am 15.01.2012
„Harold glaubte, nach Mutters Tod erbe er die Villa und erhänge sich zweimal die Woche in der Vorhalle“ (S.7)
Genau das ist Harold. 49 Jahre alt, arbeitet in einem Feinkostladen hinter der Fleischtheke, lässt sich die Schikanen seiner erklärten Feindin Carol gefallen und mit dem chronischen Hang zu Selbstmordversuchen.
„Harold erhängt sich höchstens einmal im Monat, in der ersten Hälfte, nie dienstags, aber vor 21 Uhr“ (S. 19)
Doch auf einmal ändert sich alles, als Harold gekündigt wird. Nach 17 Jahren in ein und dem selben Geschäft ist er auf einmal arbeitslos. Zu allem Überfluss erfährt er von seiner Nachbarin und Bridgepartnerin (auf ihren Wunsch hin natürlich, denn Harold kann diesem Spiel eigentlich nichts abgewinnen), dass die eine leere Wohnung in seinem Haus vermietet wurde. An eine Frau und ihren elfjährigen Sohn.
Genau diese beiden stehen noch am selben Tag vor seiner Tür. Die Mutter mit der unglaublichen Bitte auf den Lippen, Harold möge doch die nächsten sieben Tage auf ihren Sohn aufpassen, da sie überraschend nach Paris reisen müsse.
Melvin ist eine Klasse für sich. Er ist nämlich ein Savant. Ein Genie, für diejenigen, die es nicht wissen. Er besitzt 1238 Bücher, natürlich alle gelesen, hat alle Bach-Sonaten auswendig gelernt und noch so einiges mehr. Genau auf diesen Jungen soll Harold nun aufpassen.
So schwierig kann das doch eigentlich gar nicht sein, oder doch?
Denn Melvin kommt auf die aberwitzigsten Ideen, die Harold mehr als einmal in die Bredouille bringen. Alles gipfelt schließlich darin, das Melvin seinen Vater finden will, von dem er nur den Namen kennt: Jeremiah Newsom. Ganze vier gibt es davon in Großbritannien.
Wider besseren Wissens macht sich Harold gemeinsam mit Melvin auf den Weg, in einem altersschwachen Saab, nachdem Harold über 20 Jahre nicht mehr hinter dem Steuer gesessen hat-
Wer Ironie, schwarzen Humor und Zynismus liebt, wird auch Harold lieben. Schon der erste Satz zwingt einen förmlich, dieses Buch unbedingt weiter zu lesen. Von da an saß ich eigentlich durchgehend mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht da, sobald ich „Harold“ in die Hand genommen habe. Spätestens nach der so wunderbar treffenden Beschreibung einer Busfahrt im Londoner Nahverkehr, die sich auch wunderbar auf andere Städte übertragen lässt, war mir klar: Ich liebe dieses Buch!
Die Sprache des Autors, die Liebe zum Detail und vor allem der Humor haben es mir angetan. Witzig. Schlagfertig, zynisch. Herrlich.
„Harold ist beeindruckt und versucht, seine Augenbrauen hochzuziehen, aber er benutzt den falschen Muskel und gähnt aus Versehen.“ (S. 39)
„Melvin hat sich mittlerweile daran gewöhnt, dass selbst Verkehrsteilnehmer jenseits der 80 und einwandfrei sehbehindert, sie gar in den engsten Kurven wutschnaubend überholten und nur dank ihrer vollendeten Höflichkeit auf obszöne Gesten und gellendes Gehupe verzichteten.“ (S.110)
„Einfach rückwärts rein? Ist der Boxer dement? Harold kommt spontan in die Wechseljahre und transpiriert, als würde es keinen Morgen geben“ (S.126)
Um nur mal ein paar kleine Eindrücke von der Art der Sprache zu geben. Ein tolles Buch und für mich einer der Überraschungshits meiner diesjährigen Leseliste!
Top!

