Leser-Rezension zu „Alles glitzert” von Véronique Ovaldé
am 21.01.2008
Eine arktische Insel ist nach einer Umweltkatastrophe hermetisch vom Festland abgeriegelt worden. Die große Fabrik der Insel ist geschlossen und mit Stachelzaun umgeben. Nikko ist das einzige der damals geborenen Kinder, das überlebt hat. „Sie ist unheimlich.“ Das sagt sogar der Vater über sie. Den anderen Leuten auf der Insel ist sie auch nicht geheuer, sie wird gemieden. Niemand redet mit ihr über das, was passiert ist. So wächst sie auf. Der einzige Kontakt mit dem Festland sind die Pillen, die regelmäßig eintreffen, um das Gift in ihr zu beherrschen. Je älter sie wird, desto stärker wird die Sehnsucht nach einem anderen Leben jenseits der Isolation. Sie möchte fliehen aus ihrem Alltag, aus ihrem Elternhaus, das von Gewalt beherrscht wird. Nikko will keinen Mann von der Insel. Sie schläft mit ihnen, träumt aber von einem großen blonden Mann, der sie mitnimmt, weg vom Polarkreis.
Als die Fabrik ihrer Insel wieder in Betrieb genommen wird und Arbeiter kommen, scheint ihr Traum von einer Familie und dem Leben auf dem Festland wahr zu werden.
Aus der Sicht Nikkos erlebt der Leser ihren Weg ins Leben, von der Kindheit zum Erwachsenwerden. Wer einen folkloristischen Roman erwartet, wird enttäuscht werden.
Véronique Ovaldé entwirft in ihrer sehr eigenen, klaren und doch ausdrucksvollen Sprache das Leben einer jungen Frau in einer archaischen Welt. Zugleich werden die Probleme sichtbar, die entstehen, wenn man ein Gebiet mit seinen Bewohnern unter Quarantäne stellt. Nach dem Motto „aus den Augen aus dem Sinn“ werden sie langsam verdrängt und vergessen, aber sie leben weiter.
„Alles glitzert“: ein Buch für einen kalten Winterabend. Zumindest eine Erkenntnis ist sicher, woanders ist es noch kälter als hier.
„Alles glitzert“ von Véronique Ovaldé ist erschienen bei Kunstmann für
K.B. für Radio Aktiv

