Leser-Rezension zu „Nächtliche Vorkommnisse” von William Gay
am 20.04.2009
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Ein Kaff in Tennessee im Jahr 1951: der junge Kenneth und seine Schwester Corrie Tyler lüften ein grausames Geheimnis. Der hiesige Bestatter Fenton Breece hat den Leichnam ihres Vaters geschändet. Sie öffnen weitere Gräber und sehen ihren Verdacht bestätigt. Corrie will Breece erpressen. Kenneth stielt ihm darum eine Aktentasche aus dem Auto, in der er beweiskräftige Fotos findet. „Ich will fünfzehntausend Dollar“, sagt Corrie zu Fenton Breece, den sie darauf hin in seinem Büro im Bestattungsunternehmen aufsucht.
Als dann der bullige, furchtlose und tiefböse Granville Sutter wenige Tage später Kenneth Tyler in der Stadt aufsucht und ihm deutlich macht, dass er die Fotos besser so rausrückt, da er im Auftrag von Breece komme und garantiert nicht lange fuchteln würde, wird Tyler die Sache zu heiß. Er will nichts damit zu tun haben. Wollte er von Anfang an nicht. „Er blufft“, beschwichtigt ihn Corrie. „Stell dir doch nur vor, Kenneth. Wir anderswo, in einer Stadt, vielleicht Nashville oder Memphis. Mit dem vielen Geld. Tausend und Abertausend Dollar.“
William Gay, der selbst in Hohenwald, Tennessee groß geworden ist und auch heute dort zurückgezogen in den hiesigen Wäldern lebt, wirkt äußerlich fast gleichermaßen wie eine Figur aus seinem Roman. Ein zerfurchtes Gesicht, eine Zigarette in der Hand und die Haare wirr um Stirn und Ohren gewickelt.
Seine Figuren sind alle ein wenig verschroben, grobschlächtig. Einsam in diesem verlassenen Landstrich, einer sich auflösenden ländlichen Gegend, umgeben von menschenleeren Ruinen, einst bewohnt von Bergleuten und Firmenchefs, die die an Phosphat und Eisenerz reiche Gegend ausschlachteten und die nach dem Aufschwung durch Tunnel und Schächte verwüstete Gegend einfach hinter sich und dort ließen, was an Maschinen und anderem Rostwerk unbrauchbar schien.
Ein Katz-und-Maus-Spiel entspinnt sich zwischen Sutter und den Tylers, der Corrie zuerst zum Opfer fällt. Zwischen diesen stark realistischen Beschreibungen hängen die Missstände menschlichen Seins, das Mystische der Orte, die verlassen scheinen, es doch nicht sind. Eine geerdeter, klarer, männlicher Stil durchzieht den Roman, der den Leser von Seite zu Seite jagt und dem Sprint Kenneth Tylers durch die Wälder von Harrikin – einem durch Hurrikans zerstörtem Landstreifen - folgt, dessen Schicksal man nicht einzuschätzen vermag. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.
In Puzzleteilen setzt sich die Geschichte, mit (er-)klärenden Rückblicken gespickt, in ein Ganzes, bis dem Leser irgendwann die Schuppen von den Augen fallen. Eine Sprache begleitet ihn dabei, die doch irgendwie trockenen Humor erklingen und den puren Menschen mit seinen Gedanken erstehen lässt.
Dies ist die zweite deutsche Veröffentlichung von William Gay, dessen Provinzen der Nacht 2001 im Argon Verlag erschienen, inzwischen nur noch antiquarisch erhältlich ist. Dabei ist er in amerikanischen Gefilden besonders auch für seine Kurzgeschichten bekannt.
In einem Interview erzählte der Autor, dass er den Roman eigentlich als Short Story initiiert hatte. Er wollte eine Art Horror Story schreiben, wurde sich aber dann darüber klar, dass er die einzelnen Geschichten nicht hätte lösen können und arbeitete den Text aus.
Der „Stammübersetzer“ Stephen Kings, Joachim Köber, der auch selbst Verleger ist, tritt hier erstmalig in der Übertragung eines Werkes von William Gay hervor. Er hat ein stimmiges Werk geschaffen, dessen Dialoge von dieser kleinamerikanischen Plumpheit der County-Bewohner leben und von dem auch Stephen King bereits 2007 lobend gesagt hat, dass Twilight, so der Originaltitel des Werks, sein Buch des Jahres sei.
Fazit: Es lohnt, sich auf diese Geschichte voller unsympathischer, verquerer Menschen einzulassen. Die Bilder verkommener Landschaften auf sich wirken zu lassen. Man darf auf weitere Übersetzungen ins Deutsche hoffen, die dem hiesigen Publikum vielleicht auch seine genialen Kurzgeschichten eröffnen könnten.
[Erstveröffentlichung auf literature.de]

