Val McDermid ist eine Meisterin ihres Fachs! Sie gehört zu den Autoren, die sowohl einen klassischen Kriminalroman schreiben können - wie z. B. "Echo einer Winternacht" oder "Ein Ort für die Ewigkeit" - aber ebenso mit ihren Thrillern zu brillieren wissen.
Der vorliegende Roman ist einer dieser brillianten Thriller, der zudem noch der Start in eine ganze Serie ist.
"Das Lied der Sirenen" ist der erste Band der Hill/Jordan-Reihe um den Psychologen Tony Hill, der für das britische Innenministerium an einer Realisierbarkeitsstudie arbeitet, die sich mit dem Aufbau einer nationalen Einsatzgruppe zur Erstellung von Verbrecherprofilen beschäftigt, und der Polizeiinspektorin Carol Jordan, die als erste Verbindungsungsbeamtin in einem konkreten Fall mit Tony Hill zusammenarbeiten soll. Beide betreten mit dieser Zusammenarbeit Neuland, stellen sich aber erstaunlich schnell aufeinander ein.
Der Fall, der sie zusammenbringt, lässt die Öffentlichkeit schon seit geraumer Zeit in Angst und Schrecken leben: in Bradfield geht ein Serienmörder um, der es augenscheinlich auf homosexuelle Männer abgesehen hat. Vier Tote gibt es bereits, als Tony Hill hinzugezogen wird, um den Ermittlungen neuen Schwung und neue Denkrichtungen zu geben. Nicht jeder innerhalb der Polizei ist begeistert von dieser Neuerung und so haben Hill und Jordan einen schweren Stand - nicht nur, dass sie sich in den Kopf des Täters hineinversetzen müssen, auch ein Blick in die Köpfe der Kollegen ist notwendig, damit sich niemand auf die Füße getreten fühlt. Trotz aller Widrigkeiten erarbeiten sie gemeinsam ein Profil des Täters, das ihnen ein genaueres Bild von dem Menschen machen soll, der die furchtbaren Morde begangen hat, die sich durch eine besondere Grausamkeit auszeichnen. Alle vier Opfer wurden gefoltert, mit Methoden, wie man sie aus den Zeiten der Inquisition kennt, so dass die Leichen, die man findet, kaum noch daran erinnern, dass es sich mal um Menschen gehandelt hat. Und die Zeit läuft ihnen davon, denn der Täter hat schon sein nächstes Opfer im Visier...
Val McDermid bedient sich in "Das Lied der Sirenen" eines besonderen Kunstgriffs, indem sie zwischendurch in kleinen Passagen den Täter zu Wort kommen lässt. Der Roman steigt nach dem vierten Opfer ein und der Leser erfährt durch die Tagebucheinträge des Täters sozusagen in Rückblenden, was genau er mit den Männern angestellt hat. Das stellt eine größere Nähe zu Opfern und Täter her, die alles noch grausamer wirken lässt.
Das neue Ermittlerduo, das in diesem ersten Band der Reihe vorgestellt wird, hebt sich erfrischend von den Standardtypen des überfütterten Thrillergenre ab. Mit Tony Hill darf ein Psychologe Protagonist sein - eine Berufsgruppe, die sonst eher begleitende, aber selten eine tragende Rolle übernimmt. Carol Jordan hat als Frau im Polizeidienst die üblichen Hürden zu überwinden, doch glücklicherweise wird das von McDermid nicht so ausgeschlachtet - ich für meinen Teil habe auch genug von Autoren, die ihre weiblichen Helden immer in dieses "was habe ich es als Frau doch so schwer"-Horn blasen lassen.
Ich hatte schon sehr früh eine Ahnung, wer der Täter sein könnte - nein, ich will ehrlich sein: ich hatte mehrere! So gesehen war es reines Glück, dass eine davon am Ende zutraf. Der Spannung hat dies allerdings absolut keinen Abbruch getan, ich konnte das Buch kaum aus den Händen legen.
Es zeigt sich mal wieder: Val McDermid ist immer eine Lektüre wert!