Rezension verfasst vor 4 Jahren
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Was ist schon lange tot und quält trotzdem Semester für Semester Studenten? Richtig, Latein. Was der Winter alleine nicht schafft – Latein schafft es: man geht nicht mehr aus dem Haus und sitzt nur noch über Büchern. Ausgehen? Gerne, wenn ich mein Latinum habe. Das wird dann hoffentlich im Sommer sein. Ein Gutes hat die Quälerei – sie ist von kurzer Dauer und das Ende ist abzusehen. Kann man ja nicht von vielen Dingen im Leben behaupten.
Mein Bücherkonsum hat auch schon stark nachgelassen, ist fast schon verkümmert. Stattdessen heißt es vor dem Schlafen gehen: Vokabeln pauken, Konjugationen und Deklinationen lernen. Schon alleine die Masse der semantischen Funktionen, die ein Ablativ haben kann, lässt erahnen, dass Dekadenz und Habgier nicht der einzige Grund für den Untergang Roms gewesen sein kann.
Dass Latein Spaß machen kann, halten wohl auch die meisten meiner Mit-Leidenden für ein hartnäckiges Gerücht. Dass Latein nicht tot ist und sogar die erfolgreichste Sprache der Welt sein soll, behauptet Wilfried Stroh in seinem Buch „Latein ist tot, es lebe Latein!“. Er will dem geneigten Leser so viel Lust an der Sprache vermitteln, dass dieser sich zum nächsten Kurs anmeldet. Dabei verspricht der Klappentext eine Biographie des Lateinischen, die so spannend wie ein Abenteuerroman sein soll. Die Kluft zwischen Sollen und Sein ist aber hier nicht einmal mit gutem Willen zu überbrücken. Nicht jeder Akademiker hat das Zeug zum Romancier. Und statt weiter zu lesen, habe ich dann doch wieder gelernt, Latein natürlich. Wofür ich es brauche, außer der Prüfungsordnung zu genügen, weiß ich nicht. Vielleicht eines fernen Tages im Jenseits, wenn ich über den Wolken mit Cicero wandele und ihm erzähle, wie er Hunderte von Jahren nach seinem Tod noch Studenten zum Stöhnen bringt und ihnen Alpträume beschert. Das hätte er sich zu Lebzeiten bestimmt nicht träumen lassen.
Latein ist tot, es lebe Latein! von Wilfried Stroh, erschienen bei List.
K.B. für Radio Aktiv
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