A16 Sorry - Zoran Drvenkar Kategorie: Allgemein
Dienstag. Ich bummle mit einer Freundin durch den Buchladen, entscheide mich nach vielem Hin und Her für den Kauf dieses Buches. Noch hätte ich mich anders entscheiden können - doch ich sollte diesem Buch wohl nicht entgehen.
Dienstag Abend. Eigentlich wollte ich heute noch weg, doch das ist kurzerhand gestrichen. Auch für den Besuch, den sich mein Mann eingeladen hat, habe ich nur ein halbes Ohr. Heute gelange ich genau bis zur Mitte des Buches. Fast bin ich wütend auf mich, dass ich müde werde und unterbrechen muss.
Mittwoch. Der Tag steht unter einem unruhigen Stern. Heute ist der Tag, an dem ich dieses Buch zu Ende lesen muss. Ich bin wiederum fast ärgerlich über jede Unterbrechung, das "Taxi Mama" nimmt zwar seinen Dienst auf, greift aber, kaum daheim, wieder zum Buch.
Mittwoch Abend. Eine Kanne Tee und viele Seiten später. Das Buch ist zugeklappt, die Geschichte beendet. Oder doch nicht? Die Charaktere und die Story schweben noch immer im Raum. Ich mag nicht so bald zu Bett gehen, ich denke nach, sinniere, fühle mit, leide. Und ich lese die ersten Kapitel noch einmal. Danach wird mir so langsam klar, dass dies einer der besten Thriller war, die mir jemals in die Hände gefallen sind.
Ist dies ein perfektes Buch, wird der Leser der Rezension nun fragen. Ist es ein Buch ohne Mängel oder Macken. Ist es ein Buch, das man gelesen haben muss. Merkwürdigerweise würde ich in allen diesen Fällen mit "Nein" antworten - doch dieses Buch hat mir deutlich gemacht, dass zu einem gelungenen Lese-Erlebnis eben mehr gehört, als logisch erklärbar ist.
Zwei Worte drängeln sich nach vorne. Sie sind der Meinung, dass sie dieses Buch hinreichend beschreiben. Es sind die Worte "verstörend" und "originell". Aus der Seitenkulisse taucht noch ein Wort auf, das sich auf die Hauptfiguren bezieht. "Unperfekt". In der Tat habe ich zwei Tage lang mit Menschen gelebt und gelitten, die alles andere als realitätsnah waren, die ich so nicht kenne, die sicherlich ein wenig kaputt und orientierungslos wirkten, und zwar allesamt. Und dennoch - es war mir egal.
Das absolut Verstörende an dem Buch ist, dass es einem als Leser die Aufgabe der Bewertung nicht abnimmt. Oberflächlich mag man wissen, die vier Freunde sind die Guten, und der Killer und die Menschen aus seiner Vorgeschichte sind die Bösen. Doch so einfach ist es nicht. Im Laufe der Handlung begeht jeder, aber auch wirklich jeder, etliche Dummheiten, und steht vor tiefen Krisen.
Dieses Gefühl der Verstörtheit kombiniert der Autor unglaublich kunstvoll mit formaler Originalität. Das Buch ist völlig neuartig aufgebaut, so etwas habe ich noch nicht gelesen. Das übliche Thriller-Einerlei war es auf keinen Fall! Es gab verschiedene Überschriften, die die Abschnitte (ich möchte nicht gerne "Kapitel" sagen) eingeleitet und strukturiert haben: "davor", "danach", "dazwischen", "Du", "der Mann, der nicht da war", sowie die Namen der vier Freunde, "Kris", "Tamara", "Frauke", und "Wolf". Erst im Rückblick macht das alles seinen Sinn. Deshalb würde ich auch jedem Leser raten, das Buch nicht zuzuklappen mit dem Gedanken, wie verwirrend das alles doch war. Man lese zumindest die ersten Kapitel noch einmal, dann wird man merken, dass das alles wohl durchdacht war. Und eins kann ich versichern: es ist garantiert nicht vorherzusehen, wer es nun ist, der in den Abschnitten „danach“ spricht!
Gut, man mag sich streiten, ob die Thematik des Buches (das, was den Killer letztlich zu seinen Taten trieb) wirklich so neu ist. Darüber schreibt in letzter Zeit wirklich jeder. Aber auch hier schafft es der Autor, dem Ganzen neue Züge zu verleihen. Denn er lässt die Frage offen, inwieweit Butch, der Freund des Täters aus Kindheitstagen, wirklich freiwillig involviert war... eine gruselige Vorstellung!
Ausgesprochen genial fand ich auch die Sprache und Ausdrucksweise. Noch nie habe ich ein Buch gelesen, in dem so konsequent im Präsens geschrieben wurde, und zwar auch dann, wenn es um Ereignisse in der Vergangenheit oder Zukunft ging. Dazu klare, knappe Sätze, die oft die Zerrissenheit der ganzen Situation noch betonen. Der Effekt ist unmittelbar und eindringlich: man erlebt das Buch als Leser als nahezu schicksalhaft, die Ereignisse als unaufhaltbar. Dies dann auch noch kombiniert mit dem genial ausgetüftelten Spannungsbogen, und fertig ist ein Lese-Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann.
Mein Fazit kann nur lauten: dieses Buch bleibt in meinem Besitz, ich werde es vermutlich ein zweites Mal lesen. Und ich rate jedem Thriller-Fan, nicht achtlos daran vorbeizugehen. DU, ja genau DU, Leser, bist gemeint. Nimm und lies! Und dann denke nach - so wie ich.