Joe Allston ist siebzig Jahre alt, Literaturagent im Ruhestand und hat sich mehr oder weniger vom Leben zurückgezogen. Er ist mit seiner Frau in einen wenig spektakulären Teil von Kalifornien gezogen und verbringt seine Tage damit, so zu tun, als würde er endlich einen eigenen Roman schreiben. Ruth, die sich mit seinem Gleichmut nicht abfinden will, hat ihn dazu gedrängt. Und so verschwindet er jeden Morgen in sein "Atelier", schließt die Tür hinter sich und schaut für ein paar Stunden den Vögeln draußen vor seinem Fenster zu, während er seinen Erinnerungen und ungelösten Lebensfragen nachhängt.
Er bezeichnet sich selbst als "schlaumeiernden Trittbrettfahrer im Leben anderer Leute und ein Tourist im eigenen". In seinem Leben gibt es kein bedeutsames Ereignis, das er selbst herbeigeführt hätte. Er ist immer mit dem Strom geschwommen wie ein Stock, hat sich in Strudeln verfangen und wurde weiter geschwemmt, hat nur halb verstanden, woran er vorbeigetrieben ist, und mit jedem Jahr immer weniger begriffen.
Und getreu dieser Erkenntnis will er sein Leben dem Ende zutreiben lassen.
Doch dann hat er eine Begegnung mit einem Freund, der viel älter als er ist, doch vor Lebenslust überschäumt, und mit einem anderen Freund, der nur noch wenige Monate zu leben hat.
Und er findet die Postkarte einer Frau im Briefkasten, von der er seit 20 Jahren nichts mehr gehört hat. Sie erinnert ihn an das einzige Mal in seinem Leben, das er von sich aus aktiv geworden ist. Ausgelöst durch den frühen, unverständlichen Tod seines einzigen Sohnes, begibt er sich mit Ruth auf die Suche nach seinen Wurzeln.
Er reist nach Dänemark! Und schreibt während dieser Zeit Tagebuch.
Als er diese Tagebücher wiedergefunden hat, verlangt Ruth von ihm, sie vorzulesen. Eigentlich will er nicht, aber Ruth bleibt beharrlich.
Und so entfaltet sich, bruchstückhaft zwar, aber deswegen nicht weniger überraschend, tiefgründig und geradezu schockierend eine Zeitspanne, die von Joe Entscheidungen verlangt hat, die er nie zuvor und nie mehr danach treffen mußte.
Eigentlich mag ich Literatur, die das Alter und das Altern thematisiert, nicht. Mir reicht es, live mitzuerleben, wie ich selbst älter werde.
Philip Roth´s Aussage "Das Alter ist kein Kampf, es ist ein Massaker" kann ich nur voll und ganz zustimmen. Darüber muß ich nicht auch noch lesen und kostbare "Jugendzeit" verschwenden.
Aber es ist witzig, geistreich und oft angenehm direkt, wie Wallace Stegner seinen Protagonisten über das Alter sinnieren und damit umgehen läßt. Er gibt ihm das Recht, sich zu beklagen und verpassten Gelegenheiten nachzuträumen. Dies aber stets mit einem guten Schuss ironischer Distanz, so dass Joe nur selten wehleidig oder gekränkt wirkt. Er ist ehrlich zu sich selbst. Kein rosaroter Schleier trübt seinen Blick auf sich, seine Frau und sein kleiner gewordenes Leben. Seine misanthropischen Anwandlungen werden durch seinen Humor und durch immer noch vorhandene Liebe und Neugier gemildert. Die Reise nach Dänemark, die er vor über 20 Jahren unternommen hat, wird durch das Lesen, besonders aber durch das Vorlesen seiner Tagebücher wieder lebendig und verändert ein zweites Mal seinen Blick auf sich und andere.
Wallace Stegner hat eine weise, humorvolle und, wenn man von der am Rande erwähnten gesellschaftlichen Situation Amerikas in den 70iger Jahren absieht, immer noch aktuelle Geschichte über zwischenmenschliche Beziehungen und die Veränderungen, denen sie unterworfen sind, geschrieben.
Wer sich nicht fürchtet, über das Altern und seine unabwendbaren Folgen zu lesen, wird diesen Roman genießen und auch seinen schockierenden Kontrapunkt verkraften....
Wallace Stegner: "Wenn man nach Selbsterkenntnis strebt, wie es uns Sokrates seit so vielen Jahrhunderten beizubringen versucht-befasst man sich dann wirklich mit dem eigenen Leben oder nur mit den Schatten, die es auf das Leben der anderen wirft? Geht es um Dinge oder um die Beziehungen zwischen den Dingen? Um objektive Realität oder um den Fluchtpunkt einer Betrachtung aus verschiedenen Perspektiven? Um das Prisma oder um den Regenbogen, den es erzeugt? Und was, wenn man die Wand ist? Wenn man nie einen eigenen Schatten geworfen, einen Regenbogen erzeugt hat, sondern nur das auffängt, was andere einem zuwerfen?"