„Der Glöckner von Notre-Dame“ ist ein Klassiker der Literatur, der so oft filmisch, musikalisch und für das Theater verwurstet wurde, dass jeder die Geschichte irgendwie kennt.
Die Handlung lässt sich (leider) in wenigen Sätzen zusammenfassen:
Dom Frollo (Priester) ist verliebt in Esmeralda (Tänzerin, 16 Jahre alt)
Quasimodo (20 Jahre alt und extrem unattraktiv) ist verliebt in Esmeralda
Pierre Gringoire (Dichter) ist verliebt in Esmeraldas Ziege
Esmeralda ist verliebt in Phoebus (hohlköpfiger Soldat, der aber extrem gut aussieht)
Die Geschichte ist ein klassischer historischer Roman, mit den üblichen Schwächen dieses Genres, wie historische Fehler (Maiskuchen im Jahre 1482, der wurde erst 1525 in Spanien angebaut; der 25.3.1482 war ein Montag und kein Dienstag) und dass das historische Ambiente nur Staffage für eine konstruierte, kitschige Liebesgeschichte und noch unglaubwürdigerer Charaktere ist.
Pierre Gringoire ist ein selbsternannter Dichter und Philosoph, letztendlich jedoch nur ein klassischer Versager und ein Weichei, das regelmäßig in Selbstmitleid versinkt. Ein klassischer Warmduscher: „So hoffte er, den Verband des Philosophen auf die Wunde des Dichters legen zu können […] Ein Sprung, und der Ganze Wahnsinn wäre erledigt. ABER das Wasser ist so kalt“.
Esmeralda ist gerade mal 16! „Seit je war sie daran gewöhnt gewesen, als elternloses Kind auf sich allein angewiesen zu sein […] In ihrer naiven Leichtgläubigkeit nahm sie einen solchen Liebesschwur für das bare Evangelium" - Esmeralda ist ein Straßenkind! Sie hat 16 Jahre in rauer Gesellschaft um ihr Leben gekämpft, sich durchgesetzt und soll so zu einer reinen, schüchternen, wunderschönen Jungfrau herangewachsen sein, mehr Adlige als so manche echte Adlige? Das ist absolut unglaubwürdig und naiv. Wie hat sie dann 16 Jahre überlebt? Die ganze Charakterisierung Esmeraldas hinkt gewaltig.
Quasimodo ist ca. 20 Jahre alt. Quasimodo ist Freeclinber, emotional abhängig von Dom Frollo, da dieser seine einzige Bezugsperson ist. Dieser Charakter macht gegen Ende des Buches eine 180° Wandlung. Wird er am Anfang noch als wildes Tier geschildert, primitiv und grausam, kaum des eigenen Denkens fähig, wird er plötzlich zum sanften Wesen des Disney Glöckners. Diese 180° Wendung ist irgendwie unglaubwürdig und schwer zu verdauen. „Aber der über Quasimido liegende Schleier der Traurigkeit und Milde machte es ihr leicht, sich an ihn zu gewöhnen.“
Dom Frollo hingegen ist ein Gelehrter, der nur für sein Wissen lebte. Nun verliebt er sich das erste Mal in seinem Leben, kann nicht damit umgehen abgewiesen zu werden und greift zu extremen und unglaubwürdigen Mitteln sich zu rächen.
Das Hauptmotiv des Buches ist der Denkmalschutz, der immer wieder plump in den Text eingebracht wird. Das dritte Buch wurde sogar nachträglich eingefügt und kann mit einem Wort zusammengefasst werden: GÄHN.
Ich bin generell gegen Kürzungen in Klassikern, aber das Wegfallen des dritten Buches kann ich nur unterstützen. Es bringt die Geschichte nicht voran und es ist unelegant. Heutzutage würde man wohl sagen: Und nun eine kleine Werbepause. Es spricht der Vorsitzende des Denkmalschutzvereins Victor Hugo, der Sie um ihre Mitarbeit beim Erhalt historischer Bauwerke bittet. Dieses Buch schlägt die Botschaft mit dem Prügel ein. Als Leser hat man das Gefühl, dass der Autor einen für so doof hält, dass man das nicht selber merken würde, was er bezwecken will. Und damit man das in den nächsten Bücher auch bewusst vor Augen hat, hier noch mal in aller Deutlichkeit und Langatmigkeit.
„Man hat die mittelalterliche Kunst auf der ganzen Welt mißhandelt, aber ganz besonders ist dies in Frankreich geschehen. […] Die Jahrhunderte und die Revolution sind barmherziger gewesen als die zukünftigen Schularchitekten“ […]Die zarte Renaissance ist nichts für das plumpe Getappe der Baumeister unserer Tage! Wir hoffen daher, dass sie ihre Hand davon lassen werden“ - Deutlich er geht es nun wirklich nicht mehr!
Hugo ist leider auch ein Meister der plumpen Hinweise, in welchen er ganze Handlungsstränge vorwegnimmt und seinen Lesern die Intelligenz abspricht, seine Hinweise zu verstehen.
„Da steckt Hexerei dahinter!“ in Kapitel „Aus Freuden werden Leiden“ nimmt schon zu Anfang den Hauptaspekt der Geschichte vorweg. Den Rest ruiniert „Schwarzröcke unter sich“ im Siebenten Buch: „Dieser folgte der Richtung seines starren Blickes und sah, daß derselbe auf das Spinnengewebe geheftet war, welches das Lukenfenster überdeckte. Gerade war eine leichtsinnige Fliege hineingestürzt, die durch den leuchtenden Sonnenstrahl verlockt worden war. Während sich das zappelnde Insekt immer mehr verwickelte, war auch schon die lauernde Spinne mit einem einzigen Sprunge da, um ihre Beute mit den Vorderfüßen zusammenzupressen und den scheußlichen Saugrüssel in ihren Kopf zu bohren.
"Arme Fliege", sagte der Inquisitor ...
"Laßt der Verhängnissen ihren Lauf", rief er (Frollo) dazu
Streichen würde ich sagen. Nach dieser Szene braucht man das Buch nicht mehr weiterlesen, denn hier ist die komplette Handlung der letzten 250 Seiten vorweggenommen: Sonnenstrahl = Phöbus, Fliege = Esmeralda, Netz = Intrige, Spinne = Dom Frollo.
Platter geht es nun wirklich nicht mehr und auch nicht viel direkter. Die Szene ist so gewollt eingefügt, so fehl am Platze, so gezwungen, dass es doch jedem auffallen muss. Falls das nicht der Fall sein sollte hilft der Autor gleich selber noch mal nach: „Arme Fliege, arme, dem Untergange geweihte Tänzerin.“
Auch „Meine Teure, an Eurer Stelle habt Ihr einen einäugigen verkrüppelten Schuft zurückgelassen, ein sauertöpfisches Vieh […] ist als dermaßen offensichtliche Anspielung einfach nur peinlich. Falls der Leser es im sechsten Buch nicht kapiert haben sollte, dass Esmeralda die verlorene Tochter ist, hier noch mal ein wenig direkter.
Wie bei historischen Romanen heute leider immer noch üblich, liebt es der Autor in Kitsch und Schmalz zu versinken. In „Eine Träne für einen Tropfen Wasser“ steht Quasimodo am Pranger und Esmeralda die Gütige gibt ihm Wasser, wie süß. Diese Szene wirkt extrem gewollt und ungeschickt. Auch „Im Verließ“ „Gegenseitig haben wir uns durch eine Laune des Schicksals zu Grunde gerichtet“ ist einfach nur peinlich. Frollo kommt in den Kerker, nachdem er Esmeraldas Geliebten verletzt hat und will sie dazu bringen, dass sie mit ihm geht und ihn liebt. Ich habe echt auf die klischeehafte Vergewaltigungszene im Kerker in der Art von Wanderhure gewartet, die uns Hugo zum Glück erspart. Der Höhepunkt des Kitsches ist aber das 11. Buch. Herzig, vorhersehbar und pathetisch noch getoppt von Esmaraldas schreiender Blödheit, für die sie den Tod wahrlich verdient hat: „Phöbus! hier bin ich!“
Ja, auch dieses Buch hat Highlights, wenn auch nur wenige.
„Der zerbrochene Krug“ (Buch 2) ist sehr cool. Witzig, temporeich, innovativ, selbst für heutige Verhältnisse. Die Krüppel, die sich wie Gewürm zum Feuer schleppen, gruselig geschrieben, wie ein Zombieroman.
Auch „Der alte Richterstand“ (Buch 6) ist mit seinen Slapstick Elementen seiner Zeit weit voraus:
„Außerdem besaß er nur einen für einen Untersuchungsrichter ganz unbedeutenden Fehler, denn, daß er taub war [..] Es genügte sicherlich, wenn ein Richter die Parteien anzuhören scheint. Und gerade dies verstand Meister Florian tadellos, weil seine Aufmerksamkeit infolge seiner Taubheit durch nichts abgelenkt werden konnte, was ja das Wesentliche für eine gute Justizpflege ist. […] Nun aber lag der in keinem Gesetzbuche vorgesehene Fall vor, daß ein Tauber verhört werden sollte.
Fazit:
Ja, so spielt das leben. Immer laufen einem die Kerle nach, die man nicht will, und der eine, den man haben will, der will nichts von einem selber. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Das Buch schwankt zwischen zwei echten Highlights drögen Füllepisoden und Exkursen in den Bauschutz. Hätte man schon damals gestrafft wäre das dem Buche wirklich zugutegekommen. Ich mag es nicht, wenn Klassiker gekürzt werden, aber beim Glöckner kann ich jedem nur raten eine gekürzte Version zu lesen. Wie das Buch zum Klassiker werden konnte ist mir schleierhaft. Selbst für einen historischen Roman nicht einmal Mittelmaß.
Es gibt vier verschiedene Übersetzer, die sich des Buches angenommen haben
1 Philipp Wanderer
2 Hugo Meier
3 Else von Schorn 1919 – zahm, hat den Text entschärft und nimmt ihm den Biss
4. Arthur von Rhia 1929 – witzig spritzig, sarkastisch ABER er bildet den Komparativ immer mit wie statt als., das nervt streckenweise. „Auch auf die leichte Achsel nehmen“ ist nicht wirklich richtig.