Das Lesen ein herrlicher Zeitvertreib seien kann, machen manche der heutigen Romane fast wieder vergessen. Vielen fehlt schlichtweg die Magie, der Zauber, den es bedarf, um uns für längere Zeit aus der Wirklichkeit zu holen und die Phantasie anzuregen. Nicht so William Boyds „Eines Menschen Herz“. Im Jahre 2009 als Leseexemplar erhalten, blieb es längere Zeit in meinem Regal unangetastet stehen. Die Tagebuchform und auch die große Seitenzahl wirkten abschreckend auf mich, ließen einen zähen, überladenen Wälzer fürchten. Stattdessen wurden deshalb erstmal „Ruhelos“ und „Brazzaville Beach“ gelesen. Mit diesen beiden war nicht nur mein Interesse an diesem Autor und seinen Werken geweckt, auch die Neugier war nun stärker als die Zurückhaltung. Gottseidank, möchte ich sagen, denn was Boyd hier geleistet hat, lässt sich wahrlich nur mit dem Prädikat „meisterhaft“ versehen. Das Werk des im Jahre 1952 geborenen englischen Schriftstellers, in dem er einiges aus seiner eigenen Biographie mit eingebaut hat, reiht sich nahtlos in die Riege der großen modernen Romane ein und schafft es auf beeindruckende Art und Weise das Leben einer fiktiven Person zu einem realen, authentischen Leseerlebnis zu schmieden.
„Eines Menschen Herz“ sind die Tagebucheinträge von Logan Gonzago Mountstuart, der, im Jahre 1906 in Uruguay geboren und 1991 in einem Dorf in Frankreich gestorben, beinahe das gesamte 20. Jahrhundert durchlebt und viele wichtige historische Ereignisse aus nächster Nähe verfolgt hat. Bei wohlhabenden Eltern aufgewachsen, tritt er jung ins College von Oxford ein, das er mehr schlecht als recht absolviert. Ein Historiker, wie geplant. ist er nicht geworden. Aber seine Begabung zum Schreiben hat er entdeckt. Als neuer hochkarätiger britischer Schriftsteller begibt er sich in das Milieu seiner Schreiberkollegen, säuft er gemeinsam mit Evelyn Waugh und zankt mit der herrischen Virginia Woolf. Schließlich zieht es ihn in den Spanischen Krieg, wo er Freundschaft mit Hemingway schließt und auch seine Affinität zur Kunst entdeckt. Es folgen Jahre des großen Glücks, der Unbekümmertheit, der lang gesuchten Liebe. Logan schwelgt, genießt das Leben, die Martinis. Bis schließlich der Zweite Weltkrieg ausbricht.
Logan antwortet dem Ruf der Majestät, wird zum Spion des Marineministeriums, wo er auch Ian Fleming kennen lernt, den er kurzerhand zum Schreiben verführt. Seine Mission führt ihn auf die Bahamas. Dort soll er den Herzog von Wales und seine Gattin beobachten, die unter dem Verdacht stehen, mit Nazis Geschäfte zu machen. Logan erfüllt seine Pflicht, spielt Golf mit dem Herzog, der ihn schließlich hintergeht und in eine schlimme Intrige verwickelt, die ihn auf Jahre verfolgen soll. Gegen Endes des Krieges springt er über der Schweiz ab, um flüchtige Anführer des Dritten Reichs zu verfolgen. Stattdessen gerät er für zwei Jahre in Haft. Als er zurückkehrt sind Frau und Kind tot, seine Träume vom Familienleben liegen in Trümmern. Doch der Strudel der Zeit lässt ihn nicht los. Kunsthändler in Paris, New York. Orgien, Feste. Treffen mit James Joyce, Picasso. Universitätsprofessor in Nigeria, Biafra-Krieg, Rückkehr. Ende der Kreativität, beginnende Armut, stilvoller Niedergang. Logan wird alt, gerät in das konspirative Umfeld der Roten-Armee-Fraktion und lässt sich schließlich im ländlichen Frankreich nieder, wo er im Schatten eines Baumes verstirbt …
Nur ein Leben, nur eine Person im Mittelpunkt. Und doch, ja doch, ein schlichtweg wunderbares Buch über ein gesamtes Jahrhundert, über ein Schicksal und das von vielen. Wie William Boyd die Lebensgeschichte des fiktiven Schriftstellers Logan Mountstuart zu Papier gebracht, dessen Erlebnisse in kleinen, aber so lebendigen Tagebucheintragungen zum Leben erweckt hat, nötigt nicht nur Respekt ab, sondern berauscht. Boyd schöpft die stilistischen Mittel zur Gänze aus, um den jeweiligen Puls der Zeit wiederzugeben. Und mit ihr die Stimmung, die Musik, die Gerüche. Während die ersten Einträge aus Jugendzeiten noch von kindlicher, ungestümer Kürze sind, schillert in den Einträgen der erfolgreichen 20er und 30er Jahre ein Hauch von Aufstieg, Bewegung und Erfolg hervor. Das dies die Jahre seiner großen Liebe, die des Übermuts, der Lebensfreude und Grenzenlosigkeit sind, kann man lesen, mitfühlen. Selbiges gilt dann auch für die Nachkriegsjahre, von denen nur Verzweiflung, Trauer und Trostlosigkeit bleiben. Ein gebrochener Mann, der lange braucht, um dem Leben neuen Sinn zu verleihen, reifer und nachdenklicher zu werden und dank dem Erlebten, den Erfahrungen, letztendlich zur Erkenntnis zu gelangen: „Das ist alles, was das Leben am Ende ausmacht: die Gesamtheit des Glücks und des Unglücks, das einem widerfährt.“
„Eines Menschen Herz“ liest sich wie aus einem Guss, streckt dem Leser die Hand entgegen, der sie bereitwillig nimmt und es sich inmitten der Gedanken- und Gefühlswelt Logans bequem macht. Man kann nicht umhin, ihn zu mögen, diesen geschmeidigen James Bond, diesen modernen Abenteurer und tragischen Helden, dessen Leben man nicht nur begleitet, sondern mitlebt. Knappe prägnante Charakterporträts, weltpolitische Geschehen und Entwicklungen, welche Logan scheinbar immer nur zufällig kreuzt. Was „Forrest Gump“ für die Leinwand war, scheint „Eines Menschen Herz“ für das Buch zu werden. Eine wunderbare Hommage an das Auf und Ab des Lebens. Der Tod ist dann nicht nur das Ende des Romans, sondern gleichzeitig auch das Ende einer Reise. Ein wehmütiges, trauriges Ende, das mich, vielleicht auch wegen des Bruchs im letzten Satz, unheimlich berührt und bewegt hat.
Insgesamt ist „Eines Menschen Herz“ ein umwerfend schönes und fesselndes Buch über eine fiktive Person, auf der Suche nach der Liebe, die dem Schicksal stets tapfer die Stirn geboten hat. Kein Ausnahmeheld, keine Besonderheit. Aber ein Mensch seiner Zeit. Eine Zeit, welche unwiderruflich vorbei, aber dank Werken wie diesen, nie verloren oder vergessen ist. Wie schrieb Elmar Krekeler von „Die Welt“: „Boyds bisher großartigster und berührendster Roman.“ Dem ist rein gar nichts hinzuzufügen!