Leser-Rezension zu „Sorry” von Zoran Drvenkar

Rezension als hilfreich gekennzeichnet: (12)

Stahlfixx Stahlfixx
Verfasst von Stahlfixx
am 19.08.2010
 

Über das Buch:
Chris, Wolf, Tamara und Frauke sind typische Vertreter der "Generation Praktikum", trotz guter Bildung bieten sich ihnen im Berufsleben recht wenig (dauerhafte) Perspektiven und so dümpeln sie mehr schlecht als recht mit Ende zwanzig, ohne Ziel und in recht kindlichen Verhaltensweisen gefangen, dahin. Bis sie an einem Abend die zündende Idee haben, sie gründen eine Agentur, die sich für andere entschuldigt, was ja bisweilen für den, der sich entschuldigen müsste, nicht einfach ist, wird "fremd-übernommen" und zur lukrativen Einnahmequelle für die Freunde. Alles läuft wunderbar, bis sie wieder zu einem "Fall" gerufen werden, Chris fährt zu der ihm genannten Adresse und läutet, die Tür steht offen und er geht hinein. In der Wohnung bietet sich ihm ein grausamer Anblick, eine hingerichtete Frau und Instruktionen vom Mörder - dass er sich bei der Leiche entschuldigen soll und danach wäre noch der Tatort zu säubern und die Leiche verschwinden zu lassen, dazu sind noch Fotos gelegt, die wichtige Bezugspersonen der vier zeigen - der Mörder will klarstellen, dass wenn das mit dem Beseitigen der Leiche nicht klappen sollte, er genau weiss, wer als nächstes das Zeitliche segnet... Chris ruft seine Freunde zu Hilfe und alle zusammen tun, was der Mörder von ihnen verlangt, was sie nicht wissen ist, dass das erst der Anfang eines Alptraumes für jeden einzelnen der Freunde sein wird.

Meine Meinung:
"Sorry" ist für mich einer der besten deutschen (Psycho-) Thriller, die ich bisher gelesen habe, ein Buch, dass eine bisher noch nicht bekannte, oder ähnlich beschriebene Geschichte, in einer für mich noch nicht gelesenen Form, erzählt. Ein Buch, das mich sehr gut unterhalten hat, das in keinster Weise vorhersehbar war, das mich zum Nachdenken gebracht hat und das mir sicherlich im Gedächtnis bleiben wird.
Trotzdem kann ich "Sorry" nicht uneingeschränkt weiterempfehlen, denn teilweise wird das Buch sehr brutal und grausam, wer mit (gelesenen) tiefen und real geschilderten menschlichen Abgründen kein Problem hat, bekommt hier, meiner Meinung nach, einen Thriller der Extraklasse serviert. Der interessierte Leser sollte einfach, wenn er das Buch in die Hand bekommt einmal hineinlesen, wer die ersten ca. 10 Seiten übersteht, der kann sich das Buch zulegen, wem das schon zu heavy ist, der sollte natürlich lieber nicht zugreifen. Dazu kommt noch die etwas unkonventionelle Erzählperspektive, die Geschichte ist nicht chronologisch aufgebaut und ist doch ein recht verwirrendes und verstörendes Leseerlebnis, ein Buch, das man nicht einfach "weglesen"und weglegen kann. Außerdem fehlt die "wörtliche Rede" wie man sie üblicherweise kennt - Dialoge sind mit einem Bindestrich gekennzeichnet, teilweise ist das etwas verwirrend, man weiss nicht immer, wer spricht oder wann die Aussage wieder beendet ist oder wann der "Sprecher" wechselt.
Der Einstieg ins Buch ist recht brutal, danach wird der Leser sozusagen von einem Erzähler an die Hand genommen und lernt die vier Mitarbeiter und deren Weg zu der Agentur "Sorry" näher kennen. Die einzelnen Kapitel tragen die Überschriften Chris, Wolf, Tamara oder Frauke, so erfährt der Leser verschiedene, an sich gleiche Begebenheiten oder Erlebnisse, aus verschiedenen Perspektiven, damit sind aber noch nicht alle Perspektiven abgedeckt, dazwischen gibt es noch Kapitel die mit "Du", "davor", "dazwischen", "danach" und "Der Mann der nicht da war" betitelt sind und damit lässt sich erahnen, dass es sich hier nicht um einen "Mord - wer war es - Thriller" handelt und die Geschichte wird komplex und als Leser ist man nicht sofort in der Lage alles zu verstehen oder zuordnen zu können, vieles erschließt sich erst im Nachhinein. Vor allem die "Du" Kapitel sind außergewöhnlich und fast schon ein wenig unangenehm zu lesen, denn man glaubt als Leser, vom Erzähler, direkt als Mörder angesprochen zu werden, so wird man (ungewollt) zu einem Teil des Buches, wird zum Verbrecher. Die wahre Identität des "Du" bleibt fast bis zum Schluss im Dunkeln, im letzten Drittel des Buches ahnt man aber langsam, dass man als Leser nicht damit gemeint sein sein kann.
Im Buch gibt es zwei Haupthandlungsstränge, die Geschichte der Protagonisten und die Geschichte des Mörders und zwei Zeitebenen - Chris, Wolf, Tamara und Frauke im "Jetzt" und die Geschichte des Täters in der Vergangenheit, als sich die beiden Geschichten kreuzen beginnt das eigentliche Zeitmaß der Gesamtgeschichte - der erste Mord, alles andere ist "vorher", "dazwischen" oder "danach". Damit ist ist es aber noch nicht genug, es taucht auch noch "Der Mann der nicht da war" im "Jetzt" auf, der auf Rache sinnt, obwohl er nicht die ganze Wahrheit kennt. Die wahre Geschichte hinter den Morden erschließt sich auch dem Leser erst relativ spät.
Das Buch hat mich sehr nachdenklich gemacht, Hauptthema ist meiner Meinung nach ein bedrückendes Spiel mit der "Schuld" und wie man damit umgeht. Der Ablasshandel hat sich schon im Mittelalter nicht bewährt und übertragen auf unsere Zeit ist es ähnlich - übernimmt der, der sich entschuldigt die Schuld, obwohl er eigentlich nichts getan hat, kann man eine Entschuldigung kaufen, kann man Schuld abgeben und trägt dann der, der sich Entschuldigt hat die Verantwortung für die Taten, für die er sich entschuldigt hat. Was macht Schuld mit Menschen, der Mörder verliert sich selbst in Schuld. Haben sich Chris, Wolf, Tamara und Frauke schuldig gemacht, als sie "Sorry" gründeten, gab es die Morde eventuell nur, weil es jemanden gab, der sich dafür entschuldigen wird und damit die Schuld abnimmt. Sehr gut wird auch beschrieben, wie die Hilflosigkeit aller Beteiligten eskaliert, wie die Moral, sobald eigene Interessen beteiligt sind, sinkt. Die Bewertung aber, wer wirklich schuldig ist überlässt der Autor dem Leser, denn Schuld und Unschuld, Gut und Böse liegen manchmal näher zusammen als man sich vorstellen kann.

Mein Fazit:
Ein sehr düsteres und auch stellenweise sehr brutales Buch, sehr ungewöhnlich in Stil und Ausdruck, verstörend und kreativ, das zum Nachdenken anregt und sicherlich nicht schnell zu vergessen ist.

 

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Zoran Drvenkar

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