Rezension verfasst vor 2 Jahren
(16)
Eingereicht von Philip R.:
Yu Hua erzählt in diesem Werk die Geschichte der zwei Halbbrüder Song Gang und Glatzkopf-Li im Verlauf der letzten vierzig Jahre bewegter chinesischer Geschichte in dem stereotypen kleinen Dorf Liuzhen nahe Shanghai. Der Roman gliedert sich in zwei Teile, von denen der erste sich mit dem
Aufwachsen der beiden und ihrer schwierigen Sozialisation in einer im Umbruch befindlichen Gesellschaft zur Zeit der Kulturrevolution beschäftigt. In sehr eindringlichen und konkreten Bilder führt Hua dem Leser die aus der naiven Kinderperspektive geschilderten grauenhaften Auswirkungen der zutiefst
menschenverachtenden Kulturrevolution vor Augen, in deren Verlauf die beiden Kinder aus
armen Verhältnissen immer mehr auf sich selbst gestellt sind und sich in dieser brutalst gewaltsam eingeschüchterten Gesellschaft durchschlagen müssen. Der Schilderung von größtmöglicher Brutalität werden immer wieder grotesk komische Episoden des dörflichen Alltagslebens gegenübergestellt, wie etwa Glatzkopf-Lis Versuche teilentblößte Frauen auf der öffentlichen Toilette auszuspähen. Die große atmosphärische Bandbreite und die thematische Gegensätzlichkeit der Ereignisse wirkt dabei jedoch nie konstruiert, sondern stimmig wie eine gut ausgeführte tiefgründige und skurrile Karikatur.
Der zweite Teil des Romans schildert die Zeit des umfassenden wirtschaftlichen Aufschwungs nach
dem Ende der Kulturrevolution. Während der spitzfindige Glatzkopf-Li, das politische System geschickt nutzend, durch Abfall-Handel und durch die bedarfsgerechte Bedienung gesellschaftlich neu aufkommender materialistischer Wünsche schnell zu einem der reichsten Magnaten Chinas aufsteigen
kann, findet der eher unbedarfte Song Gang sein privates Glück in der Hochzeit der Dorfschönheit Lin Hong. Die Lebenswege der beiden Brüder, des aufstrebenden Wirtschaftstycoons und des sich krank arbeitenden Tagelöhners und späteren Wanderverkäufers für Gesundheitspflegemittel, der auch unter
dem größtmöglichen körperlichen Einsatz nicht zu Geld zu kommen vermag, gehen immer weiter auseinander und zeigen beispielhaft die Extreme heutiger chinesischer Lebenswirklichkeit auf. Der extreme, der Gesellschaft übergestülpte Wandel vollzieht sich exemplarisch am Dorf Liuzhen, das zu einer mit Neonreklamen, Glaspalästen und breiten Asphaltstraßen zugepflasterten Stadt im neuen China wird. Mit dem radikalen Wandel werden Dorfbewohner zu Nutznießern und (Aktien-) Gewinnern des neuen radikal-liberalen Wirtschaftssystems, die den materialistischen Werten westlicher Industrienationen nacheifern, oder zu dessen existenziellen Verlierern. Der hier vorgeführte exzessive gesellschaftliche Umbruch, den Hua eindringlich konkret an einem überschaubaren stereotypen Personenkreis vorführt, lässt am Ende der Erzählung keinen moralisch integeren, glücklichen Helden zurück, sondern nur einen von der Suche nach Glück getriebenen Glatzkopf-Li, der auf seinem
vergoldetem Klo sitzend nach dem letzten verbliebenen großen Wunsch, der Reise ins Weltall, strebt.
So bleibt dem Einzelnen entweder der große wirtschaftliche Gewinn oder der Untergang in der schönen neuen kapitalistischen chinesischen Konsumwelt.
Hua ist mit diesem Roman ein auffallend ausfallendes Buch gelungen, in dem sich sehr stimmig
schreiend komische, brutale von Blut und Eiter triefende aber auch gefühlvoll traurige Szenen in schnellen Übergängen abwechseln. Es überwiegt jedoch ein zumindest oberflächlich naiv, lustiger Grundton, der oftmals noch das vermeintlich positive der offensichtlichen Missstände aufzeigt. Einiges,
auch in der leider oftmals etwas holzschnittartigen und karikaturenhaften Personencharakterisierung, erinnert an einen traditionellen Schelmenroman. Außerdem finden sich viele direkte Verweise auf klassische chinesische Literatur, etwa auf die Abenteuer des Affenkönigs bei seiner Reise nach
Westen. Viele Passagen, wie beispielsweise eine von Glatzkopf-Li veranstaltete Jungfrauen-Parade oder die Machenschaften des Hochstaplers Zhou, sind märchenhaft abstrus, tragen aber wahrscheinlich in ihrer allegorischen Übertreibung oft viel aktuelle Wahrheit in sich. Der durchweg kritische
Bezug auf das moderne China mit seinem exzessiven Wirtschaftswachstum ist teils sehr direkt und unverkennbar deutlich. Die Themen sind in ihrer literarischen Ausführung jedoch oftmals so stark ins grotesk ironische überdreht, dass sie wahrscheinlich weit über die real existierenden chinesischen Verhältnisse hinausschießen, und so nur noch bedingt als ernst zu nehmende Kritik an der Realität erscheinen können. Es fällt schwer zu glauben, dass der brutal-liberale Kapitalismus und das weitestgehend hemmungslose Streben nach individueller wirtschaftlicher Prosperität und Gewinnmaximierung in China wirklich schon annähernd die in diesem Roman geschilderten Ausmaße erreicht hat.
Zusammenfassend ist dies ein sehr guter und empfehlenswerter zeitgenössischer chinesischer Roman.
Einige Stellen hätten durchaus gekürzt werden können, Langeweile kommt jedoch beim Lesen nicht auf. Lobend zu erwähnen ist auch die sehr gute deutsche Übersetzung, die genau den richtigen Ton trifft.
Mehr
Weniger
0 Kommentare