Inhalt:
Schwäbisch Hall, 1510. Anne Katharina Vogelmann stammt aus einer gut situierten Salzsieder-Familie. Ihre Eltern sind beide schon verstorben; die Rolle des Familienoberhauptes nimmt nun ihr strenger älterer Bruder Ulrich ein. Mit im Haushalt leben auch ihr jüngerer Bruder Peter und ihre sanftmütige Schwägerin Ursula. Von der 17-jährigen Anne Katharina wird – als Jungfrau aus gutem Hause – erwartet, dass sie eine für die Familie Vogelmann vorteilhafte Ehe eingeht, um deren Reichtum zu mehren. Anne Katharina hadert innerlich mit den strengen Moralvorstellungen und den Verhaltensregeln, an die sich eine junge Frau zu halten hat. Die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen ist ihr ein Dorn im Auge. Ihr engster Vertrauter ist ihr greiser Großvater, im Geiste noch fit, aber aufgrund seiner Blindheit und Gebrechlichkeit ins Spital verbannt. Dennoch führt Anne Katharina ein recht sorgenfreies Leben. Ihre heile Welt erhält jedoch schlagartig Risse, als ein mysteriöser Kindsmord geschieht. Wer steckt dahinter, und was war der Grund? Und dies soll nicht der einzige Mord bleiben, der in Hall geschieht. Die Hinweise häufen sich, dass sogar Anne Katharinas Familie in die schrecklichen Geschehnisse verwickelt ist. Anne Katharina beschließt allen Konventionen zum Trotz, der Sache auf den Grund zu gehen….
Mein Eindruck:
Für mich war „Die Tochter des Salzsieders“ das erste Buch von Ulrike Schweikert. Ich hatte im Vorfeld viel Positives von der Autorin gehört, was natürlich meine Neugier erweckte. Im Großen und Ganzen hat mir der Roman gut gefallen und ich habe ihn gerne gelesen – wenngleich ich auch ein paar Kritikpunkte anzubringen habe.
Bereits der Prolog macht neugierig: Anne Katharina hat einen Albtraum, in dem ihre Verwandten zunächst den Tod erleiden und schließlich als maskierte Dämonen wieder erscheinen; sie selbst gerät in Gefangenschaft. Bereits hier erfährt der Leser, dass es sich bei diesem Traum um eine Art Vorahnung handelt. Diese Einführung fand ich sehr gelungen, da sie Spannung aufbaut und – im Nachhinein betrachtet – metaphorisch gut den Inhalt der Geschichte beschreibt.
Das Buch vermittelt seinen Lesern einen umfassenden Einblick in das Handwerk der Salzsieder zur damaligen Zeit; die Arbeit und die Gerätschaften sind sehr anschaulich und genau beschrieben. Auch bietet es einen interessanten Einblick in die Lebensumstände der Schwäbisch Haller in der damaligen Zeit. Den doppelten Lesegenuss hat natürlich, wer sich in Hall auskennt (was bei mir persönlich leider nicht der Fall ist), denn diesen Lesern werden so einige der im Buch auftauchenden Orte und Straßen bekannt vorkommen.
Ein großes Thema des Buches ist die Rolle der Frau zu der Zeit, in der die Handlung spielt. Anne Katharina ist eine starke Frau mit eigenem Willen, die schmerzlich die Ungerechtigkeit empfindet, dass Frauen weitaus weniger Rechte und Freiheiten genießen als Männer. Sie ist eine intelligente junge Frau, politisch interessiert und den Männern in politischen Diskussionen durchaus ebenbürtig. Immer wieder wird sie jedoch ermahnt, dass die Politik Sache der Männer sei und eine Jungfrau sich nicht einzumischen habe. Auch der Unterricht bei ihrem Ziehvater, dem Mönch Pater Hiltprand, wird ihr von ihrem älteren Bruder verboten. Außerdem sieht Ulrich die Besuche bei ihrem geliebten Großvater, der große Stücke auf seine Enkelin hält, alles andere als gerne. Vielmehr soll sie sich sittsam verhalten, typischen Frauenbeschäftigungen nachgehen und einen Siederburschen heiraten, um den Reichtum ihrer Familie zu mehren.
Anne Katharina fügt sich diesen Konventionen und Erwartungen nur scheinbar. Als der Säugling einer Junkermagd auf mysteriöse Weise ermordet wird, ist sie überzeugt davon, dass die junge Magd selbst nicht die Schuld an dem Tod ihres Sohnes trägt. Sorgsam hütet sie das Geheimnis, wer der Vater des Kindes ist. Als dann noch die Hebamme Els bedroht wird, ist Anne Katharina sich sicher: irgendetwas geht nicht mit rechten Dingen zu. Und weshalb verschwinden darüber hinaus regelmäßig größere Bestände an Holz, das für den Handel vorgesehen ist? Sind hier Holzdiebe am Werk?
So wird die Geschichte allmählich zu einem spannenden historischen Kriminalroman, die Handlung nimmt gehörig an Fahrt auf. Anne Katharina beschließt, den seltsamen Geschehnissen eigenständig auf den Grund zu gehen. Nach und nach erschüttern immer mehr Morde die sonst so beschauliche Stadt. Auch in Anne Katharinas Familie gehen mysteriöse Dinge vor, was ihr den Verdacht aufdrängt, dass auch sie in die sonderbaren und grausamen Geschehnisse verwickelt ist. Obwohl Anne Katharina sich selbst in große Gefahr bringt, stellt sie weiter Nachforschungen an…
Das Buch ist meist spannend zu lesen und an manchen Stellen fiel es mir schwer, es wieder aus der Hand zu legen. Der Schreibstil der Autorin ist flüssig und relativ einfach zu lesen. Die Auflösung fand ich persönlich recht überraschend; während des Lesens hatte ich wechselnde Personen als Täter in Verdacht, aber stets die Falschen.
Allerdings konnte ich keinen richtigen Zugang zur Hauptfigur Anne Katharina finden, auch wenn ich sie grundsätzlich mochte und sympathisch fand. Emotional konnte sie mich jedoch nicht erreichen. Vielleicht, weil sie zu sehr dem in Mittelalter-Romanen gängigen Klischee der „starken, rebellischen Frau“ entspricht.
Soweit ich es beurteilen kann, hat die Autorin für den Roman sehr gut und detailliert recherchiert, ein Vorwort führt in die Haller Salzsiederei ein und ein Nachwort erläutert, welche der geschilderten Geschehnisse der Wahrheit entsprechen, welche Personen tatsächlich existiert haben, und was die Autorin selbst erdichtet hat. So erfährt der Leser etwa, dass im mittelalterlichen Hall tatsächlich eine Familie Vogelmann existiert hat. Ein Personen- und ein Begriffsregister runden das Buch ab. Zu erwähnen ist auch noch die Landkarte von Schwäbisch Hall vorne im Buch. Neugierig gewordene Leser können sich Leseanregungen in einem Literaturverzeichnis holen.
Fazit: „Die Tochter des Salzsieders“ hat mich gut unterhalten und insbesondere der Schluss vermochte mich zu überraschen. Wer einen unterhaltsamen Mittelalter-Krimi lesen möchte und dabei ins Schwäbisch Hall des Spätmittelalters abtauchen möchte, dem kann ich dieses gut recherchierten Roman durchaus empfehlen. Spannende, wenig anspruchsvolle Lektüre, die unterhaltsame Lesestunden verspricht.