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Der Untergang der islamischen Welt
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Der Untergang der islamischen Welt

Hamed Abdel-Samad
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Droemer Knaur, 08.09.2011
ISBN 9783426784068
Genre: Sach- & Fachbuch

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Secret Service, Jahrbuch 2013
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Secret Service, Jahrbuch 2013

Syndikat
Flexibler Einband: 309 Seiten
Erschienen bei Gmeiner, 24.12.2012
ISBN 9783839214077
Genre: Krimi & Thriller

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Romantische Nächte im Zoo
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Romantische Nächte im Zoo

Harald Martenstein
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Aufbau-Verlag, 06.03.2013
ISBN 9783351035181
Genre: Sonstiges

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Höllenritt Wahlkampf. Ein Insider-Bericht
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kampagnen, euphorie, showcase, pannen, pleiten

Höllenritt Wahlkampf. Ein Insider-Bericht

Frank Stauss
Flexibler Einband: 200 Seiten
Erschienen bei DTV, 01.05.2013
ISBN 9783423249867
Genre: Sach-/Fachbuch

Rezension:

Es ist der 04. Oktober 1980, der Tag vor der Bundestagswahl. Ein 15jähriger Junge sitzt auf dem Rücksitz des elterlichen Autos und presst stundenlang einen Helmut-Schmidt-Aufkleber von innen an die Heckscheibe. Was wird aus einem Jungen, der sich so seltsam verhält?
Ein Wahlkämpfer! Frank Stauss hat sich seine Sporen in der Clinton/Gore-Kampagne verdient, um dann nach seiner Rückkehr aus den USA sofort von der Werbeagentur BUTTER engagiert zu werden. Seitdem hat er zahlreiche kleinere und große Wahlkämpfe bestritten.
Im Buch greift Stauss einige dieser Wahlkämpfe exemplarisch heraus und lässt sich von den Lesern über die Schulter gucken. Hautnah bekommt man mit, wie es hinter den Kulissen zugeht und was alles dazugehört, um einen Kandidaten oder eine Kandidatin optimal zu unterstützen.
Dabei räumt Stauss auch gleich mit einigen Mythen auf. Entgegen der landläufigen Meinung ist es völlig egal, welches Outfit ein Kandidat trägt, ob seine Brille randlos ist, oder ob der Kandidat Charisma besitzt. Viel wichtiger ist der richtige Zeitpunkt. Das beste Beispiel dafür ist Olaf Scholz, dem sicherlich niemand Charisma bescheinigen wird, der aber zur rechten Zeit mit den richtigen Themen einen hervorragenden Wahlsieg eingefahren hat.
Dass Frauen es schwerer haben, stimmt. Aber dass sie härter als die Männer sein müssen, um an die Spitze zu gelangen, stimmt nicht. Nach den Erfahrungen des Autors sind Frauen dann am besten, wenn sie nicht versuchen, wie Männer zu sein, sondern ihre eigenen Stärken ausspielen und den Gegner auf ein Terrain locken, auf dem er unsicher ist. Ein Beispiel dafür ist die Kampagne für Hannelore Kraft bei der NRW-Wahl 2010.
Den Hauptteil des Buches nimmt der „Höllenritt“ ein, der Wahlkampf für die SPD bei den Bundestagswahlen 2005. Die SPD war in der Wählergunst völlig abgerutscht, Merkels Wahlsieg galt als praktisch schon geschehen. Durch eine beispiellose Kampagne schmolz der Abstand zwischen CDU und SPD dramatisch zusammen.
Der Bericht aus dem „Maschinenraum“ über den Ablauf dieser Kampagne und über den Wahltag liest sich spannend wie ein Krimi. Das liegt auch am rasanten und humorvollen Schreibstil des Autors.
Wer Wahlkämpfe für trocken und langweilig hält, wird hier auf beste Art eines Besseren belehrt.
Eine nette Zugabe zum Buch ist, dass sich auf der Website des Autors Materialien zum Buch finden lassen. Hier kann man sich beispielsweise die im Buch beschriebenen Plakate ansehen.
© Petra Samani, April 2013

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Ich lass mich doch nicht verarzten!
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Ich lass mich doch nicht verarzten!

Norbert Peter , Ronny Tekal , Claus Schönhofer
Flexibler Einband: 200 Seiten
Erschienen bei Braumüller Literaturverlag, 01.03.2013
ISBN 9783992000876
Genre: Comic

Rezension:

Das nenne ich perfektes Timing des österreichischen Braumüller Verlags: Am Mittwoch kam das Buch bei mir an, und am Donnerstag landete ich im Krankenhaus, nun also mit der passenden Lektüre.
Dabei kamen für mich zwei zentrale Erkenntnisse heraus: Erstens gucken Mitpatientinnen seltsam, wenn man im Krankenhausbett vor sich hinkichert, und zweitens gleichen sich das österreichische und das deutsche Gesundheitssystem offensichtlich bis aufs Haar.
Dieses Buch hat eine außergewöhnliche Struktur. Zu den einzelnen Themen kommen sowohl ein Arzt, als auch ein Patient und ein „Patientenflüsterer“ zu Wort. Das macht die Lektüre abwechslungsreich und amüsant; das Buch liest sich angenehm leicht, selbst in der lauten Umgebung einer Überwachungsstation.
Als roter Faden ziehen sich die Kommunikationsprobleme im Umgang mit Ärzten durch das Buch, beleuchtet in unterschiedlichen Situationen wie dem Besuch einer Arztpraxis oder einer Notaufnahme.
Patienten werden mit diesem Buch auf das optimale Verhalten trainiert, das ihnen beispielsweise den Umgang mit fetten und rauchenden Ärzten, die ihren Patienten Rauchverzicht und Gewichtsabnahme verordnen, erleichtert.
Auch zum Überleben im Krankenhaus finden sich nützliche Tipps. Besonders folgendes Zitat findet meine vollste Zustimmung:
„Die Krankenschwestern und –pfleger sind die Einzigen, die uns den Aufenthalt erträglich – ja sogar angenehm – machen. Wir bedanken uns für diese Fürsorge mit einer Spende für die Kaffeekasse. Eigentlich sollten wir für sie auf die Barrikaden gehen, um eine verdiente Gehaltserhöhung zu erkämpfen.“
Ja, das sollten wir, besonders angesichts der katastrophalen Situation in Berlin.

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Wenn wir den Himmel sehen wollen, müssen wir donnern helfen - Saualm reflux
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Wenn wir den Himmel sehen wollen, müssen wir donnern helfen - Saualm reflux

Josef Winkler , Gerhard Maurer
Flexibler Einband: 64 Seiten
Erschienen bei Wieser, 01.03.2013
ISBN 9783990290521
Genre: Lyrik/Drama

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Uns kriegt ihr nicht
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Uns kriegt ihr nicht

Tina Hüttl , Alexander Meschnig
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Piper, 12.03.2013
ISBN 9783492055215
Genre: Sach-/Fachbuch

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Mythos Übergewicht
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Mythos Übergewicht

Achim Peters
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Bertelsmann, C, 11.02.2013
ISBN 9783570101490
Genre: Sach-/Fachbuch

Rezension:

Übergewicht entsteht durch Bewegungsmangel und falsche Ernährung. Übergewicht ist gesundheitsschädlich und gefährlich. Übergewichtigen mangelt es an Disziplin und Durchhaltevermögen. Übergewichtige werden gesünder, wenn sie abnehmen.
Diese allgemein akzeptierten, vermeintlichen Fakten stellt Achim Peters in Frage. Denn neuere Forschungen ergeben ein ganz anderes Bild.
Von der bisherigen Forschung wurden psychosoziale Faktoren völlig außer Acht gelassen. Dabei, so Peters, ist dauerhafter Stress die Hauptursache für Übergewicht.
Es gibt zwei Arten, auf dauerhaften Stress zu reagieren. Zu welchem Typ man gehört, ist genetisch bedingt.
Typ A hat ein nur geringfügig angepasstes Stresssystem, das bedeutet, dass diese Menschen den Stress nicht kanalisieren oder dämpfen können. Sie bezahlen ihre Schlankheit oft mit dem Leben, denn sie sind zum Beispiel wesentlich anfälliger für Herzinfarkte.
Typ B dagegen kann sich gut an dauerhaften Stress anpassen und ihr Stresssystem dämpfen. Das wird allerdings durch ein höheres Gewicht erkauft.
Grund dafür ist die Reaktion des Gehirns auf Stress. Stress setzt das Hormon Cortisol frei. Typ A steht ständig unter Strom, hat also einen ständig hohen Cortisol-Spiegel. Bei Typ B setzt eine Anpassung ein, der Cortisol-Spiegel sinkt, auch unter Dauerstress. Dafür benötigt das Gehirn Energie, der Nahrungsbedarf steigt also.
Eine Diät ist daher kontraproduktiv, denn sie ändert erstens nichts an der Ursache und führt zweitens zu erhöhtem Stress. Bei Typ B führt eine Diät zu höherem Gewicht. (Zu beobachten am bekannten Jo-Jo-Effekt.)
Achim Peters beschreibt anschaulich, wie die heutige Arbeitswelt, die sich fundamental geändert hat, zu erhöhtem Stress und damit zu Übergewicht führt. Bei Typ B, wohlgemerkt. Bei Typ A wird die Lebenserwartung verkürzt.
Daneben setzt sich der Autor näher mit dem Diätenwahn, der Diskriminierung von Übergewichtigen in unserer Gesellschaft, und mit der Gewichtszunahme bei Kindern auseinander.
Für meinen Geschmack werden die gleichen Argumente ein wenig zu oft wiederholt und die Argumentation bleibt zu sehr an der Oberfläche. Für ein Lesepublikum, das weniger erfahren mit Sachtexten ist, mag das allerdings sinnvoll sein. Das Buch liest sich jedenfalls sehr angenehm.
Insgesamt finde ich den Ansatz hoch interessant und kann den Zusammenhang Stress – Übergewicht in meiner Lebensgeschichte bestätigen. Ich bin gespannt auf weitere Forschungen zum Thema.

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Die Belasteten
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ns-euthanasie, drittes reich, historie, geschichtswissenschaft

Die Belasteten

Götz Aly
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Fischer (S.), Frankfurt, 01.03.2013
ISBN 9783100004291
Genre: Sach-/Fachbuch

Rezension:

In jeder 8. Familie ist zwischen 1939 und 1945 ein Familienmitglied der Euthanasie zum Opfer gefallen, aber keiner spricht darüber. Keiner spricht über die 200 000 Opfer, denen die Menschenwürde abgesprochen wurde, die zu anonymen Unpersonen gemacht wurden, die als „geistig tot“ bezeichnet wurden, obwohl sie unverwechselbare Persönlichkeiten waren.

Götz Aly will mit diesem Buch den Kranken ihre Würde zurückgeben. Dabei agiert er nicht nur als Historiker, sondern auch als Vater. Das Buch ist seiner Tochter Karline gewidmet, die kurz nach ihrer Geburt an einer Streptokokkeninfektion erkrankte und einen schweren zerebralen Schaden erlitt.

Dass man sich nicht einreden lassen solle, es sei einfach, mit psychisch Kranken zusammen zu leben, zieht sich durch das Buch und ist auch Bestandteil des Buchtitels. „Die Belasteten“ sind nicht nur die Täter, sondern auch die Angehörigen. Die simple Schablone „gewissenlose Naziärzte – belogene Angehörige“  funktioniert nicht, so Aly.

Denn die Angehörigen wussten in der Regel sehr gut, was hinter den ihnen von den Ärzten angebotenen „riskanten Therapien, die in 90% der Fälle zum Tod führen“ steckte und nahmen diese Möglichkeit, ihr Gewissen zu beruhigen, dankbar an. Der Tod wurde als Wohltat für das Kind gesehen, aber man wollte nicht die Verantwortung dafür übernehmen.

Auf der anderen Seite konnten behinderte Kinder durch das Engagement ihrer Eltern gerettet werden. Häufige Besuche und der Wunsch, das Kind zu sich nach Hause zu holen, waren ein effektiver Schutz gegen die Ermordung. Leider brachten nur wenige Angehörige diese Stärke auf.

Man solle jedoch nicht „den Stab über jemanden brechen, der in der NS-Zeit schwach war“, sagte Aly auf der Buchvorstellung in Berlin, denn ein Kranker gefährdete eben auch die Familienexistenz.

„Doch sollten wir Heutigen uns nicht leichtfertig über die Eltern, Geschwister und Gatten erheben, die damals wankten. Sie lebten unter sehr viel schwierigeren Umständen. Anders als heute bestand, etwa im Fall der Geburt eines behinderten Kindes, keine Aussicht auf großzügige staatliche Hilfen, sondern die reale Bedrohung, dass die gesamte Familie als erblich belastet eingestuft und dauerhaft um ihre Zukunftschancen gebracht werden würde.“

So wurde beispielsweise für behinderte Kinder kein Kindergeld gezahlt, und der Familie wurde auch das Kindergeld für die anderen Kinder entzogen.

Götz Aly zeigt auf, wie die breite Akzeptanz der überhaupt nicht im Geheimen durchgeführten Euthanasiemorde in der Bevölkerung erreicht wurde und beschreibt, wie die Morde organisiert wurden.

Den Einstieg bildete die Sterbehilfe, unter deren Befürwortern gerade auch diejenigen waren, die sich politisch gegen die Todesstrafe und das Abtreibungsverbot engagierten und für Frauenrechte, Scheidung und das Recht auf Suizid eintraten. Ebenso waren auch einige der beteiligten Ärzte gleichzeitig Reformer, die sich für die Einrichtung von sozialpsychiatrischen Diensten und Arbeitstherapie einsetzten. Hier zeigt sich die Ambivalenz des Fortschrittsgedankens.

Daran schloss sich die Aktion T4 an, die von 1939 bis 1941 durchgeführt wurde, und der 70273 Menschen zum Opfer fielen.

Interessant ist, dass hinter den Euthanasiemorden nicht erbhygienische Gründe standen, sonder rein utilitaristische Motive. Es ging um Kosteneinsparungen, um Einsparungen an Essen, Kleidung und Betten. Im Mittelpunkt stand immer die Frage, ob jemand für die Gesellschaft brauchbar ist oder nicht.

Daneben gab es noch das wissenschaftliche Interesse an leicht zugänglichen Forschungsobjekten. Von den forschenden Wissenschaftlern wurden gezielt bestimmte Gehirne bestellt, wohl wissend, dass für die Ausführung dieser Bestellungen Morde begangen wurden. Vor der Ermordung wurden an den betroffenen Kindern noch umfangreiche schmerzhafte und gefährliche Tests durchgeführt. Es ist ein Skandal, dass diese Forschungsmethoden nach dem Krieg keine negativen Konsequenzen für die beteiligten Ärzte hatten, im Gegenteil.

„Die mit Hilfe solcher Arbeiten erworbenen akademischen Titel sind von deutschen Universitäten niemals in Frage gestellt worden und in nicht wenigen Fällen erst nach dem 8. Mai 1945 verliehen worden.“

Erst im Jahr 1990 (!) wurden die Präparate der ermordeten Kinder auf dem Münchner Waldfriedhof beigesetzt. Die dazugehörigen Forschungsunterlagen waren bis dahin im Archiv zugänglich und wurden weiterhin genutzt.

Im weiteren Verlauf des Krieges wurden die Krankenhäuser zunehmend für die Unterbringung von Flüchtlingen und Bombenopfern benötigt. Die dafür erforderlichen Plätze wurden durch Morde freigemacht. Den Schwestern auf den Stationen bot sich dadurch die Gelegenheit, unliebsame Patienten loszuwerden, Patienten, die ihre ästhetischen, moralischen oder sozialen Normen störten, weil sie „unruhig, nachts zuweilen störend, frech, querulant, zeitweise unfreundlich“ waren. Hier wurden keine eugenischen Zwecke verfolgt, keine Ideologien oder Rassenlehren bemüht, hier ging es lediglich um das Interesse der Arbeitnehmer an einem störungsfreien Arbeitstag.

Die Euthanasiemorde wurden nach und nach auf weitere Gruppen ausgeweitet. Bombenopfer, die – verständlicherweise – mit Schock, Verwirrung und Schreckhaftigkeit reagierten, wurden ebenso eingewiesen und ermordet wie „Kriegshysteriker“, denen nicht geholfen werden konnte.

Aus den Anstalten wurden Lager. Nun wurden auch vermehrt sozial Unangepasste aufgenommen und ermordet. Zwischen einer psychischen Erkrankung und einem sozial unangepassten Verhalten wurde kein Unterschied gemacht; soziale Gesichtspunkte wurden offiziell zu einer Indikation für ärztliche Morde, für die Vernichtung durch Zwangsarbeit.

Im Sommer 1940 wurden Richtlinien erstellt, nach denen die Bevölkerung in vier Gruppen unterteilt wurde: „1. Asoziale Personen, 2. Tragbare Personen, 3. Die Gruppe der Durchschnittsbevölkerung, 4. Erbbiologisch besonders hochwertige Personen“.

„Asoziale“ wurden von jeder materiellen Zuwendung ausgeschlossen. Was heute als „randständig, deviant, sozial unangepasst“ bezeichnet wird, wurde damals als gemeinschaftsfremd bezeichnet und mit psychopathisch gleichgesetzt. Aus einem soziologischen Begriff wurde eine psychiatrische Diagnose. Zu den „Asozialen“ gehörten auch Tuberkulosekranke. Von dieser Krankheit waren Arme aufgrund ihrer schlechten Lebensverhältnisse besonders betroffen. Die aufwändige und teure Therapie sparte man sich und vernichtete die Kranken durch Zwangsarbeit, Hunger und Nichtversorgung.

Die Euthanasiemorde wurden offen in der Ärzteschaft diskutiert, es gab keine Geheimhaltung, die Morde gehörten zum normalen Stationsalltag.

Die Angehörigen wussten Bescheid, die Bevölkerung wusste, was in den Anstalten vor sich ging – und die Patienten selbst?

Die als „geistig tot“ Bezeichneten bekamen ganz genau mit, was mit ihnen geschah, und dass ihre einzige Schuld in ihrer Krankheit bestand. 80% von ihnen waren alphabetisiert, und Götz Aly lässt in den Kapiteln „Berichte aus dem Archipel Gaskammer“ und „Nachrichten aus den Sterbehäusern“ die Opfer selbst zu Wort kommen. In diesen bewegenden Dokumenten wird deutlich, dass hier keine „geistig toten“, sondern artikulationsfähige Menschen umgebracht wurden, die genau wussten, was ihnen bevorstand: „Kein Einziger kommt zurück“.

Der reibungslose Ablauf der Euthanasiemorde hatte jedoch noch ganz andere Auswirkungen. Denn die Operation T4 diente auch dazu, die Akzeptanz der Bevölkerung für den Massenmord an Juden auszuloten. Wenn sogar Morde an Angehörigen akzeptiert wurden, dann erst recht die Morde an „Volksfremden“. Wie die Euthanasiemorde wurde auch die Vernichtung der Juden in mehreren Stadien durchgeführt, um die Akzeptanz durch die Bevölkerung zu testen. Inzwischen war bereits eine moralische Abstumpfung der Bevölkerung zu beobachten. Der Krieg hat die Gesellschaft fragmentiert und die Aufmerksamkeit auf das eigene Überleben gerichtet. Für Empathie und Einsatz für Andere war kein Raum mehr.

Das material- und quellenreiche Buch ist kompetent und eindringlich geschrieben. Die Versuche, den Opfern ihre Namen zurückzugeben, scheitern allerdings am deutschen Datenschutz. Da bleibt nur die Halblegalität einer israelischen Website: www.iaapa.org.il/46024/Claims

Götz Aly hat eine spitze Zunge, die dafür sorgt, dass die Lektüre trotz des ernsten Themas anregend und spannend ist.

Gleichzeitig ging mir das Buch sehr zu Herzen, besonders weil ich an der Buchvorstellung in Berlin teil genommen habe. Die fand im gleichen Hörsaal der Charité statt, in dem auch der die Euthanasie befürwortende NS-Propagandafilm „Ich klage an“ gedreht wurde. Begleitet wurde die Veranstaltung von Ramba Zamba, einer Theatergruppe mit geistig Behinderten. Diese mit soviel Begeisterung und Herzblut spielenden, deklamierenden und singenden Menschen wären noch vor wenigen Jahrzehnten ermordet worden! Das machte die im Buch beschriebene technokratische Organisation von Euthanasiemorden sinnlich erfahrbar und berührte mich stark.

Ich hoffe, dass dieses Buch für viele ein Anstoß ist, mal in der eigenen Familie nachzuforschen. Fehlt da ein Vorfahr?  


 

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Die Klaviatur des Todes
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rechtsmedizin, sachbuch, gerichtsmedizin, morde, obduktion

Die Klaviatur des Todes

Michael Tsokos
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Droemer/Knaur, 01.03.2013
ISBN 9783426276020
Genre: Sach-/Fachbuch

Rezension:

„Der Tod ist mit einer ganz besonderen Klaviatur ausgestattet“ – und die Rechtsmediziner beherrschen (zum Glück) diese Klaviatur des Todes, diese Vielfalt der denkbaren Todesumstände. Jeder Tod ist individuell, es gibt eine weite Palette der Todesursachen.
Dabei gibt es jedoch nur drei Todesarten: natürlich, nicht natürlich und ungewiss. Nicht natürliche und ungewisse Todesarten sind das Spielfeld der Rechtsmediziner, und dieses Spielfeld ist groß und abwechslungsreich.
Wer CSI und ähnliche Serien sieht und deshalb denkt, dass die USA in der Rechtsmedizin federführend sind, irrt. Sowohl die historische, als auch die moderne Rechtsmedizin haben ihre Wurzeln in Deutschland. Der Autor erklärt, wie sich die Rechtsmedizin entwickelt hat, und wie ein rechtsmedizinisches Institut heutzutage aufgebaut ist.
Was die Wenigsten wissen: Die Rechtsmediziner untersuchen nicht nur Tote; die sogenannte Klinische Rechtsmedizin nimmt einen breiten Raum ein. Untersucht werden lebende und überlebende Opfer von Gewalttaten, also z.B. von Vergewaltigung und Kindesmissbrauch. Ein Tatgeschehen kann man nämlich nicht nur an toten, sondern mit den gleichen Methoden auch an lebenden Opfern rekonstruieren.
Schon diese einleitenden Worte lesen sich spannend, und erst recht natürlich die Fälle aus der Rechtsmedizin, die Michael Tsokos für uns ausgesucht hat.
So geht es zum Beispiel um den Puzzle-Mörder, der Leichenteile in Koffern und Tüten entsorgt hat, um Sexualmorde auf dem Recyclinghof und in einer Physiotherapeutenpraxis, aber auch um vorgetäuschte Straftaten durch Selbstverletzungen.
Besonders entsetzlich fand ich die Taten, die Kinder betreffen. „Immer, wenn ein Kind eines nicht natürlichen Todes stirbt, ist ein Erwachsener daran schuld.“ Und auch für schwere Verletzungen sind Erwachsene verantwortlich, wie einige der hier geschilderten Fälle leider zeigen.
Auch besonders auffällige Suizide werden vom Autor beschrieben, ebenso wie tragische Todesfälle, die durch defekte Gasthermen und skrupellose Vermieter entstanden sind.
Bei all diesen Taten, die wirklich so passiert sind, konnte die kompetente Arbeit der Rechtsmediziner zur Aufklärung der Umstände und zur Überführung der Täter beitragen.
Zum Schluss blickt der Autor in die Zukunft. Was wird nach der derzeit größten Neuerung, der postmortalen Mehrschichten-Computertomographie kommen? In der Entwicklung ist z.B. die bionische Nase, mittels derer man Menschen an ihrem Schweißgeruch identifizieren kann. Es bleibt also interessant, und Michael Tsokos verspricht, uns auf dem Laufenden zu halten.
Dieses hervorragend geschriebene Buch hat mich bis zum frühen Morgen wach gehalten. Die Wirklichkeit ist einfach wesentlich spannender als jeder Thriller.

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Lob der Faulheit
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Lob der Faulheit

Thomas Hohensee
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Gütersloher Verlagshaus, 01.09.2012
ISBN 9783579066516
Genre: Sach-/Fachbuch

Rezension:  
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Die Zauberflöte
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Die Zauberflöte

Emanuel Schikaneder , Wolfgang A. Mozart , Jan Assmann
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Manesse Verlag, 01.09.2012
ISBN 9783717522942
Genre: Gegenwartsliteratur

Rezension:

Die Zauberflöte ist die wohl bekannteste Oper von Wolfgang Amadeus Mozart und gleichzeitig die geheimnisvollste.
Dieses handliche Büchlein ist ein idealer Opernbegleiter, der zusammen mit dem Opernglas in die Abendtasche passt.
Neben dem Libretto Emanuel Schikaneders enthält der Band Beispiele des literarischen Umfelds der Zauberflöte.
In „Lulu oder Die Zauberflöte“ von August Jacob Liebeskind geht es wie im Libretto um einen Jüngling (ja, Lulu ist hier ein Männername!), einen Zauberer und eine Zauberflöte; Christoph Martin Wieland beschreibt in „Der Stein der Weisen“ Liebe, Trennung und Prüfung; „Der Zauberkönig“ von Louis de Mailly hat die Verschleppung einer jungen Frau zum Thema; die „Geschichte des Sethos“ von Abbé Jean Terrasson behandelt die ägyptischen Mythen, die auch in der „Zauberflöte“ eine zentrale Rolle spielen; und Johann Wolfgang von Goethe hat gar „Der Zauberflöte zweiter Teil“ begonnen.
Alle Motive der Zauberflöte sind auch in diesen Materialien enthalten, aber nirgendwo werden sie so meisterhaft miteinander verflochten wie im Libretto Emanuel Schikaneders und nirgendwo so genial musikalisch umgesetzt wie in der Komposition Mozarts.
Abgeschlossen wird der Band mit dem äußerst lesenswerten Essay von Jan Assmann über „Schikaneder, Mozart und die Zauberflöte“, in dem kompetent auf die Hintergründe dieser Oper eingegangen wird.
Die Zusammenstellung des Buches ist geschickt gewählt, und der Beitrag von Jan Assmann ist auch für diejenigen noch interessant, die sich mit den vielen Bedeutungen und Motiven in der Zauberflöte schon auskennen.
Zusammen mit der sehr edlen Ausstattung dieses wunderbaren Buches, mit der sich Manesse selbst übertroffen hat, sorgt der Inhalt für ein tieferes Verständnis dieser vielschichtigen Oper und ist daher genau das Richtige für jeden Opernfan.

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Die Stalingrad-Protokolle
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Die Stalingrad-Protokolle

Jochen Hellbeck , Christiane Körner , Annelore Nitschke , Christiane Körner
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Fischer, S, 01.09.2012
ISBN 9783100302137
Genre: Sach- & Fachbuch

Rezension:

Über die Erlebnisse deutscher Soldaten im Kessel von Stalingrad gibt es relativ viel Literatur. Nun liegt erstmals ein Werk vor, das die sowjetische Seite darstellt. Nach langer Zeit wurden diese Protokolle endlich freigegeben.

Interviewt wurden sowohl Offiziere, als auch einfache Soldaten. Auch Frauen waren in der Roten Armee, und auch sie kommen zu Wort.

Das Buch beginnt mit einer ausführlichen Einführung, in der unter anderem die Geschichte der Stadt Stalingrad, die Rote Armee, die Vorbereitungen des Kampfes um Stalingrad und die Kampfstrategien beschrieben werden.

Im Abschnitt „Der soldatische Chor“ wurden die Interviews, nach Themen sortiert, wie Diskussionen zusammengeschnitten. So ist es möglich, die gleiche Situation aus verschiedenen Blickwinkeln gleichzeitig zu betrachten.

Im nächsten Teil des Buches erzählen ein Armeegeneral, ein Gardedivisionsgeneral, eine Krankenschwester, ein Leutnant, eine Regimentskommandeur, ein Geschichtsdozent, ein Scharfschütze, ein einfacher Rotarmist und ein Feindpropagandist aus ihrer Sicht.

Ein Abschnitt mit Aussagen von deutschen Kriegsgefangenen, ein Einblick in die Nachkriegszeit, sowie ein ausführlicher Anhang runden den Band ab.

Dieses Buch konnte ich nur mit Unterbrechungen lesen. Mir gingen die Erzählungen einfach zu nahe, so plastisch wird beschrieben, wie es sich für die Soldaten anfühlte, dort zu sein.

Stalingrad war für beide Seiten zu einem Symbol geworden, und entsprechend erbittert wurde gekämpft.

„Achtzig Stunden ohne Unterbrechung arbeiteten die Luftwaffe, die Granatwerfer und die Artillerie. Drei Tage und drei Nächte verwandelten sich in ein Chaos aus Qualm, Feuer und Geschützdonner. (…) Dieser in seiner Erbitterung nie gekannte Kampf dauerte ohne Unterbrechung mehrere Tage rund um die Uhr.“

Krieg ist die Hölle, und zwar für beide Seiten. Und die Soldaten beider Seiten tragen psychische Schäden davon. Immer. In jedem Krieg. Aber ganz besonders beim Kampf um Stalingrad.

„Von sechs, sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends wurde bombardiert, nur bombardiert. (…) Geschosse explodierten, Granatwerfer feuerten. Der Nebelwerfer 41 heulte unentwegt, alles brodelte von morgens bis abends. Nachts flogen Nachtbomber und warfen ihre Fracht ab, immerzu, immerzu. (…) Drei, vier Tage hat man nicht geschlafen und auch kein Bedürfnis danach gehabt. (…) Die ganze Zeit war man aufgewühlt, die ganze Situation hatte eine fürchterliche Wirkung.“

Das sowjetische Menschenbild betonte – wie übrigens auch das nationalsozialistische – das Heldentum. Im Kampf um Stalingrad war das „Heldentum zum Alltag geworden“, zwangsläufig. Aber es entpuppte sich als Hölle auf Erden, als zu teuer erkauft.

Der alltägliche Wahnsinn des Krieges wird in diesem hervorragenden und umfangreichen Buch lebendig.


 

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Computer-Nanny
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Computer-Nanny

Corinna Kammerer , Michaela Seul
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Droemer Knaur, 01.01.2013
ISBN 9783426785638
Genre: Biografie

Rezension:

Wie tickt eigentlich so ein Computer-Nerd? Noch dazu ein weiblicher? Das erfahren wir in diesem anregenden und interessanten Buch.
Die Autorin hat sich schon im Kleinkindalter für das Innenleben elektronischer Geräte interessiert. Nach einem Physik-Studium (bei dem ihr erst nach geraumer Zeit aufgefallen ist, dass die Damentoilette immer leer ist, weil nur wenige Frauen dieses Fach studieren) und einem Zwischenspiel in der Baubranche hat sie ihre Bestimmung gefunden: Die Kluft zwischen Computern und ihren Nutzern zu überbrücken. Sie gibt Computerkurse und hilft bei Computerproblemen.
Das ist nicht immer einfach, wie die von ihr im Buch geschilderten witzigen Situationen zeigen. „Nichts geht mehr!“, ist der häufigste Satz, den die Autorin zu hören bekommt, wenn sie versucht, die einzige Kopie einer Doktorarbeit zu retten, Totalausfälle zu beheben oder wenn sie einfach nur die Helligkeit eines Bildschirms wieder anstellen muss.
Daneben erzählt die Autorin von den Anfängen des Computerzeitalters und des Internets. Dabei merkt man, wie gut sie erklären kann, zum Beispiel, wenn es um http und html geht, Begriffe, denen wir alle täglich begegnen.
Ich hätte gern noch mehr vom Computernotfall-Alltag gelesen, fand dieses Buch aber trotzdem sehr unterhaltsam und spannend.

© Petra Samani, Februar 2013

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Mein russisches Abenteuer
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russland, reisebericht, taiga, moskau, ukraine

Mein russisches Abenteuer

Jens Mühling
Fester Einband: 351 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag, 12.03.2012
ISBN 9783832195892
Genre: Zeitgenössische Literatur

Rezension:

„Ein Land, in dem die wahren Geschichten unglaublicher sind als die ausgedachten.“
Das ist das Russland, das Jens Mühling besucht. Auf seinen Reisen kreuz und quer durch die vielseitigen Landschaften dieses riesigen Landes schafft er es immer wieder, auf die seltsamsten Menschen zu treffen und von einer skurrilen Situation in die nächste zu schlittern.
Dabei sucht er doch nur Agafja, eine der letzten Altgläubigen, die weit entfernt von der Zivilisation in den Weiten der Taiga lebt. Aber dorthin zu kommen, ist schwierig und gefährlich.
Mücken, Maikäfer, bissige Hunde, betrunkene Bootsführer, die Transsibirische Eisenbahn und Unmengen von Wodka machten die Reise zu einem Abenteuer.
Aber auch ungefährliche, dafür aber höchst ungewöhnliche Begegnungen gab es, zum Beispiel mit betagten Bewacherinnen eines Lenin-Denkmals, einem Wissenschaftler, der den Ablauf der Geschichte leugnet, einem Abkömmling der Zarenfamilie und einem Don-Kosaken.
Jens Mühling schafft es, die Vermittlung historischer Hintergründe, eine Reisebeschreibung und persönliche Erlebnisse und Gedanken zu einem ausgewogenen Ganzen zu verbinden. Dabei merkt man ihm an, dass er die Menschen wirklich ernst nimmt, auch wenn sie noch so seltsam handeln.
Ich wäre gern dabei gewesen auf dieser abwechslungsreichen Suche nach der russischen Seele, die von Jens Mühling so glänzend und sympathisch erzählt wird!
© Petra Samani, Februar 2013

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Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte
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eltern, märchen, sprache, sprichwörter, erzählen

Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte

Rafik Schami
Flexibler Einband: 176 Seiten
Erschienen bei dtv, 01.12.2012
ISBN 9783423141581
Genre: Gegenwartsliteratur

Rezension:

„Und interessant ist, dass von den 6500 Sprachen, die heute noch existieren, nur ein paar Hundert eine Schrift besitzen.“
Das mündliche Erzählen ist uralt, wesentlich älter als die ersten Schriftsprachen. Und es hat bis heute eine weitverbreitete Tradition, sowohl in afrikanischen, als auch besonders in arabischen Gesellschaften.
Rafik Schami ist ein begnadeter Erzähler, nicht nur in seinen Büchern, sondern besonders mündlich. In diesem Buch schreibt er über das Erzählen, darüber, wie er zum Erzähler geworden ist, und warum wie das Zuhören so lieben.
Das Buch ersetzt nicht die Erfahrung, ihm live zuzuhören, aber seine unnachahmliche Art der Erzählweisen macht auch das Lesen zum Genuss. In seine autobiographischen Erinnerungen streut Schami Märchen und Geschichten ein, und auch die Sachtexte, besonders sein Universitätsvortrag, spiegeln seinen unverwechselbaren Stil wider.
Gleichzeitig erweitern diese Geschichten den Horizont. Dem Hinweis, dass Edgar Allan Poe ein alternatives Ende für 1001 Nacht geschrieben hat, bin ich sofort nachgegangen, um diese Geschichte zu lesen.
Auch über die Entstehung der Schriftsprache, den Unterschieden zwischen mündlichem und schriftlichen Erzählen und die unterschiedlichen Erzählweisen lernt man auf unterhaltsame Art etwas in diesem Buch.
Ob Rafik Schami nun von seinem Großvater erzählt, der nicht einschlafen konnte, ohne das Ende einer Geschichte zu erfahren, von Murmelspielen in seiner Kindheit oder vom nächtlichen Radiohören mit seiner Mutter, immer lässt es uns beim Lesen eintauchen in eine andere Welt und dem Autor so nahe kommen wie in keinem seiner anderen Bücher.

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Koks und Cola, das Ruhrgebiet der 50er Jahre
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Koks und Cola, das Ruhrgebiet der 50er Jahre

Wilfried Kaute
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Emons, 01.08.2012
ISBN 9783954510009
Genre: Sonstiges

Rezension:

Dieser schöne Bildband macht das Ruhrgebiet der 50er Jahre lebendig. Das Familienleben mit dem in Wirtschaftswunderzeiten beginnendem leichten Wohlstand wird ebenso abgebildet wie die harte Arbeitsrealität unter Tage. Auch politische Aktionen, Sport und Freizeit sind bildlich vertreten.
Sehr deutlich wird die damalige Arbeitsteilung. Die Männer werden in ihrer Erwerbstätigkeit gezeigt, die Frauen bei der Hausarbeit, und auch die Kinder verrichten ihre Aufgaben, wie zum Beispiel das Milchholen mit Milchkannen.
Da es sich um Fotos des Fotoarchivs Ruhr Museum handelt, ist die Region um Essen und Duisburg herum überproportional vertreten. Ich fände daher eine Fortsetzung mit Bildern aus Westfalen schön.
Am besten sieht man sich diese Fotos mit jemandem an, der diese Zeit noch miterlebt hat. Viele Abbildungen erschließen sich so besser.
Irgendwann sollte ich mir endlich ein Stehpult anschaffen, auf das man Bildbände legen kann, um zwischendurch ein bisschen darin herumzublättern. Denn es ist viel zu schade, ein Buch wie dieses ins Regal zu stellen.

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Der Harz
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Der Harz

Christian Amling
Flexibler Einband: 128 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 01.08.2012
ISBN 9783455502350
Genre: Sonstiges

Rezension:

Der Harz, das war für mich immer eine ganz besondere Region. Ich bin in Göttingen aufgewachsen, also nicht allzu weit entfernt.
Die Sagen und Hexengeschichten, die im Harz spielen, waren Bestandteil der Gute-Nacht-Geschichten, die mir vorgelesen wurden. Der Harz, das war in der Kindheit Ziel kleinerer Wanderausflüge und Ziel von Klassenfahrten. Als Jugendliche ging es in die Eislaufhalle und noch später in die Disco, in der ein Freund von uns DJ war.
Ich dachte also, dass ich den Harz gut kenne. Aber weit gefehlt, denn in diesem lesenswerten Buch gab es für mich noch eine ganze Menge Neues zu entdecken.
Zum Beispiel die Frauenherrschaft ab dem Jahr 983: Ganz ohne Quote übernahmen drei Frauen die Macht in Mitteleuropa und teilten sich den Kaiserthron.
Auch über die Geologie des Harzes, den Bergbau und die Arbeitssituation der Kinder und Männer, die dort schuften mussten, bekam ich für mich neue Informationen.
Natürlich werden auch die Sagen, vor allem über die Hexen und den Brocken angesprochen.
Am besten hat mir die Beschreibung des Karstwanderweges im Südharz gefallen. Dieses Kapitel macht richtig Lust, die Wanderstiefel hervorzuholen.
Dieses unterhaltsam geschriebene und vielseitige Reisebüchlein passt auch noch gut in den Wanderrucksack.

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Mira kocht
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karibik, partyrezepte, rezepte, mira valensky, zeichnungen

Mira kocht

Eva Rossmann , Edith Walzl , Paul Thuile
Fester Einband: 189 Seiten
Erschienen bei Folio, 01.03.2007
ISBN 9783852563589
Genre: Ratgeber

Rezension:

Mir fällt in den Mira-Krimis immer wieder auf, wie beiläufig Mira kocht und dabei sehr lecker klingende Gerichte auf den Tisch bringt. Auch noch mitten in der Nacht und ohne viel Aufwand zu treiben. Sie nimmt einfach das, was sie gerade da hat, und schmeißt etwas zusammen.
„Quer durch den Kühlschrank“ heißt das bei mir, eine Art des Kochens, die noch aus meiner Studienzeit stammt.
Was Mira kocht, wirkt aber um einiges professioneller, und das mit einem verhältnismäßig kleinen Grundstock an Zutaten, die sie offensichtlich immer vorrätig hat.
Auch wenn ich nicht alle Rezepte nachkochen werde, habe ich in dieser gelungenen Mischung aus anspruchsvollen Rezepten, die trotzdem überraschend einfach zuzubereiten sind, und schön schnellen Alltagsrezepten Vieles gefunden, was jetzt auch bei uns auf den Tisch kommt. Ohne viel Aufwand und Nerverei einfach nebenbei gekocht.
Sehr gut gefallen hat mir an diesem Kochbuch auch, dass die Autorin, die sogar eine Kochausbildung absolviert hat, viel Persönliches erzählt.
Da die Rezepte aus den ersten acht Krimis stammen und es inzwischen es 14 Mira-Krimis gibt, hoffe ich, dass bald noch ein weiteres Kochbuch erscheint.

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England, glorious England
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england

England, glorious England

Holger Ehling
Flexibler Einband: 223 Seiten
Erschienen bei Links, Ch, 16.09.2009
ISBN 9783861535478
Genre: Sonstiges

Rezension:

„German with a sense of humour“, vermerkte die BBC über Holger Ehling, ein seltenes Kompliment, gelten wir Deutsche in England doch gemeinhin als völlig humorlos. Zur Belohnung durfte Ehling sich als Korrespondent der besonders skurrilen Fälle annehmen. Zum Glück. Denn die Erfahrungen, die er in dieser Zeit gemacht hat, finden im Buch ihren Niederschlag.

Die Engländer haben eben so ihre seltsamen Vorlieben und Freuden. Zum Beispiel, wenn sie Ostern auf so spezielle Art feiern, dass sie meistens im Krankenhaus landen. Sumpfschnorcheln ist dagegen fast schon harmlos.

Holger Ehling räumt rigoros mit einigen Vorurteilen auf, die gegenüber den Engländern gehegt werden, zum Beispiel beim Thema Essen. Dass englisches Essen wesentlich besser ist als sein Ruf, weist der Autor anhand einer Reihe im Buch abgedruckter leckerer Rezepte nach (ich empfehle als leichten Einstieg meine geliebten Scones). Und wie sieht es mit der berühmten Höflichkeit und der stets korrekten Kleidung der Engländer aus? Nun, auch dazu erfahren die Leser Unerwartetes.

In einem furiosen und unterhaltsamen Ritt führt der Autor durch die Geschichte Englands, immer wieder angereichert durch nette Anekdoten und skurrile Einzelheiten, wie dem Trick, durch den die Herrschaft über Wales erreicht wurde.

Vieles, was heute für uns selbstverständlich ist, wurde in England erfunden, zum Beispiel die Sitte, in einem weißen Kleid mit Schleier zu heiraten (von Queen Victoria eingeführt), der Welttag des Buches (Geburts- und Todestag Shakespeares) und das Urheberrecht (eingeführt von Königin Anne im 18. Jahrhundert). Das Buch ist voller solcher überraschenden Fakten, die auch anglophilen Lesern noch etwas Neues bieten, wenn es um englische Helden und englische Wunder geht.

Ich habe diese Lektüre sehr genossen und mir hat besonders gut gefallen, dass es ein so persönliches Buch geworden ist, in dem wir viel über die Vorlieben des Autors erfahren. Dabei habe ich gemerkt, dass Holger Ehling und ich Einiges gemeinsam haben. Beispielsweise, dass wir jeweils durch eine Schüleraustauschfahrt anglophil geworden sind; diese Fahrten scheinen also wirklich ihren Zweck zu erfüllen. Und auch die Vorliebe für traditionelle Pubs und Monty Python teile ich.

Einen einzigen Kritikpunkt habe ich aber doch: Im ganzen Buch findet sich kein einziges Wort über Jane Austen! Die meiner Meinung nach beste Autorin Englands wird nicht einmal erwähnt! Lieber Holger Ehling, für die nächste Auflage bitte ich hier um Nachbesserung!

Was den Schreibstil in diesem absolut empfehlenswerten Buch angeht, kann ich mich der BBC nur anschließen: Holger Ehling ist ein „German with a sense of humour“. Und genau das macht dieses Buch so lesenswert.


 

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Erotic Food & Pictures
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Erotic Food & Pictures

Stephen Cirillo , Felix Busse , Stephen Cirillo
Fester Einband: 136 Seiten
Erschienen bei Vielflieger Verlag e.K., 01.12.2012
ISBN 9783943223996
Genre: Ratgeber

Rezension:

Dass Essen aphrodisierend wirken kann, ist lange bekannt. Überall auf der Welt gibt es Rezepte, die auf eine bestimmte Art anregend wirken sollen. In diesem Buch dürfte sich der gewünschte Effekt durch die erotischen Fotos noch verstärken.
Fotos nackter Frauen in einem Kochbuch, das wirft Fragen auf. Ist ein Mann, der diese Bilder betrachtet, noch in der Lage, zu kochen? Brennt das Essen nicht an, weil sich der Blick in den Fotos versenkt? Oder sollen die Bilder nicht das Kochen, sondern das erst das Essen begleiten? Und warum sollen die Gerichte auf vier Tellern verteilt werden, nicht auf zwei?
Wie auch immer, die Fotos sind nicht pornographisch, sondern wirklich erotisch und ästhetisch. Und netterweise werden nicht nur verführerische Frauen gezeigt, sondern es sind auch einige knackige Männer abgebildet. (Mein persönlicher Favorit findet sich auf Seite 60.)
Die Rezepte bieten eine kulinarische Weltreise über alle Kontinente. Viele der Rezepte sind hierzulande völlig unbekannt, und es dürfte abseits der Großstädte schwierig werden, Zutaten wie Longans für die Krokodilsuppe der Aborigines oder Kombu-Seetang zu besorgen. Aber schon das pure Durchlesen der Rezepte ist ein Genuss.
Daneben finden sich auch genügend Rezepte, deren Zutaten leicht zu beschaffen sind, die aber trotzdem durch ihre Zusammenstellung oder Zubereitung ungewöhnlich und interessant sind, wie zum Beispiel die Tagliatelle mit Zitrone, bei denen der Pancetta vorher eingelegt wird.
Und, wirken die Rezepte denn nun? Das möge jeder selbst herausfinden. Die Genießerin schweigt.

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Einfach Freunde
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paris, philippe pozzo di borgo, abdel sellou, freundschaft, biografie

Einfach Freunde

Abdel Sellou , Caroline Andrieu , Patricia Klobusiczky , Lis Künzli
Flexibler Einband: 254 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 13.03.2012
ISBN 9783548285184
Genre: Biografie

Rezension:

Respektlos. Ungebildet. Kriminell. Er saß sogar schon im Gefängnis. Der algerische Jugendliche Abdel Sellou ist der ungeeignetste Kandidat für den Posten eines Vollzeitpflegers des wohlhabenden Tetraplegikers Philippe Pozzo di Borgo, den man sich vorstellen kann.
Aber er wird trotzdem eingestellt, und das verändert sein Leben von Grund auf. Während er für den vom Hals abwärts gelähmten Philippe zum „Schutzteufel“ wird (http://buchblinzler.blogspot.de/2012/12/philippe-pozzo-di-borgo-ziemlich-beste.html) , entpuppt sich Philippe als sein Schutzengel.
Abdel wurde als Kleinkind von seinen leiblichen Eltern abgeschoben und wuchs bei seiner Tante und seinem Onkel in Paris auf. Das ist eine übliche Praxis in afrikanischen Ländern und wird daher nicht als das gesehen, was es ist: Ein starkes Trauma für die betroffenen Kinder.
Die fehlende Konsequenz in der Erziehung, die Pariser Vorstadtumgebung und die unzureichenden Bemühungen der Schule machten es Abdel leicht, sein Leben so zu führen, wie er es möchte. Ohne Schule, ohne Arbeit, als Kleinkrimineller, der nicht an die Zukunft denkt und sich einfach von Anderen nimmt, was er haben will.
Aber ab und an braucht er Unterschriften, die bestätigen, dass er sich beworben hat, sonst wird ihm die finanzielle Unterstützung gestrichen. Und so marschiert er bei Philippe durch die Tür, zum „Tapar…zum Tera…zum Tartapegiker“. Schnell wird er lernen, was ein Tetraplegiker ist und was er bei dessen Pflege beachten muss.
Zum Glück hält er sich nicht daran. Das Buch ist schreiend komisch, wenn Abdel beschreibt, wie er an die Sache herangeht: pragmatisch. Die Transfermaschine ist kaputt? Eh unpraktisch, das Teil, einfaches Tragen reicht auch.
Dass Philippe überhaupt nichts spürt, glaubt Abdel erst, nachdem er ihm kochend heißen Tee auf sein Bein geschüttet hat. In Sachen Bildung hat er noch einiges nachzuholen, aber auch das bekommt er mit Philippes Hilfe hin. Die wichtigste Bildung allerdings besitzt Abdel: Die Herzensbildung, die es ihm ermöglicht hat, Philippe aus seiner Depression herauszuhelfen.
Es hat mir wirklich Spaß gemacht, dieses Buch zu lesen. Es ist in einem lockeren Tonfall geschrieben, witzig, aber auch von einer tiefen Zuneigung zu Philippe durchdrungen.
Inzwischen ist Abdel zur Ruhe gekommen, ist verheiratet und hat drei Kinder. Mit Philippe ist er immer noch befreundet. Abdel, der eigentlich für die Gesellschaft verloren war, hat sich durch den Kontakt zu einem Behinderten positiv verändert.
Solche Kontakte sind immer noch zu selten.

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Ziemlich beste Freunde
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freundschaft, frankreich, querschnittslähmung, unfall, leben

Ziemlich beste Freunde

Philippe Pozzo di Borgo , Marlies Ruß , Dorit Gesa Engelhardt , Bettina Bach
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 16.03.2012
ISBN 9783446240445
Genre: Biografie

Rezension:

„Jenseits der Worte, jenseits der Stille entdeckt man die eigene Menschlichkeit.“
In diese Stille wurde Philippe Pozzo di Borgo hineingeworfen. Mitten aus seinem hektischen Leben als Geschäftsführer der Firma Champagnes Pommery heraus wurde er in die Bewegungslosigkeit katapultiert. Im Alter von 42 Jahren stürzte er mit dem Gleitschirm ab und brach sich den 3. und 4. Halswirbel. Seitdem ist er vom Hals abwärts gelähmt und hat mit starken Nervenschmerzen zu kämpfen.
Eine Horrorvorstellung. Aber Philippe hat eine unglaubliche innere Stärke, um diese Situation anzunehmen und ins Positive zu drehen. Dabei haben ihm zwei Dinge geholfen: In erster Linie seine Frau Béatrice, selbst schwer krebskrank, und zweitens die Tatsache, dass es ihm finanziell gut geht, er also nicht in einer Institution leben muss. Nach dem qualvollen Tod seiner Frau allerdings wird Philippe depressiv. Erst jetzt fühlt er sich behindert.
Die Suche nach einem Pfleger gestaltet sich schwierig. Bis schließlich der kriminelle Jugendliche Abdel Sellou auftaucht, der eigentlich gar keine Arbeit sucht, sondern nur die Unterschrift abholen will, die er braucht, um weiterhin Geld vom Arbeitsamt zu erhalten. Philippe stellt ihn kurzerhand ein.
Und das erweist sich als Glücksfall, denn Abdel wird zu seinem „Schutzteufel“, der ihn aus der Depression heraushilft, mit seiner ganz eigenen, nun sagen wir, unkonventionellen, Art. Dazu gehören die Benutzung eines Sportwagens statt des üblichen „Viehtransporters“, Joints gegen die Schmerzen und, vor allem, Mitleidslosigkeit. Abdel hat keinerlei Respekt vor der Behinderung, und das ist genau das, was Philippe braucht. Aus dem ungleichen Paar werden Freunde.
Ich habe das Buch gelesen, bevor ich den Film angesehen habe. Das habe ich inzwischen nachgeholt, und der Film ist natürlich lustiger. Aber auch das Buch ist durchzogen von Philippes Humor und von seinem Charme. Man merkt dem poetischen Schreibstil die hohe Bildung an, die Philippe genossen hat. Allerdings klingt das im Deutschen manchmal etwas bemüht, ich denke, dass es an der Übersetzung liegt und werde das Buch noch einmal im Original lesen.
Dies ist keines der üblichen Betroffenheitsbücher, sondern, neben der Schilderung der eigenen Situation und des Umgangs damit, eine philosophische und politische Betrachtung über die Situation Behinderter. Denn es gibt nicht nur sichtbare körperliche Behinderungen, es gibt auch eine soziale Behinderung. Auch eine schlechte soziale Lage macht einsam.
Und die Einsamkeit ist das eigentlich Schlimme an einer Behinderung, hervorgerufen durch die Berührungsangst der Umgebung. Man wird als Behinderter zu einem „Unberührbaren“. In einer immer schneller und herzloser werdenden Welt darf man keine Schwäche zeigen. Aber gerade die Verletzlichkeit ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Menschseins. Wenn wir uns trauen, damit in Kontakt zu kommen, profitiert auch die Gesellschaft.
Dieses Buch hat mich tief berührt, mich zum Weinen, aber auch zum Lachen gebracht. Und es hat mich daran erinnert, was wirklich wichtig ist im Leben.
„Das Leben ist schön“, stellt Philippe am Schluss des Buches fest. Recht hat er!

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Ziemlich verletzlich, ziemlich stark
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Ziemlich verletzlich, ziemlich stark

Philippe Pozzo di Borgo , Jean Vanier , Laurent DeCherisey , Elisabeth von Thadden
Fester Einband: 111 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin, 26.11.2012
ISBN 9783446241558
Genre: Sach-/Fachbuch

Rezension:

So wie jetzt kann es nicht weiter gehen. „Ständig stehen wir unter Druck, sollen enorm hohe Ansprüche erfüllen und diesen überhöhten Maßstäben bezüglich unserer Leistung, Schönheit, Jugend, Unverwundbarkeit, ja sogar Unsterblichkeit dauerhaft gerecht werden. Das führt zu permanenten Angstzuständen, denn selbst ohne Behinderung wissen wir im tiefsten Herzen, dass Verletzlichkeit unverbrüchlich zu unserem menschlichen Dasein gehört.“
Angst, das ist das vorherrschende Gefühl im Umgang mit Behinderten, sie werden in der Gesellschaft zu „Unberührbaren“. An die eigene Verletzlichkeit, an die eigene Sterblichkeit will niemand erinnert werden. Unfälle und schwere Erkrankungen passieren immer nur den Anderen.
Wirklich? Philippe Pozzo di Borgo musste buchstäblich am eigenen Leib erfahren, wie zerbrechlich der menschliche Körper ist, wie sehr sich das Leben von einem Moment zum nächsten grundlegend ändern kann. Bei einem Gleitschirmunfall hat er sich den 3. und 4. Halswirbel gebrochen und ist seitdem vom Hals abwärts gelähmt. Seine Geschichte und wie er durch seinen vorbestraften Pfleger aus der Depression geholt wurde, kann man in den Büchern Ziemlich beste Freunde und Einfach Freunde nachlesen oder sich im Film ansehen.
Im vorliegenden neuen Buch geht Philippe der Frage nach, wie eine solidarische Gesellschaft aussehen könnte. Dieses Buch ist kein Erfahrungsbericht, sondern ein philosophisches Manifest.
Wir sollten uns dringend wieder die Frage nach dem Sinn des Lebens stellen, fordert Philippe. Der Wert des Menschen müsse wieder an dem gemessen werden, was er als Mensch ist, nicht an der Rolle, die er in der Gemeinschaft spielt.
Behinderte sieht Philippe auf dem Weg in eine solidarische Gesellschaft in der Rolle der „Wächter“, die an die menschliche Verletzlichkeit erinnern. Denn sie haben die Erfahrung gemacht, „dass das Annehmen der eigenen Schwäche zu jener Erfüllung verhelfen kann, nach der so viele von uns suchen.“
Es macht frei, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen; frei von der Angst vor unserer Sterblichkeit können wir unser Leben erst richtig intensiv leben und die Gegenwart genießen, im Hier und Jetzt leben. Es sind die kleinen Dinge, die glücklich machen. „Trotz all des Leids freue ich mich sehr, dass ich lebe. Wenn Sie wüssten, wie gut mir meine Tasse Kaffee am Morgen schmeckt!“, sagt Philippe.
Von den meisten Menschen werden diese glücklichen Momente aber gar nicht mehr wahrgenommen, weil sie mit ihren Gedanken ständig bei der Zukunft sind. Und diese Gedanken sind von der Angst vor Misserfolg geprägt. „Warten Sie nicht, bis Sie unberührbar geworden sind, um das Glück wieder in Ihrem Leben zuzulassen“, rät Philippe. Er appelliert an die Zuversicht.
Philippe stellt das Projekt Arche und den Verein Simon de Cyrène vor, in denen Behinderte und Nichtbehinderte sich begegnen. Jugendliche, die in solchen Einrichtungen ihr Freiwilliges Soziales Jahr durchführen, lernen dort etwas für ihr weiteres Leben. Das gemeinsame Leben und vor allem Lachen mit den Behinderten baut Berührungsängste ab und verhindert den Blick, der ausschließt, weil er nur die Beeinträchtigung sieht. Die Jugendlichen lernen, auf das Andere zuzugehen und legen in diesen Einrichtungen das „Diplom des Herzens“ ab. Dabei spielt auch die Kraft der Berührung eine große Rolle.
Wir brauchen dringend wieder das Engagement für die Gesellschaft, Menschen, die sich einmischen, die sich für Andere einsetzen. Das würde uns allen gut tun.
In Deutschland könnte man eigentlich zuversichtlich in die Zukunft blicken, denn die deutsche Regierung ist der UN-Menschenrechtskonvention beigetreten und führt die Inklusion in den Schulen ein. Das könnte optimistisch stimmen. Eigentlich. Leider wird einmal mehr von oben nach unten entschieden und man verzichtet auf eine ausreichende Ausstattung mit Mitteln. Die bestehenden Berührungsängste werden so nicht abgebaut, sondern eher verstärkt.
Umso wichtiger ist es, selbst die Initiative zu ergreifen. Ein Anfang wäre es, dieses schmale Buch zur Schullektüre zu machen und daraus Projekte der Begegnung entstehen zu lassen.
Dieses wichtige – und dabei gut lesbare – Manifest sollte überhaupt von möglichst vielen Menschen gelesen werden. Denn so wie jetzt kann es wirklich nicht mehr weitergehen.

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Hitlers Bildungsreformer
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Hitlers Bildungsreformer

Anne Chr. Nagel , Anne C. Nagel
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Fischer Taschenbuch, 01.06.2012
ISBN 9783596194254
Genre: Sach- & Fachbuch

Rezension:

Im Bereich Schule jagt eine Reform die nächste, das bekomme ich als Elternvertreterin hier in Berlin besonders zu spüren. Und immer wird die jeweilige Reform von der Politik als etwas ganz Neues gepriesen. Auch wir Eltern kommen immer wieder auf neue Ideen, wie man das Bildungssystem verbessern könnte.
Neu? Mitnichten. Alle Reformideen und Diskussionen der letzten Zeit hat es schon einmal gegeben, wie dieses Buch besonders im Abschnitt „Schule im Dritten Reich“ frustrierend deutlich zeigt.
Statt Frontalunterricht „Raum zur selbständigen Betätigung der Schüler in Form von Einzel- und Gruppenarbeit“ – das findet sich bereits in den Richtlinien für Volksschulen 1939.
Appelle an die Schulträger für mehr Mittel zur besseren Ausstattung der Schulen – die gab es schon anlässlich des unzureichenden Ausbaus der Volksschulen zwischen 1931 und 1939.
Reduzierung des Schulwesens auf zwei Schulformen, Verkürzung der Schulzeit als zur finanziellen Entlastung des Staates, Entrümpelung der als zu überladen gesehenen Lehrpläne an den höheren Schulen – das alles wurde bereits 1938 rund um den Erlaß zur Mittelschule diskutiert.
Schulinspektionen – starteten im September 1938 in Schleswig Holstein.
Untersuchungen, die belegen, dass Schüler, die musizieren, in den anderen Fächern besser abschneiden – führten 1939 zur Gründung des ersten Musikgymnasiums.
Mangelnde Reife der Abiturienten, Niveauverlust durch „Reizüberflutung“ der Schülerinnen und Schüler, zu wenig Zeit zur Vertiefung des Lehrstoffs und zu wenig Freizeit zur Erholung – das wurde bereits in einer akademischen Denkschrift von 1939 bemängelt.
Die kontinuierlich sinkenden Schul- und Studienleistungen – waren „ein heiß diskutiertes Thema in den späten Jahren des Dritten Reichs“.
Diese Liste ließe sich noch beliebig fortsetzen. Wie man sieht, müssen wir uns heute mit Problemen auseinandersetzen, die schon lange ungelöst sind. Gebessert hat sich in den letzten Jahrzehnten leider nicht viel.
Im Gegenteil, es gibt sogar Verschlechterungen gegenüber damals, zum Beispiel im Bereich der Durchlässigkeit des Schulsystems, die trotz aller Reformen heute weniger stark ist als im Dritten Reich, als man es sich explizit zur Aufgabe gemacht hatte, eine höhere Schulbildung ohne Ansehen der Herkunft zu ermöglichen und das auch erreicht hat. Damals gab es eine höhere Chance für Arbeiterkinder, eine hohe Bildung zu erreichen, als heute. Denn heutzutage sind auch die erfolgreichen Bestrebungen der 70er Jahre, mehr Arbeiterkindern ein Studium zu ermöglichen, durch Reformen wie der Einführung der Studiengebühren und der Verkürzung der Regelstudienzeiten wieder zunichte gemacht worden.
Daneben zeigt das akribisch recherchierte und gut geschriebene Buch auf, wer im Dritten Reich die Bildungspolitik bestimmte, welche Rivalitäten zwischen den einzelnen Ministerien und Ämtern herrschten, welche Auswirkungen die Machtworte Hitlers hatten und wie die nationalsozialistische Ideologie noch in die letzte Schulstunde einsickerte.
Auch die Situation an den Hochschulen, die Veränderung der Studiengänge und die Forschungsförderung werden detailreich dargestellt.
Vor allem aber ist das Fazit der Autorin beachtenswert. „Die Umgestaltung der Bildungslandschaft erwies sich als mühevoller Prozeß, selbst unter den Sonderbedingungen des Dritten Reichs. Der Blick auf die historische Tiefendimension erweist zudem die Stärke des kontinuierlichen Moments. Dies sollte vor der Überschätzung von Wandlungschancen im Bildungswesen warnen, welche die erregten Debatten bis heute charakterisieren.“
So ernüchternd das für die tägliche Arbeit einer Elternvertreterin auch ist, Anne C. Nagel hat diese Aussage mit ihrem äußerst lesenswerten Buch auf hohem wissenschaftlichen Niveau verifiziert.

©Petra Samani, Januar 2013

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