Rezension als hilfreich gekennzeichnet: (18)

Dilbertine Dilbertine
Verfasst von Dilbertine
am 19.07.2010
 

„Die Stunde in der ich zu glauben begann“– Wally Lamb öffnet die Büchse der Pandora
**********************************
„Das Chaos rollte auf uns zu und es sollte uns beide so tief in das Labyrinth werfen, dass wir noch jahrelang zwischen den Leichen umherirrten und füreinander unerreichbar blieben“
**********************************
Die Eheleute Caleum und Maureen stecken in einer handfesten Beziehungskrise. Die halbherzigen Versuche ihre Ehe durch eine Paartherapie wiederzubeleben, stehen kurz vor dem Scheitern, als das Unfassbare geschieht und Maureen am 20.04.1999 zu einem der Opfer des Massakers an der Columbine Highschool in Columbine wird. Maureen überlebt das brutale Massaker in einem Schrank der Bibliothek.
***********************************
„An jenem Tag war Maureen der Exekution entgangen, indem sie eine Schranktür geöffnet hatte und in ein Labyrinth eingetreten war – ein aus Korridoren bestehendes Gefängnis, dessen vier Außenwände aus Angst, Wut, Schuld und Trauer bestanden. Und weil ich nicht in der Lage war, sie dort rauszuholen - denn auch ich hatte mich mittlerweile in diesem Labyrinth verirrt -, blieb mir nichts anderes übrig, als das Zentrum des Irrgartens zu finden, mich dem zweiköpfigen Monster zu stellen, das dort auf mich wartete, und es zu töten. Die Mörder zu töten, die sich bereits selbst getötet hatten.“
***********************************
Maureen leidet unter dem posttraumatisches Stresssyndrom, welches im Laufe der Jahre von einem akuten in ein chronisches Stadium wechselt. Sie wird immer zerbrechlicher und verbitterter, entwickelt sich zu einem in sich gekehrten „Un-ich“. Ihr gesamtes Leben wird zu einer Quelle der Frustration und Angst. Streckenweise wiegt sie nur noch 39 kg, verliert büschelweise ihre Haare, kann lange Zeit nicht arbeiten, leidet unter chronischen Schmerzen und panischen Albträumen. Ihren Schmerz betäubt sie mit Medikamenten, bis auch die zum Problem werden. Die sedierte Maureen tötet auf der Heimfahrt einen jungen Mann, der ihr vor das Auto rennt. Ihr Leidensweg endet im Frauengefängnis, welches die Ururgroßmutter von Caleum gegründet hat. Caleum kämpft ums Überleben, arbeitet 60 bis 70 Stunden die Woche, um seine geerbte Farm am Leben halten und die Rechnungen der Anwälte zahlen zu können, währenddessen seine Frau im Gefängnis um ihr Überleben kämpft.
Im zweiten Teil des Romans beginnt er mit Hilfe der auf dem Speicher gefundenen Korrespondenz seiner Urgroßmutter seine Familiengeschichte aufzuarbeiten und deckt dabei mehr als nur eine Lebenslüge auf. Das in aller Kürze über den schwer wiederzugebenden Inhalt des 750 Seiten starken Romans. Ich bin mit beiden Protagonisten von einem bedrückenden Ereignis zum nächsten gewandert und immer wenn ich dachte, das Tal der Schicksalsschläge ist erreicht, holt der Autor zum nächsten Schlag aus.
Wally Lamb ist ein Meister im fesselhaften Erzählen, der alle menschlichen Gefühle und deren Facetten bedient. Wie schon in seinen vorangegangenen Romanen versteht er es im Laufe der Geschichte seine Protagonisten, die zu Beginn dem Leser gelegentlich unsympathisch erscheinen mögen, menschlich und charakterlich wachsen zu lassen.
„Die Stunde, in der ich zu glauben begann“ ist ein bedrückender Roman über traumatisierende Erlebnisse und deren Verarbeitung, die Höhen und Tiefen einer Partnerschaft, Liebe, Eifersucht, Verrat, Wut, Trauer, Resignation, Abhängigkeiten, schwere Schicksalsschläge, Ungeduld, Egoismus, Wertewandel, Umweltkatastrophen, Kriege, Terrorismus, Religion, griechische Mythologie und Lebenslügen.
Im Vergleich mit den Vorgängerromanen zu „Früh am Morgen beginnt die Nacht“ und „Gesang der Wale“ hat Wally Lamb sich meines Erachtens thematisch ein wenig übernommen. Ich hatte insbesondere im zweiten Teil des Romans Probleme mit den parallelen Erzählsträngen und fühlte mich gelegentlich von der Fülle an Informationen, beispielhaften Schicksalen, Personen und Ereignissen erdrückt.
Dennoch, ich ziehe nur ein Sternchen für einen großartigen Roman, der trotz der beklemmenden Atmosphäre Hoffnung macht und ein großer Appell an die Menschlichkeit ist, ab.

 

Dein Kommentar zu dieser Rezension

Die Stunde, in der ich zu glauben begann Die Stunde, in der ich zu glauben begann
Wally Lamb

(54)  

100 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 28 Rezensionen

amoklauf, usa, gefängnis, familiengeschichte, columbine

Kaufen bei amazon.de
Die Stunde, in der ich zu glauben begann
von Wally Lamb

Teilen