Eine Gemeinschaftsrezi von Thursdaynext und Rallus
"Meine Oma sagte immer, eine der wenigen Gewissheiten im Leben sei, dass man selbstgewisse Leute ganz gewiss meiden solle."_
Willy Russells Romandebüt, handelt von Raymond, dem sympathischen, 19 jährigen Engländer, in dessen Leben so viele unglückliche Umstände und Verkettungen zu einem katastrophalen Chaos führten und der dennoch immer weitermacht. Wir erleben sein Leben in Rückblicken, aufgeschrieben von ihm selber - in Briefen an sein großes Idol Morrissey.
Raymond, anfangs ein "normaler" 10-jähriger Junge im Osten von England, geht in die Schule, spielt Fußball macht Streiche und "erfindet" das Fliegenfangen. Doch an dem Tag als sein Kumpel beim Fliegenfangen in den Kanal fällt und er ihn retten muss, wird er zum "Wrong Boy", wie das Buch im Original heißt.
Und von da an läuft so einiges schief in seinem Leben.
Der spießige, genormte, nur an seiner Karriere interessierte Schulleiter, zu dem er zitiert wird, macht den Anfang, um Raymond zu "normalisieren".
Aus einer Fliege wird ein Elefant . Raymond wird an den Pranger gestellt, von der Schule verstoßen , danach von seinen Kumpels gemieden und praktisch wegen nichts aus seinem normalen Jungenleben katapultiert.
Ray ist auch anders, hat viel Phantasie und eckt dadurch öfters an. Nur seine Oma hält zu ihm, die Oma die zu den "Progressiven Pensionären" geht und ihm zuhört und in seinem Anderssein versteht!
Ohne seinen musikalischen, lebensfremden Vater, der nie Verantwortung für seine Familie übernehmen konnte, weil seine Sehnsucht nach einem anderen Leben ihn fast lebensunfähig machte, wächst er bei seiner liebevollen Mutter Shelag auf, mit Unterstützung seiner außergewöhnlichen Oma, deren Lieblingsenkel der aufgeweckte kleine Bursche ist.
Diese Oma, die selbst gerne den Kopf in die Wolken steckt und in einem anderen Leben gerne Simone de Beauvoirs Leben gelebt hätte, aber erkannt hat, dass sie in diesem Leben eben versuchen muss die "Beste Vera Bradwell zu sein, die ich sein kann". Oma kämpft für ihn, auch und gerade dann, wenn seine Mutter zu erschöpft dazu ist. Sie gibt ihm Stärke und Mut und die nötige Bodenhaftung “... Selbstmitleid schält keine Kartoffeln“ auf den weiteren Weg, auf der Strasse nach Grimsby mit ........
Und diese Strasse steckt voll finsterer Gestalten wie z.B. Mutanten (die alle mit ihrem langweiligen Geschwätz töten wollen), Spießern (Der Schulleiter der seine Schule von "Unrat" säubern will), Fanatikern, sexgeilen, hoch toupierten Einzelhändlerinnen.
Überhaupt Spießer!!! Die ganze Welt ist voll davon (wie im normalen Leben eben), nur Raymond ist kein Erwachsener der es gelernt hat damit umzugehen - er wächst erst auf und ist unsicher, er bezeichnet sich selbst als falscher Junge, der seiner Mutter Kummer macht.
Auf seinem "roadtrip to himself" begegnet er verschiedenen Charakteren, alle eint eine gewisse Auserwähltheit, seien sie nun ausgesprochen lästig, durchgeknallt, spießig, hilfreich, derb, liebevoll oder schlicht völlig daneben.
Alle zusammen sind in Rays Leben und er muss sein Anderssein in seinem Aufwachsen verteidigen und manchmal einfach nur überleben. Russel verpackt diese Begegnungen in lakonische Dialoge die ihresgleichen suchen.
Abgesehen von Morrissey und den "Smiths" deren Texten und Musik, helfen ihm noch seine Freunde Twinky und Norman . Twinky, homosexuell, ein glühender Vertreter und Verehrer der Schönheit; Norman, Twinkys selbst ernannter Bewunderer und Beschützer, von seinem prügelnden Vater gezeichnet, dem er mit Twinkys Hilfe entkommt.
Die Freundschaft dieser beiden rettet Ray letztendlich vor dem Scheitern seines Aufwachsens.
Willy Russell, dessen Biographie ( ....verliess mit 15 die Schule, war Damenfriseur, Sockenverkäufer und fahrender Folksänger bevor er ernsthaft zu schreiben begann .....) selbst nicht geradlinig verlief, bis er anfing zu Schreiben, ist ein grandioses Buch gelungen- ein Buch welches einen zum Lachen und Weinen UND zum Nachdenken bringt. Die Vergleiche mit John Irving sind berechtigt.
Mit einer klaren direkten Sprache, mit ehrlichen, auch verrückten Figuren gelingt ihm eins der wenigen Bücher die sich mit dem Inneren eines aufwachsenden "anderen" Jungen beschäftigt.
Dieses Roadmovie ist, neben dem zurückgelegten Weg, wie alle Guten der Gattung, eine Reise zu Raymond Marks Ich. Es ist bezaubernd, lebensweise und herrlich witzig, schwarzhumorig, ergreifend traurig, musikalisch geschmackvoll, sonnendurchflutet, mutmachend.
Wer Lust hat sich auf das volle pralle LEBEN einzulassen, liest hier richtig ! In diesem Buch steckt man bis zum Ende tief drin und taucht ungern wieder auf.
Von uns alle verfügbaren Sternchen !