am 10.09.2009
Inhalt: „Brüder“ ist die Geschichte zweier sehr ungleicher chinesischer Brüder, die sich von der Zeit der Kulturrevolution bis zur jüngsten Zeit erstreckt. Li Lan, die Mutter von Glatzkopf-Li heiratet den Song Fangping, den Vater von Song Gang und die beiden „Brüder“ entwickeln eine lebenslange, symbiotische Beziehung, die voller Dramatik, Zerreißproben und auch Romantik ist. Song Fangping erliegt auf grausame Art und Weise den Schlägertrupps der „Roten Garden“, Li Lan stirbt schwer krank und folgt ihrem Mann, als die beiden Brüder noch nicht ganz erwachsen sind. Song Gang, der Ältere und Besonnenere der Brüder verspricht ihr, auf Glatzkopf-Li aufzupassen. Die beiden Brüder entzweien sich über der Liebe zur selben Frau, Lin Hong, die sich aber nicht in den ungestümen Glatzkopf-Li verliebt, sondern in den ruhigen Song Gang. Während das Ehepaar unter sehr bescheidenen Umständen lebt, macht sich der geschäftstüchtige Glatzkopf-Li die Öffnung Chinas unter Deng Xiaoping zunutze und arbeitet sich vom Bettler zum Tycoon hoch. Nach jahrelanger Trennung wird die Dreiecksgeschichte der drei Hauptfiguren mit einer überraschenden Wendung wiederbelebt.
Kommentar: „Brüder“ ist ein Wälzer - die deutsche Version komm mit 765 Seiten daher - und ist überbordend von Gewaltdarstellungen, von Sexszenen, von der Beschreibung von Armut und Luxus, von der typisch chinesischen ständigen Suche nach Geschäftsideen, von neugierigen Zuschauern, die viel kommentieren und lachen, aber nicht eingreifen. Die Beschreibungen müssen westlichen Lesern als übertrieben und grotesk erscheinen. Wir erfahren nichts über das Innenleben der Figuren, sondern nur über ihre Handlungen: auch dies muss dem westlichen Leser befremdlich vorkommen. Die Mischung aus Humor und Gewalt erinnert stark an die Geschichten von Lu Xun.
Yu Hua referenziert ständig auf das in China sehr hochgehaltene Kulturgut Sprichwort. Jemand, dem zu jeder Situation ein Sprichwort - d.h. ein Zitat aus den Klassikern - einfällt, gilt in China als sehr gebildet. Yu Hua karikiert diese chinesische Spezialität und läßt zwei seiner Figuren, den Dichter und den Schriftsteller immer wieder in komischen Situationen auftauchen, in denen sie gar nicht „intellektuell“ wirken. Zum Schluss dienen sich beide der Ökonomie an, während der einst intellektuell interessierte Song Gang vor lauter Überleben keine Zeit mehr für Kultur hat. So charakterisiert Yu Hua indirekt der Lage der Kultur in seinem Land als von der Wirtschaft überrollt. Immerhin wurde sein Roman trotzdem ein chinesischer Bestseller.
Die persönlichen Erniedrigungen, die jemand auf sich nimmt, um geschäftlich erfolgreich zu sein, sind zahlreich. Die Werbung für Produkte des Alltagslebens scheint bis zur Groteske überzogen. Die Suche nach einem neuen, die alte Kultur über den Haufen werfenden Lebensstil erscheint stellenweise naiv und nimmt teilweise religiösen Charakter an. Alles übertrieben? Nein - typisch chinesisch, nur noch etwas mehr auf die Spitze getrieben als China eh‘ schon ist.

