Uwe Klausner reiht sich nahtlos in die Reihe von Kriminalautoren ein, welche in jüngster Zeit die Epoche der Weimarer Republik und des Dritten Reiches als Schauplatz für ihre Spannungsromane neu- bzw. wieder-entdeckt haben. Und man wird das Gefühl nicht los, das mit stetig zunehmender Distanz zu den historischen Ereignissen unserer ziemlich düsteren Vergangenheit auch der Mut der Schriftsteller wächst, selbst heiklere Themen aufzugreifen, um sie mit ihren eigenen fiktiven Ideen zu verknüpfen. So wäre ein Kriminalroman über Reinhard Heydrich wohl noch in den 60er und 70er Jahren ein Unding gewesen. Heute, vor dem Hintergrund des Erfolgs von Volker Kutscher, Richard Birkefeld und Co., bietet sich den Schreiberlingen ein noch größeres Feld, das auch Klausner in seinem Werk „Walhalla-Code“ beackert, auf dem sein neuer Serienheld, der junge Berliner Hauptkommissar Tom von Sydow, sein Debüt feiert.
Zentraleuropa Mitte des Jahres 1942. Nach der verlorenen Luftschlacht über England im vergangenen Herbst, rückt die deutsche Wehrmacht nun gegen die Sowjetunion vor. Und während jeden Tag neue Kilometer durch erbitterte Schlachten hinzugewonnen werden, beginnt man hinter der Front mit der Durchsetzung der so genannten „Endlösung“. Juden, Bolschewiken, Partisanenkämpfer, Kriegsgefangene. Sie alle werden entweder an Ort und Stelle „beseitigt“ oder in Gefangenen -und Konzentrationslager verbracht. In Böhmen und Möhren beaufsichtigt und organisiert diesen Massenmord der Stellvertretende Reichsprotektor und Leiter des Reichssicherheitshauptamts Reinhard Heydrich. Von Göring 1941 mit der „Endlösung der Judenfrage“ beauftragt, ist er das Hauptziel sämtlicher Aufständischer auf ehemals tschechischem Boden. Schließlich, am 27. Mai 1942, gelingt mehreren Widerstandskämpfern in Prag, nach langer ausführlicher Planung und dank der Hilfe der britischen Alliierten, ein Attentat auf Heydrich, in dessen Verlauf dieser schwer verletzt und ins Krankenhaus verbracht wird, wo er acht Tage später an Gasbrand stirbt. Zuvor konnte Heydrich jedoch noch ein wichtiges Telefonat führen und seinen in Berlin sitzenden Gesprächspartner die Auslösung des „Walhalla-Codes“ befehlen.
Dieser Befehl bezieht sich auf die Vernichtung sämtlicher Dokumente, welche Heydrich im Verlauf seiner NS-Zeit gesammelt hat und die unter anderem brisante Details über seinen Erzfeind Himmler, und sogar über Göring und Hitler enthalten. Da das Gespräch abgehört wurde, setzt nun die Gestapo alles daran, die Dokumente in ihre Hände zu bekommen, während ein englischer Spion in ihren Reihen, der „Marder“, von Churchill beauftragt wird, ebenfalls auf die wichtigen Geheimunterlagen Jagd zu machen. Und auch Stalins Topagent hat Lunte gerochen, wodurch in Berlin bald ein geheimer Agentenkrieg zu toben droht.
Von all dem ahnen Hauptkommissar Tom von Sydow und sein Assistent Erich „Klinke“ Kalinke noch nichts, als sie zu einer Parkbank nahe der Siegessäule gerufen werden, an dem der SS-Sturmbannführer Alfred von Möllendorf offenbar Selbstmord begangen hat. Offenbar ist das richtige Wort, denn Sydow findet gleich mehrere Indizien, die seine Theorie bestätigen, dass sein Tod alles andere als freiwillig war. Zudem zeigt auch die Gestapo ein ungewöhnlich hohes Interesse an diesem Fall. Noch am selben Abend entgehen die beiden Ermittler nur um Haaresbreite einem Anschlag auf ihren Dienstwagen und es scheint klar, dass eine Fortführung der Ermittlungen sie in Lebensgefahr bringen wird. Dennoch betreiben sie weiter Nachforschungen. Bis sie schließlich eine Verbindung zwischen von Möllendorf und Heydrich entdecken und in Berlin die Hölle ausbricht …
Dieser Anriss der Story deutet bereits an, was auch der Leser nach gut hundert Seiten erkennen wird: „Walhalla-Code“ ist beileibe kein historischer Polizeiroman, sondern vielmehr ein klassischer Agententhriller, der es in bester Tradition von Alistair MacLean und Ken Follett auch zwischendurch gern mal knallen lässt und eher auf rasante Schauplatzwechsel denn auf ausschweifende Skizzierungen der Figuren setzt. Letzteres ist jedoch meiner Ansicht nach ein großes Manko des Romans, denn alle beteiligten (fiktiven) Personen, besonders der Hauptprotagonist von Sydow, bleiben über die gesamte Länge der Handlung erstaunlich blass. Neben seiner rebellischen Art und dem Hang zum Alkohol, scheint Sydow kaum nennenswerte Eigenschaften zu haben. Und auch der Rest der Besetzung leidet unter ihrer stereotypen Zeichnung. Die Bösen sind sehr böse, die Guten so gut, wie es der auf einen guten Ausgang hoffende Leser nur erwarten kann. Hier ein in Eton ausgebildeter und von der Naziherrschaft desillusionierter Hauptkommissar, dort ein blonder, blauäugiger Himmler-Verschnitt im schwarzen Gestapo Mantel. Es gibt nur wenige Klischees, die Klausner nicht bedient und auch die junge Maid in Nöten, in diesem Fall verkörpert durch eine Jüdin auf der Flucht vor der Deportation, darf in seiner Geschichte natürlich nicht fehlen. Das sich zwischen ihr und von Sydow eine Liebesgeschichte anbahnt, ahnt man übrigens bereits schon zu einem Zeitpunkt, wo sich die beiden innerhalb der Handlung noch gar nicht begegnet sind.
Weiteres Gewicht auf der Schale der Kritikpunkte ist das Verhalten der verschiedenen Geheimdienste aus Deutschland, England und Russland. Wenngleich ich zugegebenermaßen von der Tätigkeit eines Agenten nur wenig Ahnung habe, kann ich es mir kaum vorstellen, dass derart tumbe Zeitgenossen bei der Ausführung ihrer Aufträge Erfolg gehabt haben sollen. Ein richtiges Katz-und-Maus-Spiel oder gar durchtriebene Pläne, welche den Leser hätten überraschen können, sucht man in „Walhalla-Code“ vergebens. Wie übrigens auch einen Stadtplan, der es bei all den vielen Ortsangaben auch Nicht-Berlinern erlaubt hätte, der sich schnell entwickelnden Handlung zu folgen.
Damit aber genug der Kritik, denn „Walhalla-Code“ hat beileibe auch viel Positives zu bieten. Uwe Klausner trifft so zum Beispiel den Berliner Ton sehr genau und schildert eindringlich und ohne Beschönigung, die Verhältnisse in der Hauptstadt des Jahres 1942. Dadurch gewinnt der Plot einige Facetten hinzu, welche allein durch den roten Faden der Geschichte sonst gefehlt hätten. Weiterer Pluspunkt ist auch seine Verknüpfung der fiktiven mit den realen Persönlichkeiten. Churchills kurze Auftritte waren für mich die Highlights des Romans und deuteten auch Klausners trockenen Humor immer wieder an. Natürlich hätte man diese Figuren samt ihren Hintergründen noch genauer ausarbeiten können. Allerdings dann nur auf Kosten des Seitenumfangs. Und mehr Seiten hat „Walhalla-Code“ am Ende auch gar nicht nötig. Alle Fäden führen logisch nachvollziehbar in Berlin zusammen, wobei die Spannung stetig steigt und man als Leser bestens unterhalten wird. Allein die Nachtlandung einer britischen Moskito inmitten des Flakfeuers auf den Berliner Straßen hätte sich Uwe Klausner dann besser doch verkniffen.
Insgesamt ist „Walhalla-Code“ ein gefälliger, unspektakulärer Agenten-Thriller, der gut, wenn auch mit wenig Tiefgang, kurzweilig unterhält. Die Menge an Klischees gepaart mit der Armut an einer differenzierteren, nicht derart konstruierten Erzählweise führen jedoch letztlich dazu, dass einem das Buch nicht länger im Gedächtnis bleiben wird.