Leser-Rezension zu „Die Liebesblödigkeit” von Wilhelm Genazino
am 20.12.2008
Meine erste "Begegnung" mit Genazino zum jetzigen Zeitpunkt und ganz ohne Zweifel ist der Mann ein penibler Beobachter seiner Umwelt. Sein Erzähler kämpft mit den langsam auftretenden Tücken des Alterns, gelegentlich mit sehr hypochondrischen Anwandlungen und der Einsicht, dass er seinen derzeitigen Lebensstil - er pflegt langjährige Beziehungen zu zwei sehr verschiedenen Frauen - wohl nicht ewig so beibehalten kann. Daraus entsteht die Misere, sich für eine der Frauen entscheiden zu müssen und diese Problematik ist es auch, die den roten Faden des Büchleins und den Rahmen für seine Reflexionen, Betrachtungen und Sinnfragen darstellt. Teilweise gelingt es ihm, den Leser durch seine Betrachtungen für das Geschehen im eigenen Umfeld überhaupt erst zu sensibilisieren, teils möchte man unwillkürlich ausrufen, ja, genau so ist es, in den Momenten, in denen man selbst Erlebtes und Gesehenes in ähnlicher Form im Buch wiederfindet. Seine Hauptcharaktere sind ausgefeilt und interessant in ihren Eigenarten und vielfach habe ich Sätze mehrfach und mit Vergnügen gelesen. Eine Kritik auf dem Einband -"spannend bis zum Schluss"- kann ich so trotzdem nicht teilen. Interessant ja, die Frage, für welche seiner zwei so unterschiedlichen Gefährtinnen sich der Erzähler entscheidet, aber Spannung? Nein, für einen echten Spannungsbogen ist das Erzähltempo zu gemächlich, die Handlung zu wenig dramatisch, als dass man atemlos weiterläse. Als Fazit also, von meiner Warte, angenehm zu lesen, teils bemerkenswerte Sätze, die es zu entdecken lohnt, aber sicher keines dieser Bücher, die man vor der letzten Seite nicht wieder aus der Hand legen kann.

