk. Es ist in einer angenehmen klaren , aber durchaus Niveau vollen Schreibe verfasst. Spannende Wendungen der Geschehnisse sowie auch spannende Pointen, die manchmal auch zum schmunzeln veranlassen könnten. Aus meiner persönlichen Sichtweise heraus auch birgt dieses Werk auch eine Grundlage zur Diskussion in einem Lesekreis oder in der Schule sein, da es einige Aspekte anspricht, die in der jetzigen modernen und Technikregierten Welt einfach untergegangen oder unbewusst (vielleicht auch absichtlich) in Vergessenheit geraten sind.
Das verborgene Wort lässt sich nach anfänglichen Findungsproblemen leicht und flüssig lesen, ist man in dem Bann des Buches gefangen, vergisst man schnell Raum und Zeit.
.
Von meiner Seite gerne 5*** Sterne und eine Empfehlung.