Schenkt mir das Leben!
Victor Hugos empathisches Plädoyer gegen die Todesstrafe, geschrieben als fiktives Tagebuch, beurteilte Dostojewskij, der selbst wegen der Teilnahme an Treffen des Petraschewskij-Kreises (einer dem utopischen Sozialismus anhängenden Gruppe) zum Tode verurteilt- allerdings kurz vor Vollstreckung des Urteils begnadigt und für vier Jahre zur Zwangsarbeit nach Sibirien geschickt wurde-, als einen der besten Romane der Literaturgeschichte. Hugo habe, inspiriert allein durch den Anblick des Schafotts in seiner Jugend, diese Situation trefflicher und menschlicher zu schildern vermocht, als er selbst jemals in der Lage gewesen wäre, dies zu tun.
Auch noch heute ist "Der letzte Tag eines Verurteilten" kein bisschen verstaubt.
"Das Gewölbe der kommenden Gesellschaft wird nicht zusammenstürzen, auch wenn es diesen scheußlichen Schlussstein nicht hat.", schrieb Victor Hugo am 15. März 1832, drei Jahre nach Erscheinen seines kleinen Büchleins. "Ihr werdet die vollständige Umformung des Strafgesetzes erleben. Ihren Krankenhäusern werden eure Zuchthäuser weichen müssen.
Dann wird Freiheit und Gesundheit sich ähnlich werden. Man wird Balsam und Öl anwenden, wo jetzt Feuer und Eisen gebraucht wird. Mit Liebe wird man das Übel behandeln, das man einst mit Wut anfasste. Das wird einfach und erhaben sein." In vielen Ländern, so auch in Deutschland, ist seine Vorsehung wahr geworden.
Galgen oder Guillotinen an zentralen Plätzen und öffentliche Hinrichtungen sind seit einigen Jahren von unserem Breitengrad verschwunden. Das Kapitel der Todesstrafe ist hierzulande endgültig zugeschlagen. Gab es in der Bundesrepublik Deutschland bereits im Jahre 1949 die letzte Hinrichtung mit dem Fallbeil im Gefängnis von Moabit (Berthold Wehmeyer - wegen Mordes und Vergewaltigung), so fielen am 26. Juni 1981 in der Hinrichtungsstätte im Gefängnis in der Alfred-Kästner-Straße in Leipzig, die voraussichtlich letzten Schüsse gegen den 39-jährigen Stasi-Hauptmann Dr. Werner Teske, dem vorgeworfen wurde, dass er sich mit Akten in den Westen absetzen wollte (Spionagetatbestand).
Protokoll eines Menschen im Todeskampf
"Mein Körper liegt in Eisen, in einem Gefängnis, mein Geist ist gelähmt und gekettet von einem Gedanken. Es ist ein grauenhafter, blutiger, unversöhnlicher Gedanke. Ich habe nur noch eine Vorstellung, eine Überzeugung und eine Gewissheit: zum Tode verurteilt!" Vor fünf Wochen wurde der Ich-Erzähler, ein namensloser Mann, dessen Tatbestand nie erwähnt wird, zum Tode verurteilt. In einer Art Tagebuch schreibt er - in seiner Zelle dem unmenschlichen Ende seines jungen Lebens harrend - seine Beobachtungen, Gedanken, Gefühle und Empfindungen während dieser Zeit auf.
Waren die Hoffnungen während der Gerichtsverhandlung noch groß und nahm er bewusst die Schönheit des Lebens wahr ("Auf dem Kai hörte ich Blumenmädchen lachen, ich sah auch in einer Mauerspalte eine kleine gelbe Pflanze im Licht, mit der der Wind spielte."), so verdüstern sich seine Gedanken unter den unmenschlichen Bedingungen in seiner Todeszelle und dem näher rückenden Termin seiner Hinrichtung zusehends: "In diesem Protokoll eines Menschen im Todeskampf, in dem Fortschreiten meiner Qualen, in dieser Sezierung des Geistes eines Verurteilten wird mehr als eine Warnung sein für die, welche verurteilen. Vielleicht wird dieses Buch ihnen die Hand weniger leicht machen, wenn wieder einmal der Kopf eines denkenden Wesens, der Kopf eines Menschen auf die von ihnen so genannte Waage der Gerechtigkeit geworfen wird. (...) Haben sie sich irgendwie bei dem Gedanken aufgehalten, dass in dem Menschen, den sie schlachten lassen, ein Verstand wohnt, der auf das Leben gezählt hat, eine Seele, die nicht auf den Tod vorbereitet ist? Nein."
Gerechtigkeit vs. Wiedervergeltung
Ein ständiges Schwanken zwischen Verzweiflung und Hoffnung begleitet ihn die letzten Wochen - eine unvorstellbare seelische Marter, die sich nahezu erschreckend auf den Leser überträgt. Beinahe körperlich leidet man mit dieser verzweifelten "Kreatur".
"Der letzte Tag eines Verurteilten" ist ein Buch - mit einzigartigem und poetischem Duktus -, das die Sicht auf das Leben verändert und - angesichts eines besonders grausamen "modernen" Täters - den allzu leichtfertig ausgesprochenen Satz - "Den sollte man abschlachten!" - überdenken lässt.
Victor Hugo schrieb auf Grund seines Erfolges dereinst an einem Freund: "Ich habe nachgedacht über diejenigen, die leiden. Das ist mein ganzer Ruhmestitel." Sehr weise Worte!
Ins Deutsche übertragen wurde das Werk von dem großem Übersetzer, Lyriker und Dramatiker Alfred Wolfenstein. Er bemerkt in seinem Nachwort: "Die Todesstrafe ist das sichtbarste Zeichen der barbarischen Anschauung, die in der Strafe Vergeltung sieht. Nach Kant bezweckt die Strafe durchaus nicht, den Verbrecher zu bessern, sondern an ihm Gerechtigkeit, das heißt - Wiedervergeltung, zu üben."
Fazit:
Ein eindringliches Werk als Anklage gegen die Todesstrafe, das leider noch nichts an seiner Aktualität verloren hat, sind heutzutage Steinigung, Giftspritze oder elektrischer Stuhl keineswegs schaurige Geschichten aus der Vergangenheit.
Der grausame Grundsatz "Leben für Leben" offenbart ein zutiefst unmenschliches und erniedrigendes "Strafmaß". Kein Mensch darf durch die Hand eines anderen Menschen oder eines Staates zu sterben - egal wie schwer seine Schuld ist - da hierbei Gewalt mittels Unterdrückung und Rache "gesühnt" wird und Gnade, Verzeihung und Rehabilitation aus dem Rechtssystem beseitigt werden.