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Das Kind, das nicht fragte
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sprachlosigkeit, italien, fähigkeit gut zuzuhören, kindheit als nachkömmling in der familie, kindheit

Das Kind, das nicht fragte

Hanns-Josef Ortheil
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Luchterhand Literaturverlag, 19.11.2012
ISBN 9783630873022
Genre: Zeitgenössische Literatur

Rezension:

Benjamin Merz trägt seinen Namen zu Recht, ist er doch als Nachzügler geboren worden. Der jüngste seiner vier Brüder ist acht Jahre älter als er. Das hätte aus Benjamin ein verwöhntes Nesthäkchen machen können, aber leider ist es genau umgekehrt gelaufen, seine Brüder haben sich gegen ihn verbündet und ihn gequält. Auch den Eltern ist nicht aufgefallen, dass selbst sie den kleinen Benjamin benachteiligen und schlechter behandeln als seine Brüder. Zum Beispiel wurde nie gekocht, was er mag, es zählten nur die Wünsche der älteren Brüder.
Die Folge ist, dass der sensible Benjamin am Familientisch stumm bleibt und versucht, möglichst nicht aufzufallen. Etwas für sich einzufordern oder auch nur eine Frage zu stellen, ist ihm unmöglich. Auch in der Schule hat er Probleme, Kontakte aufzubauen.
Auf den ersten Blick ist es seltsam, dass ausgerechnet ein so schüchternes Kind sich der Ethnologie zuwendet und das Fach sogar als Professor lehrt, aber seine Fähigkeit, sich in Andere einzufühlen, macht ihn in seiner Fachrichtung erfolgreich.
Jedoch verbessert sich das Verhältnis zu seinen Brüdern dadurch nicht, denn sie sind als Anwalt, Arzt oder Apotheker noch erfolgreicher als er, besonders materiell. Nach dem Tod der Eltern bevormunden sie ihn noch mehr als bisher.
Das ändert sich, als Benjamin ein Forschungsprojekt auf Sizilien beginnt. Er mietet sich in dem für seine Dolci berühmten Ort Mandlica ein und führt im Rahmen der „Teilnehmenden Beobachtung“ Gespräche mit den Dorfbewohnern.
Nach und nach wird er Teil der Dorfgemeinschaft, und so, wie sich besonders die Frauen in den Gesprächen mit ihm öffnen, beginnt auch er, sich den Menschen, besonders den Frauen, gegenüber zu öffnen. Und dann tritt Paula in sein Leben.
Dieses Buch liest sich einfach wunderbar. Ortheil schreibt atmosphärisch dicht, er lässt Italien so plastisch vor dem inneren Auge entstehen, dass ich am liebsten sofort dorthin aufgebrochen wäre. Beim Lesen kann man fast den Duft der Zitronen riechen.
Man merkt dem Buch an, das hier sehr viel von der Lebensgeschichte des Autors eingeflossen ist. Es ist gefühlvoll und gleichzeitig reflektiert geschrieben, intelligent und glänzend formuliert, kurz, ein Lesegenuss, der lange nachwirkt.


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Fremde Frauen
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Fremde Frauen

Stanislav Struhar
Fester Einband: 120 Seiten
Erschienen bei Wieser, 01.03.2013
ISBN 9783990290507
Genre: Gegenwartsliteratur

Rezension:

Ach ja, die Kommunikationsfähigkeit von Männern!
Zum Beispiel Alan. Da zieht seine Kommilitonin Bernadette bei ihm ein, weil sie von ihrem Stiefvater aus der Wohnung geworfen wurde, und was macht Alan? Nichts. Er redet nicht mit ihr, er zeigt keine Empathie, er geht ihr innerhalb der Wohnung aus dem Weg. Aber Frauen sind beharrlich, und so entwickelt sich schließlich doch ganz langsam eine ganz leise Liebesgeschichte.
Auch Stefan ist nicht sehr gesprächig. Er war seiner italienischen Freundin Arianna in deren Heimatland gefolgt, aber leider hat sie wieder mit ihrem Jugendfreund angebandelt. Stefan bleibt in Italien, arbeitet für Ariannas Onkel, wird von den italienischen Kollegen und Nachbarn herzlich aufgenommen und in die Gemeinschaft integriert und – schweigt. Auch hier ist es wieder die Frau, die initiativ werden muss, nämlich Francesca, die Tochter seines Chefs.
In diesem Buch spielen Grenzen eine zentrale Rolle. Grenzen zwischen Ländern, aber auch Grenzen zwischen Menschen. Die Protagonisten haben es schwer, eine Beziehung einzugehen und sich einer Frau gegenüber zu öffnen, denn sind Entwurzelte, sie haben ihre Heimatländer verlassen und versuchen, in einem anderen Teil Europas Fuß zu fassen. Beide Männer haben traumatische Erfahrungen gemacht, aber sie reden nicht darüber.
Den Titel des Buches finde ich übrigens irritierend, schließlich sind die Fremden in diesen beiden Erzählungen nicht die Frauen, sondern die Männer.
Die Kernfrage dieser Erzählungen ist, ob Menschen, die völlig unterschiedlich sind, zusammenleben, sich mögen und sogar lieben können. Ja, ist die Antwort dieses atmosphärisch dicht geschriebenen, vielschichtigen und tiefen Buches.
Einmal mehr wird deutlich, dass wir gar nicht so viel über das Zusammenwachsen Europas reden müssten. Denn wir sind längst ein Europa. Ein Europa von Menschen, die die gleichen Gefühle, Wünsche, Träume und Probleme haben. Wir mögen zwar unterschiedliche Sprachen sprechen und unterschiedliche Gerichte kochen, aber wir sind in allen europäischen Ländern einfach nur – Menschen.
Das wird in diesem Buch meisterhaft auf den Punkt gebracht.


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Falken
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heinrich viii, anne boleyn, cromwell, englische literatur, historischer roman

Falken

Hilary Mantel , Werner Löcher-Lawrence
Fester Einband: 450 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag, 01.02.2013
ISBN 9783832196981
Genre: Historische Romane

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Wölfe
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england, historie, historisch, cromwell, klerus

Wölfe

Hilary Mantel , Christiane Trabant
Flexibler Einband: 768 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag, 01.04.2012
ISBN 9783832161934
Genre: Historische Romane

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Der Konvoi
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Der Konvoi

Lukas Hartmann
Flexibler Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 01.02.2013
ISBN 9783257241945
Genre: Gegenwartsliteratur

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Die Reisen mit meiner Tante
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Die Reisen mit meiner Tante

Graham Greene , Brigitte Hilzensauer
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei dtv, 01.01.2013
ISBN 9783423141796
Genre: Gegenwartsliteratur

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Abteil Nr. 6
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Abteil Nr. 6

Rosa Liksom , Stefan Moster
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei DVA, 01.03.2013
ISBN 9783421045836
Genre: Gegenwartsliteratur

Rezension:

Es ist März, der Frühling lässt auf sich warten, draußen liegt Schnee, ein schneidend kalter Ostwind fegt durch Berlin. Da draußen fühlt es sich fast wie in Sibirien an.

Das ist der perfekte Moment, um dieses Buch zu lesen, in dem eine junge finnische Frau in Moskau die Transsibirische Eisenbahn besteigt, um quer durch die winterliche Sowjetunion zu fahren, weil sie im mongolischen Ulan Bator eine Felsinschrift besichtigen möchte.

Die junge Frau, die im Buch namenlos bleibt, wird in dem winzigen Abteil Nr. 6 mit einem Mitreisenden zusammengepfercht, mit dem sie nicht das Geringste gemeinsam hat. Der – ebenfalls namenlos bleibende – Mann ist vulgär, ungepflegt, stinkt nach Zwiebeln, säuft riesige Mengen Wodka in sich hinein und redet in einer Tour über sich und seine Frauengeschichten, über Schlägereien, Vergewaltigungen, den Mord, den er begangen hat. Ungebeten spielt er sich als Beschützer der jungen Frau auf und macht ihr immer wieder eindeutige Angebote. Ein untragbarer Abteilgenosse für die Frau, die sich auf eine ruhige Reise gefreut hatte, aber es gibt kein Entrinnen.

Im Laufe der Fahrt allerdings entwickelt der Mann echte Fürsorge, er teilt sein Essen mit der Frau, zieht sie ins Vertrauen, öffnet sich. Und sie beginnt, aufmerksamer zuzuhören und lässt sich von ihren Gedanken an ihren Freund, der in der Psychiatrie gelandet ist, ablenken. Am Ende der Reise ruft sie den Mann sogar zur Hilfe, und er schenkt ihr seinen wertvollsten Besitz: Das Messer, mit dem er einen Mord begangen hat.

Aus der Erwähnung des Krieges mit Afghanistan kann man ableiten, dass die Geschichte im Jahr 1979 spielt. Die Sowjetunion besteht noch mit all ihren politischen Einrichtungen und gesellschaftlichen Besonderheiten, mit der Knappheit des Warenangebots, mit der allgegenwärtigen Überwachung.

Diese Atmosphäre ist glänzend eingefangen, und mir hat der Schreibstil der Autorin ausgesprochen gut gefallen. Die Figur der jungne Frau ist bis zu letzt ein spannender Charakter geblieben, weil sie in den Gesprächen überhaupt nichts von sich preisgibt. Erst nach und nach wird enthüllt, was sie umtreibt und was sie erlebt hat. Der Mann dagegen redet wie ein Wasserfall, und das, was er erzählt, macht den ohnehin grobschlächtigen Säufer erst einmal unsympathisch. Mit der Zeit ist er mir allerdings irgendwie ans Herz gewachsen, trotz all seiner schlechten Charaktereigenschaften.

Vor allem aber haben mich an diesem Buch die Fahrtbeschreibungen begeistert. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, selbst im Zug zu sitzen und aus dem Fenster zu blicken.

„Der Zug taucht in die Natur ein, stampft durch das verschneite, menschenleere Land. Alles ist in Bewegung: der Schnee, das Wasser, die Luft, die Bäume, die Wolken, der Wind, die Städte, die Dörfer, die Menschen und die Gedanken.“

Die unterschiedlichen Städte und Orte, die durch den alles verdeckenden Schnee aneinander angeglichen werden, sind vor meinem geistigen Auge entstanden, als ob ich sie selbst besucht hätte. Und auch die Personen, die im Lauf der Fahrt und der Handlung jeweils ganz kurz auftauchen, sind lebendig gezeichnete Charaktere.

Am Ende war ich enttäuscht, dass die Reise schon zu Ende ist. Ich hätte noch viele, viele weitere Seiten lang die Frau und den Mann auf ihrer ruhigen Fahrt durch die verschneite Sowjetunion begleiten mögen.

Jedenfalls ist mir durch die Wetterbeschreibungen im Buch jetzt eines klar: Wir haben doch Frühling in Berlin! Aber leider die sibirische Variante…


 

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Der Clown ohne Ort
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berlin, debüt

Der Clown ohne Ort

Thomas Martini
Flexibler Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 01.03.2013
ISBN 9783627001889
Genre: Gegenwartsliteratur

Rezension:

Naїn könnte ein tolles Leben führen: Politikstudium, Auslandssemester in Barcelona, guter Job. Aber er schafft es nicht, weiterhin die Erwartungen seiner Eltern zu erfüllen, hat einen Zusammenbruch, trägt dauernd die grüne Strickmütze von seiner Großmutter und betäubt sich immer mehr mit Alkohol und Drogen. Auch bei einem Job im Theater und ebenso mit dem Versuch, mit seinen Kumpeln eine irgendwie politische Sozusagen-Organisation aufzubauen, scheitert er.

Naїn schlittert von einem Drogenrausch in den nächsten, unterbrochen von hilflosen Beziehungsversuchen und den körperlich unangenehmen Folgen seiner Exzesse. Es wird ziemlich viel gekotzt in diesem Buch. (Was mich nicht störte, ich hatte, während ich das Buch las, eine Magen-Darm-Grippe und fühlte mich beim Lesen nicht so allein mit meinem Problem.)

Und schließlich steht ein riesiges Schaf in Naїns Schlafzimmer...

Ich finde es ziemlich schwierig, dieses Buch zu beurteilen. Wahrscheinlich gehöre ich altersmäßig einfach nicht in die Zielgruppe für diesen Roman. Ich kannte ja nicht einmal alle der erwähnten Drogenarten!

Somit konnte ich auch nicht mit dem Protagonisten warm werden. Ich hätte ihn am liebsten kräftig durchgeschüttelt und in die nächste Entzugsklinik verfrachtet. Dass er seinen Job nicht mag, geschenkt, das passiert. Dann orientiert man sich eben um und versucht, etwas zu finden, was einem eher liegt. Aber mit Drogen wird das nun wirklich nichts. Auch die Beziehungsunfähigkeit des Protagonisten ging mir auf den Geist. So geht man einfach nicht mit Frauen um!

Ich fand jedoch interessant, dass das Buch wie ein Triptychon aufgebaut ist. Der Wechsel zwischen den Beschreibungen des Berliner Alltags, politisch-philosophischen Diskussionen und den Drogentrips hat einen besonderen Reiz.

Gefallen hat mir der Schreibstil. Sehr sogar. Thomas Martini hat einen äußerst gewandten Umgang mit der Sprache, spielt mit ihrem Reichtum und findet phantasievolle Formulierungen, die mir einfach Spaß gemacht haben.

Ich finde einen derart komplexen Roman für ein Debüt beachtlich und werde den Autor im Auge behalten – vielleicht ist sein zweites Buch ja weniger drogenlastig…


 

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Nachtauge
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Nachtauge

Titus Müller
Fester Einband: 440 Seiten
Erschienen bei Blessing, 11.03.2013
ISBN 9783896674586
Genre: Krimi & Thriller

Rezension:

Georg Hartmann würde viel lieber wieder als Lehrer arbeiten. Aber er muss froh sein, dass sein Schwager Axel Rottländer, ein Gestapo-Mann, ihn vor einem Fronteinsatz bewahrt und ihm den Posten als Lagerleiter beschafft hat. 1943 ist kein gutes Jahr für die Erfüllung persönlicher Wünsche.
In Neheim, am Fuß der Möhnetalsperre, arbeiten ukrainische Zwangsarbeiterinnen in einer Munitionsfabrik. Georg Hartmann, der noch Skrupel und ein Gewissen besitzt, versucht, die Lage der Frauen im Lager wenigstens ein wenig zu verbessern. Er schreibt Eingaben für eine bessere Verpflegung und Krankenversorgung und versorgt die Frauen heimlich mit russischer Literatur und Zeitungen.
Das ist schon gefährlich genug, zumal schon Gerüchte kursieren, dass Georg nicht auf Parteilinie liege. Was auch stimmt. Gedanken wie „Hitlerjugend. Was passierte eigentlich, wenn Hitler einmal starb? Hieß es dann Müllerjugend, nach seinem Nachfolger?“ sind nicht gerade staatskonform.
Und dann verliebt Georg sich auch noch in die Lagerinsassin Nadjeschka, die einen Ausbruch plant. Das zwingt ihn zu folgenreichen Entscheidungen.
Die größte Gefahr allerdings droht von einer ganz anderen Seite. Die britische Luftwaffe bereitet seit zwei Jahren die Bombardierung der großen deutschen Stauseen vor, und die Möhnetalsperre ist ihr erstes Ziel.
Aber diese kriegsentscheidende Aktion ist gefährdet. Die deutsche Spionin „Nachtauge“, die der britische Geheimdienst MI5 schon seit drei Jahren vergeblich jagt, ist vor Ort und versucht, den Angriff zu sabotieren.
Ich habe dieses Buch förmlich verschlungen. Es liest sich spannend wie ein Thriller, die (wahre) Liebesgeschichte ist nicht zu dick aufgetragen, sondern fügt sich harmonisch in die Handlung ein, und die damalige Zeit ist gut eingefangen. Die Angst vor den Bombengriffen (auf beiden Seiten des Kanals), die Sorge um die Familie (auf beiden Seiten des Kanals) und die ständige Angst, von Nachbarn oder vom Blockwart denunziert zu werden, sind hervorragend beschrieben.
Die Charaktere haben ihre Ecken und Kanten, keiner ist nur gut oder nur böse. Die Ambivalenz zwischen dem, was die Gesellschaft verlangt, und dem eigenen Gewissen wird greifbar.
Der Roman erscheint rechtzeitig zum 100jährigen Jubiläum des Baus der Möhnetalsperre und dem 70. Jahrestag der Bombardierung. Im Anhang finden sich interessante Hintergrundinformationen.
Ich finde diese Mischung aus Agententhriller, Liebesgeschichte und historischem Roman außerordentlich gut gelungen.

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Elsa ungeheuer
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44 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

kunst, elsa, den haag, freundschaft, texas

Elsa ungeheuer

Astrid Rosenfeld
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 01.02.2013
ISBN 9783257068504
Genre: Zeitgenössische Literatur

Rezension:

Karl und Lorenz Brauer haben gerade erst ihre Mutter verloren, die schon lange psychisch gestört war und nun vom Balkon gesprungen ist. Ihr Vater Randolph Brauer weiß vor lauter Trauer kaum noch, dass er für zwei Söhne und eine Ferienpension verantwortlich ist.
Nur die Haushälterin Frau Kratzler und der Dauergast Herr Murmelstein, genannt das Murmeltier, kümmern sich um die acht und zehn Jahre alten Jungen. Während Frau Kratzler sich um das Seelenheil der Jungen sorgt, erzählt ihnen das Murmeltier seine erotischen Erinnerungen als Gute-Nacht-Geschichten.
Und dann tritt Elsa in das Leben der Brüder. Die Elfjährige wird von ihren Eltern nicht auf eine Weltreise mitgenommen, sondern zu ihren Verwandten in die Oberpfalz geschickt. Keinen erstaunt das, denn dieses Kind mit seinen Streichholzarmen ist frech, benimmt sich seltsam, trägt unmögliche Kleidung und will sich nicht einfügen.
Der achtjährige Karl ist von der ersten Minute an von Elsa fasziniert, und auch Lorenz freundet sich mit ihr an. Zusammen verbringen sie einen ganz besonderen Sommer voller Verrücktheiten. Aber dann bricht der Ernst des Lebens über sie herein.
Lorenz verarbeitet später die Kindheitserlebnisse als Maler in seinen Bildern. Aber er muss feststellen, dass die Kunstszene einem Haifischbecken gleicht und die Rachegefühle zweier Frauen eher über den Fortgang einer Karriere entscheiden, als das Talent des Malers.
Karl hat es weitaus schwerer, Elsa zu vergessen, denn beim Abschied haben sich ihre Wangen berührt. Erst, als er mehr über die Hintergründe der damaligen Ereignisse erfährt, kann er die Vergangenheit loslassen.
Zwei Jungen, ein Mädchen – diese Konstellation findet sich in zahllosen Geschichten und Romanen. Zwei Männer buhlen um die gleiche Frau, eine Frau kann sich nicht zwischen zwei Männern entscheiden, das haben wir schon in sämtlichen Variationen lesen können.
Aber Astrid Rosenfeld schafft es, dem Altbekannten einen neuen Blickwinkel zu geben. Mit ihrer unvergleichlichen Erzählkunst lässt sie eine uralte Geschichte neu und frisch erscheinen und nimmt die Leser mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Die ungewöhnlich erzählte Geschichte mit ihren ganz besonderen Charakteren bringt einen zum Lachen, zum Nachdenken und zum Weinen.

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Das Glücksbüro
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67 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 34 Rezensionen

amt, liebe, glück, ordnung, künstlerin

Das Glücksbüro

Andreas Izquierdo
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag, 01.02.2013
ISBN 9783832162252
Genre: Zeitgenössische Literatur

Rezension:

Albert Glück ist ein unauffälliger Mensch. Seit über 30 Jahren arbeitet er im Amt für Verwaltungsangelegenheiten, bearbeitet zuverlässig seine Anträge, hat einen festgelegten Tagesablauf und ist irgendwie…grau. Keiner seiner Kollegen hat näheren Kontakt zu ihm, und deshalb fällt es auch nicht auf, dass Albert im Amt wohnt. Seit über 30 Jahren.
Denn die Welt draußen macht ihm Angst. Zu viel Lärm, zu viele Menschen, zu viel Veränderung, das ist nichts für Albert. Sein Amt dagegen ist ein Hort des Immergleichen. Jeder Tag verläuft genau gleich, und Albert fühlt sich inmitten der Vorschriften und Formulare wohl.
Bis er eines Tages den Antrag E 45 auf seinem Tisch findet. Dieses Formular existiert gar nicht, und nirgends steht, was eigentlich beantragt wird. Auch Alberts Vorgesetzter kennt keinen Antrag E 45. Da Albert sich weigert, den Antrag einfach nur abzulegen, schickt sein Vorgesetzter ihn auf einen Dienstgang, um die Antragstellerin Anna Sugus aufzusuchen.
Zum ersten Mal seit über 30 Jahren setzt Albert also einen Fuß vor die Tür des Amtes. Und das setzt eine gewaltige Veränderung in Gang. Nicht nur für Albert persönlich, sondern auch für das Amt und die Antragsteller. Sogar das Bundesministerium des Innern wird aufgeschreckt.
Ich fand dieses Buch einfach wunderbar. Albert habe ich, obwohl er das genaue Gegenteil von mir ist, sofort ins Herz geschlossen. Er ist zwar ein komischer Kauz, hat aber auch etwas sehr Liebenswertes an sich. Humorvoll und warmherzig beschreibt Andreas Izquierdo die Eigenheiten seines ungewöhnlichen Helden.
Das Innenleben eines Amtes hat der Autor hervorragend eingefangen. Ich habe selbst einmal in einer Bundesbehörde gearbeitet und hatte bei der Beschreibung von Alberts Kollegen jeweils echte Menschen vor meinem inneren Auge, so nah kommt der Autor an die Verwaltungswirklichkeit heran. Dazu passt auch, dass sich das Buchcover wie ein Aktendeckel anfühlt.
Wie Albert durch Anna Sugus sein Leben verändert und aus seinem (grauen) Schneckenhaus hervorkommt, wie aus Alberts Büro das Glücksbüro wird, und wie er anderen Menschen zum Glück verhilft, liest sich herzerwärmend schön. (Ich empfehle, ab der Seite 210 ein Taschentuch in Griffweite zu haben.) Ach, wäre es schön, wenn jedes Amt solch ein Glücksbüro hätte!
Im Buch werden Menschen glücklich gemacht, und mit dem Buch auch. Die Magie des Glücksbüros überträgt sich auf die Leser.

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Die Zauberflöte
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Die Zauberflöte

Emanuel Schikaneder , Wolfgang A. Mozart , Jan Assmann
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Manesse Verlag, 01.09.2012
ISBN 9783717522942
Genre: Gegenwartsliteratur

Rezension:

Die Zauberflöte ist die wohl bekannteste Oper von Wolfgang Amadeus Mozart und gleichzeitig die geheimnisvollste.
Dieses handliche Büchlein ist ein idealer Opernbegleiter, der zusammen mit dem Opernglas in die Abendtasche passt.
Neben dem Libretto Emanuel Schikaneders enthält der Band Beispiele des literarischen Umfelds der Zauberflöte.
In „Lulu oder Die Zauberflöte“ von August Jacob Liebeskind geht es wie im Libretto um einen Jüngling (ja, Lulu ist hier ein Männername!), einen Zauberer und eine Zauberflöte; Christoph Martin Wieland beschreibt in „Der Stein der Weisen“ Liebe, Trennung und Prüfung; „Der Zauberkönig“ von Louis de Mailly hat die Verschleppung einer jungen Frau zum Thema; die „Geschichte des Sethos“ von Abbé Jean Terrasson behandelt die ägyptischen Mythen, die auch in der „Zauberflöte“ eine zentrale Rolle spielen; und Johann Wolfgang von Goethe hat gar „Der Zauberflöte zweiter Teil“ begonnen.
Alle Motive der Zauberflöte sind auch in diesen Materialien enthalten, aber nirgendwo werden sie so meisterhaft miteinander verflochten wie im Libretto Emanuel Schikaneders und nirgendwo so genial musikalisch umgesetzt wie in der Komposition Mozarts.
Abgeschlossen wird der Band mit dem äußerst lesenswerten Essay von Jan Assmann über „Schikaneder, Mozart und die Zauberflöte“, in dem kompetent auf die Hintergründe dieser Oper eingegangen wird.
Die Zusammenstellung des Buches ist geschickt gewählt, und der Beitrag von Jan Assmann ist auch für diejenigen noch interessant, die sich mit den vielen Bedeutungen und Motiven in der Zauberflöte schon auskennen.
Zusammen mit der sehr edlen Ausstattung dieses wunderbaren Buches, mit der sich Manesse selbst übertroffen hat, sorgt der Inhalt für ein tieferes Verständnis dieser vielschichtigen Oper und ist daher genau das Richtige für jeden Opernfan.

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Ich müsste lügen
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Ich müsste lügen

Wolfgang Popp
Fester Einband: 248 Seiten
Erschienen bei Folio, 01.01.2013
ISBN 9783852566030
Genre: Krimi & Thriller

Rezension:  
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Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte
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eltern, märchen, sprache, sprichwörter, erzählen

Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte

Rafik Schami
Flexibler Einband: 176 Seiten
Erschienen bei dtv, 01.12.2012
ISBN 9783423141581
Genre: Gegenwartsliteratur

Rezension:

„Und interessant ist, dass von den 6500 Sprachen, die heute noch existieren, nur ein paar Hundert eine Schrift besitzen.“
Das mündliche Erzählen ist uralt, wesentlich älter als die ersten Schriftsprachen. Und es hat bis heute eine weitverbreitete Tradition, sowohl in afrikanischen, als auch besonders in arabischen Gesellschaften.
Rafik Schami ist ein begnadeter Erzähler, nicht nur in seinen Büchern, sondern besonders mündlich. In diesem Buch schreibt er über das Erzählen, darüber, wie er zum Erzähler geworden ist, und warum wie das Zuhören so lieben.
Das Buch ersetzt nicht die Erfahrung, ihm live zuzuhören, aber seine unnachahmliche Art der Erzählweisen macht auch das Lesen zum Genuss. In seine autobiographischen Erinnerungen streut Schami Märchen und Geschichten ein, und auch die Sachtexte, besonders sein Universitätsvortrag, spiegeln seinen unverwechselbaren Stil wider.
Gleichzeitig erweitern diese Geschichten den Horizont. Dem Hinweis, dass Edgar Allan Poe ein alternatives Ende für 1001 Nacht geschrieben hat, bin ich sofort nachgegangen, um diese Geschichte zu lesen.
Auch über die Entstehung der Schriftsprache, den Unterschieden zwischen mündlichem und schriftlichen Erzählen und die unterschiedlichen Erzählweisen lernt man auf unterhaltsame Art etwas in diesem Buch.
Ob Rafik Schami nun von seinem Großvater erzählt, der nicht einschlafen konnte, ohne das Ende einer Geschichte zu erfahren, von Murmelspielen in seiner Kindheit oder vom nächtlichen Radiohören mit seiner Mutter, immer lässt es uns beim Lesen eintauchen in eine andere Welt und dem Autor so nahe kommen wie in keinem seiner anderen Bücher.

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Es hätte mir genauso
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Es hätte mir genauso

Ali Smith , Silvia Morawetz
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Luchterhand Literaturverlag, 01.10.2012
ISBN 9783630873121
Genre: Gegenwartsliteratur

Rezension:

Dinnerparties sind immer anstrengend für die Gastgeberin. Die ganzen Vorbereitungen hängen an ihr, sie kocht ein aufwändiges Essen, sie versucht, bei Tisch eine angeregte, aber geordnete Unterhaltung aufrecht zu erhalten und hinterher muss sie auch noch aufräumen. Kein Wunder, dass sie erst einmal aufatmet, wenn sich die Tür hinter dem letzten Gast geschlossen hat und sie ihr Heim wieder für sich hat.
Bei dieser Dinnerparty allerdings schließt der letzte Gast nicht die Eingangstür hinter sich, sondern die zum Gästezimmer. Dort schließt er sich ein, bittet freundlich um Nahrung, die unter der Tür durchgeschoben werden kann und bleibt einfach da. Monatelang.
Dabei war Miles nicht einmal selbst zum Dinner eingeladen, sondern kam als Begleiter von Mark. Und Probleme bereitete er der Gastgeberin von Anfang an. Erst beim Essen zu erwähnen, dass man Vegetarier ist, nervt auch die geduldigste Gastgeberin.
Dass Miles sich monatelang im Gästezimmer einschließt, hat weitreichende Folgen für die Familie und die gesamte Nachbarschaft. Wie heute üblich, verbreitet sich die Nachricht über den ungewöhnlichen Gast in Windeseile und schnell bildet sich eine Fangemeinde, die hinter dem Haus campiert.
Herrlich skurril ist diese Geschichte, nicht nur wegen der bizarren Ausgangssituation, sondern auch wegen der Charaktere aus dem Umfeld von Miles, die samt und sonders Originale sind, auch wenn sie nach außen hin normal wirken.
Anna, die vor langer Zeit einmal Kontakt zu Miles hatte und immer noch so unsicher ist, wie auf dem damaligen Europatrip, Mark, der Miles gerade erst kennengelernt hatte, aber so fasziniert von ihm war, dass er ihn zur Party mitnahm, und die demente May, die auf ganz besondere und traurige Art mit Miles verbunden ist, sie alle haben eine besondere Geschichte, die in diesem Buch erzählt wird.
Mein Lieblingscharakter ist die neunjährige Brook, die für mich die geheime Hauptfigur des Buches ist. Sie ist hochbegabt und mischt mit ihrer Lernbegierde und ihrer Lust an Wortspielen das langweilige und konventionelle Dinnergespräch kräftig auf. Ihre ganz eigene Art, mit Menschen in Kontakt zu treten, ist zentral für den Fortgang der Handlung.
Über Miles selbst erfahren wir nicht viel, er wird nur in den Erinnerungen der anderen lebendig. Seine eigene Perspektive bleibt im Dunkeln. Deutlich wird nur, dass er auch vor seiner unerwarteten Handlung schon als ein besonderer Mensch wahrgenommen wurde, der einen bleibenden Eindruck bei Jedem, der mit ihm in Berührung kam, hinterließ.
Mir hat diese unterhaltsam geschriebene und ungewöhnliche Geschichte gut gefallen.

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101 Nacht
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16 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

klassiker, buchmesse

101 Nacht

Claudia Ott
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Manesse Verlag, 01.10.2012
ISBN 9783717590262
Genre: Gegenwartsliteratur

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Mein Sardinien
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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Mein Sardinien

Hans-Ulrich Treichel
Fester Einband: 218 Seiten
Erschienen bei Mare Verlag, 14.08.2012
ISBN 9783866481381
Genre: Gegenwartsliteratur

Rezension:

Man sollte nichts überstürzen. Schon gar nicht eine Übersiedlung in ein anderes Land, auch wenn es sich um Italien, das klassische Sehnsuchtsland eines Germanisten, handelt. Denn Sardinien hat mit dem von Goethe bereisten Teilen Italiens nicht viel zu tun.
Das Leben des Protagonisten dümpelt in Berlin so vor sich hin. Er schreibt seine germanistische Abschlussarbeit, verdient sich als Türöffner in der Berliner Philharmonie etwas dazu und wohnt in einer Schöneberger WG. Alles ein bisschen langweilig auf die Dauer.
Dabei hat Berlin so viel zu bieten, gerade, wenn man sich mit Literatur beschäftigt und die Schauplätze von Romanen besucht. „Die Orte und Straßen hatten eine Schutzhaut bekommen. Sie waren in gewisser Weise durch die Literatur geimpft worden.“
Das Buch spielt Anfang der 80er Jahre, das merkt man an den erwähnten Buslinien und der Beschreibung des Studentenlebens. Der Protagonist war, wie so viele, aus der ostwestfälischen Provinz nach Berlin geflüchtet, dessen Einsamkeit er allerdings noch schlimmer findet. „Aber wohin flüchtete man aus Berlin? Nach Hannover? Nach Tübingen? Gegebenenfalls nach Sardinien.“
Denn der Protagonist verliebt sich in die Sardin Cristina. Und die möchte das Angebot ihres Bruders, wieder nach Sardinien zurückzukehren, annehmen. Sofort wird der Plan gefasst, eine Weile zwischen Berlin und Sardinien zu pendeln, schließlich muss das Studium beendet werden, dann aber endgültig nach Sardinien überzusiedeln.
Aber schon beim ersten längeren Besuch entpuppt sich Sardinien, gegen das Westfalen eine lebendige Metropole ist, als zu eng. Und auch die Beziehung zu Cristina entwickelt sich nicht so, wie erhofft. Was wird jetzt aus den Träumen?
Ich mag den ruhigen Schreibstil dieses Autors sehr. Mit wenigen Sätzen und Worten schafft er es, die Atmosphäre fühlbar zu machen und einen in die Szene eintauchen zu lassen. Humorvoll und mit viel Einfühlungsvermögen in einen vermutlich teilweise autobiographischen Charakter wird eine leichtfüßige Liebes- und Reisegeschichte erzählt.

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Wir müssen über Kevin reden
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(16)

37 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

bewusstsein

Wir müssen über Kevin reden

Lionel Shriver , Christine Frick-Gerke , Gesine Strempel
Flexibler Einband: 560 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 01.06.2012
ISBN 9783548284767
Genre: Gegenwartsliteratur

Rezension:

Einmal mehr wird die Lektüre von der Wirklichkeit eingeholt. Kaum, dass ich dieses Buch beendet hatte, gab es in der Realität erneut einen Amoklauf in einer Schule, diesmal in Newtown, Connecticut. 20 Kinder und 6 Erwachsene wurden dort am 14.12.2012 erschossen.
Immer wieder stellt sich bei einem solch schrecklichen Ereignis die gleiche Frage: WARUM? Warum kommt ein junger Mann auf die Idee, Kinder zu erschießen? Trägt er allein die Schuld daran, oder gibt es noch andere Verantwortliche? Welche äußeren Umstände begünstigen solch eine Tat?
Das sind auch die Kernfragen in diesem äußerst lesenswerten Buch.
Ein Amoklauf an einer amerikanischen Schule. Kevin, der Täter, wird festgenommen. Eva, die Mutter, wird ebenfalls angeklagt.
Wer hat Schuld? Die Mutter, die sich mit ihrer Mutterrolle nicht abfinden konnte? Der Sohn, der von Geburt an irgendwie anders war? Oder, wie meistens unbeachtet, der Vater, der seine Augen vor den Problemen verschloss?
Dieser Roman wird in Briefen erzählt, Briefe, die Eva an ihren Mann, von dem sie nun getrennt ist, schreibt, und in denen sie die ganze Geschichte aufrollt, bis zum traumatischen Ende. Es ist einfach, beim Lesen ihre Position nachzuvollziehen und, wenn auch nicht Sympathie, so wenigstens ein wenig Verständnis für sie aufzubringen. Allerdings erfährt man auch nur Evas Sichtweise. Niemand Anderes kommt zu Wort, um ihre Wahrnehmung zu bestätigen oder zu korrigieren.
Mich hat dieses Buch von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt, was vor allem am eindringlichen Schreibstil liegt. Das Buch verfällt nicht in Schwarz-Weiß-Denken, bis zuletzt ist die Schuldfrage offen. Denn alles, was vor, während und nach einem Amoklauf passiert, ist viel zu komplex, um einfache Lösungen und Schuldzuweisungen zu ermöglichen.
Wie in der Realität.

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Orfanelle
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Orfanelle

Franz Winter
Fester Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Braumüller Literaturverlag, 01.10.2012
ISBN 9783992000739
Genre: Historische Romane

Rezension:

Nach der Pest 1348 feierte in Venedig die Lebenslust ein andauerndes Fest. Jeder hatte das Recht, sich zu maskieren, und so fielen auch die Grenzen des Anstands. Das Ergebnis waren Hunderte von unehelich geborenen Kindern, die von ihren Müttern weggegeben wurden.
Die Jungen wurden als billige Arbeiter auf das Festland geschickt, die Mädchen wurden in einer frühen Form der Babyklappe beim Waisenhaus abgelegt. Sie wurden für einfache Arbeiten ausgebildet, Auswanderern nach Übersee als Bräute mitgegeben oder wurden Nonnen.
Unter diesen armen Mädchen gab es einige etwas Privilegierte, die „Orfanelle“, die Begabten, die zu Musikerinnen ausgebildet wurden. Antonio Vivaldi schrieb Werke für sie, und ganz Venedig kam zu den Konzerten.
Unter den Musikerinnen sind auch die Protagonistinnen Anna, die eine berühmte Sängerin und Vivaldis Geliebte wird, und Pelegrina, eine hervorragende Geigerin, die an einen deutschen Grafen verkauft wird. Das Buch zeichnet ihr Aufwachsen als Orfanelle und ihre tiefe Freundschaft nach. Ihre Wünsche und Träume von einer besseren Welt, in der sie zusammenbleiben können, werden nicht erfüllt.
Dieses Buch hat mich tief berührt, besonders die völlige Rechtlosigkeit der Findelkinder, die unter der Macht der Kirche zu leiden hatten. Die Kirche hatte ein knallhartes finanzielles Interesse an den Waisen und hat sie entweder selbst ausgebeutet oder an Zahlende verschachert. Zwar hatten die Orfanelle eine etwas bessere Stellung, aber auch sie waren ohne Chance auf eine selbstbestimmte Lebensplanung.
Dies ist ein ungewöhnliches und in einer poetischen Sprache geschriebenes Buch, in dem das 18. Jahrhundert besonders in den Reisebeschreibungen sehr lebendig wird. Und natürlich ist es voller Musik. Musik, die zum einzigen Trost in düsteren Lebensumständen wird.

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Wald aus Glas
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hansjörg schertenleib, deutsche literatur, altenheim, wald aus glas, roman

Wald aus Glas

Hansjörg Schertenleib
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 01.09.2012
ISBN 9783351035037
Genre: Gegenwartsliteratur

Rezension:

„Wage nicht zu viel, sonst verwirkst du dir das Recht auf das sichere Leben, das die meisten führen!“
Es nimmt kein gutes Ende, das weiß man schon am Beginn des Buches. Denn dieser Roman beginnt mit dem Schluss. Eine Frau und ihr Hund werden tot im Wald aufgefunden, ein Mädchen schwer verletzt in einem Industriegebiet.
Sie sind sich nie begegnet, die 72jährige Roberta und die 16jährige Ayfer, aber trotzdem haben sie eine Gemeinsamkeit. Beide finden sich nicht damit ab, dass Andere sich anmaßen, ihr Leben bestimmen zu wollen.
Roberta wurde zwangsweise in ein Altersheim eingewiesen, weil ein Immobilienhai sie aus dem Weg haben wollte. Ayfer wurde von ihren Eltern bei ihrem Onkel in der Türkei abgeliefert, bei dem sie wie eine Gefangene leben muss, getrennt von ihrem Freund.
Unabhängig voneinander beschließen beide, abzuhauen. Roberta will zurück in das österreichische Dorf, in dem sie aufgewachsen ist, Ayfer versucht, zurück in die Schweiz zu kommen, um so frei leben zu können wie ihre Freunde.
„Ich bin nichts, also kann ich alles sein. Ich bin niemand, also kann ich jede sein.“
Ayfer ist jung, sie ist auf der Schwelle zum Erwachsenwerden und die Welt steht ihr offen. So fühlt sie sich jedenfalls, als sie sich auf den Weg zu ihrem Freund macht.
Roberta dagegen ist am Ende ihres Lebens angekommen. Während ihrer Reise hat sie viel Zeit, an Vergangenes zu denken, daran, was aus ihr hätte werden können.
„Ich habe meine Träume dem Leben angepasst, das ich führe.“
So ernüchternd fällt ihre Bilanz aus, aber davon lässt sie sich nicht unterkriegen.
„Verändern kann man die Vergangenheit nicht, aber man kann sie überwinden.“
Als sie ihr Heimatdorf erreicht, hat Roberta eine Erkenntnis gewonnen:
„Nicht die Zeit macht uns alt, sondern die Erinnerung an unsere Jugend!“
Und auch Ayfer lernt auf ihrem Weg, worauf es im Leben ankommt. Leider erfahren wir nicht, ob sie überlebt.
Dieser einfühlsame Roman hat mich mit seiner außergewöhnlichen Geschichte, seinen tiefen Charakteren und seiner poetischen Sprache begeistert. Ein berührendes Buch, das zum Nachdenken anregt und lange nachwirkt.

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Doppelpass
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Doppelpass

Charles Lewinsky
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei dtv, 01.10.2012
ISBN 9783423141482
Genre: Gegenwartsliteratur

Rezension:

Tom Keita hat es geschafft. Er ist aus Guinea in die Schweiz gekommen, um Fußball zu spielen, und es läuft gut. Sehr gut sogar. Der Mittelstürmer spielt erfolgreich, wird vom einflussreichen Klubpräsidenten Eidenbenz gefördert, ist mit der karrierebewussten Claudia verlobt, fährt einen dicken Wagen und bewohnt ein schönes Haus.
Als sein sehr entfernter Cousin Mike auftaucht, ist es für Tom selbstverständlich, ihn aufzunehmen. Denn schließlich ist er, na ja, nicht wirklich ein Cousin, aber aus dem gleichen Dorf, und somit ein Verwandter, dem es zu helfen gilt.
Aber Mike ist illegal eingereist, und Claudia sieht Toms Karriere in Gefahr, wenn das herauskommt, zumal Eidenbenz ein hochrangiger Lokalpolitiker ist und aus seiner rechtspopulistischen Gesinnung kein Hehl macht. Gegen illegale Einwanderer, und das sind für ihn alle, die nicht Fußball spielen, wettert Eidenbenz besonders kräftig.
Mike muss also weg. Eine vorübergehende Unterkunft und ein angenehmer illegaler Job finden sich, und alles könnte prima laufen. Aber dann hat Mike einen Unfall und trifft eine folgenschwere Entscheidung.
Ich fand diesen Roman einfach herrlich, besonders die Gedankengänge von Eidenbenz und Claudia. Claudia ist strunzdumm, immer nur auf Außenwirkung bedacht und hat nur ihren Aufstieg in die Prominenz im Kopf. Eidenbenz ist ein Heuchler vom Feinsten. Während er den Fußballspieler Tom sofort einbürgern lassen will, ist er gleichzeitig für eine völlige Abschottung gegenüber Flüchtlingen. Aber sein Sohn und seine Frau spielen da nicht mit...
Dieses Buch war ursprünglich ein Fortsetzungsroman in der Schweizer Zeitschrift Weltwoche. Jede Woche erschien ein Kapitel. Das merkt man dem Buch aber nicht an; der Lesefluss wird nicht gestört, im Gegenteil. Die Geschichte wird rasant und streckenweise urkomisch erzählt und liest sich sehr gut. Für Nicht-Schweizer wäre allerdings ein Glossar hilfreich gewesen, das neben den Schweizer Dialekt-Ausdrücken auch noch die vielfältigen Andeutungen im Text näher erklärt.
Ich kann diese intelligente Satire über Doppelmoral in der Ausländerpolitik nur wärmstens empfehlen.

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Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters
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witz, bruce willis, bruce, briefroman, freundschaft

Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters

Tilman Rammstedt
Fester Einband: 190 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag, 01.11.2012
ISBN 9783832196868
Genre: Gegenwartsliteratur

Rezension:

Was, um Himmels Willen, kann Bruce Willis mit einem Bankberater verbinden? Nun, auf dem ersten Blick gar nichts.
Tilman Rammstedt schreibt Briefe an Bruce Willis und beschreibt im Wechsel dazu seine Begegnungen mit seinem ehemaligen Bankberater.
Ein sehr ungewöhnlicher Bankberater ist das, mit ebenso ungewöhnlichen Ansichten, und man ahnt schon, dass noch irgendetwas Dramatisches passiert, damit aus einem Bankberater ein ehemaliger Bankberater wird.
Und Bruce Willis? Der wird zunehmend penetrant mit Briefen bombardiert, weil er eine Rolle in dieser Geschichte übernehmen soll. Neben Herrn Clooney, Herrn Stallone, Frau Thurmann, Herrn van Damme, Herrn Craig und Herrn Smith, und natürlich die wichtigste.
Und er muss sich schnell entscheiden, denn die Zeit drängt ebenso wie der Verlag den Autor. Ein Hund, der mich an Rantanplan erinnerte, ist schon tot, und die Lage wird immer gefährlicher. Aber Bruce Willis schweigt, und so nimmt die Geschichte ihren unvermeidlichen Lauf.
Die Grundidee des Buches ist typisch für diesen Autor, der ein Händchen für skurrile Geschichten hat. Schräge Charaktere und absurde Situationen sorgen für kurzweiligen Lesespaß, auch wenn das Buch ab und an kleineLängen hat.
Mein Lieblingscharakter war der Hund, auch wenn er sehr untypisch agiert. Aber das fällt nicht weiter auf, denn untypisch ist so ziemlich alles an diesem Buch. Mit Ausnahme der Katze auf dem Cover.
Sehr geehrter Herr Rammstedt, Sie brauchen Bruce Willis gar nicht. Sie schaffen es auch ohne ihn, ein komplettes Chaos anzurichten!

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Meine geheime Autobiographie
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tagebücher, autobiographie, biographisches, mark twain, usa

Meine geheime Autobiographie

Mark Twain , Hans-Christian Oeser , Andreas Mahler , Rolf Vollmann
Fester Einband: 1.056 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 01.10.2012
ISBN 9783351035136
Genre: Biografie

Rezension:

Ganz schön selbstbewusst, der liebe Samuel Langhorne Clemens! Der besser unter dem Namen Mark Twain bekannte Autor ging davon aus, dass es auch 100 Jahre nach seinem Tod noch Menschen geben wird, die seine Bücher lesen, und verfügte, dass seine Autobiographie erst zu diesem Zeitpunkt erscheinen dürfe. So konnte sich wenigstens niemand beschweren, der im Buch nicht gut wegkam.
Das Selbstbewusstsein war durchaus berechtigt. Mark Twain wird immer noch gern gelesen, nicht nur von Kindern, die die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn verschlingen, sondern auch von Erwachsenen, denen die scharfe Zunge dieses Autors gefällt.
Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube an scharfsinnigen, satirischen, sarkastischen, humorvollen und vor allem zeitlosen Zitaten.
Die Äußerung „Ich finde es bedauerlich, dass die Welt so viele gute Dinge ablehnt, nur weil sie ungesund sind.“, passt nahtlos auch in unsere gesundheitsfanatische Gegenwart.
Und auch die Bemerkungen über den Vorstand eines Clubs sind zeitlos, denn sie treffen auch auf heutige Gremien zu: „…wenn es nicht derselbe Vorstand war, den man zu Anfang hatte, so lief es doch auf dasselbe hinaus, denn er muss von Zeit zu Zeit aus demselben Irrenhaus gewählt worden sein, aus dem schon der ursprüngliche Vorstand bestückt worden war. (…) Das Vorgehen des Vorstands war genau wie sein Vorgehen von jeher – willkürlich, anmaßend, dumm. Der richtige Ort für diesen Vorstand war von Anfang an das Irrenhaus.“
Ebenso aktuell ist die Beschreibung eines Finanzspekulanten: „Schon vor seiner Zeit hatte das Volk Geld begehrt, er aber lehrte es, davor niederzuknien und es anzubeten. (…) Nun lehrte Jay Gould die gesamte Nation, Geld und Menschen zu Götzen zu machen, wie auch immer das Geld erworben sein mochte. (…) Seine Botschaft lautet: Beschaff dir Geld. (...) Beschaff´s dir in riesigem Überfluss. Beschaff´s dir auf unehrliche Weise, wenn du kannst; auf ehrliche, wenn du musst.“
Sehr klarsichtig ist der Autor, wenn er die „Krankheit des Mannes“ beschreibt, nämlich die „mangelnde Belastbarkeit“, die im Gegensatz zu den Kräften der Frauen stehe.
Ebenfalls aktuell und nützlich im Umgang mit heutigen Medien ist seine Feststellung: „Die meisten Verleumdungen nutzen sich durch Schweigen ab.“ Und dass „Auffälligkeit das Einzige (ist), was Interesse weckt“, stimmt heute leider mehr denn je. „Berühmt ohne Leistung“ werden viel zu viele Menschen.
Schreiend komisch ist die vom Autor zitierte Anekdote über Begriffe, die aus zusammengewürfelten Einzelwörtern bestehen. Da kommen dann so schöne Sachen heraus wie Hottentottenstottertrottelmutter und Lattengitterwetterkotter. Was dann insgesamt aus diesen Begriffen entsteht, hört man sich am besten von Harry Rowohlt gelesen an.
Weil der Autor sich „aus dem Grab“ meldet, nimmt er kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Beurteilung seiner Zeitgenossen geht.
Zum Beispiel sagt er über Rockefeller, dieser besäße „Geld statt Können“, und über James W. Paige, dem Erfinder einer Druckmaschine, er könne „jeden überreden, überzeugen kann er keinen.“
Nicht einmal vor der Bibel macht die scharfe Zunge des Autors halt. So interpretiert er die Geschichte Josephs völlig anders und konstatiert, dass Joseph sich „alles unter den Nagel riss“ und dies „als Wohltätigkeit verkaufte“. Ich finde diese Interpretation übrigens durchaus schlüssig und nachvollziehbar.
Ich könnte noch seitenlang solche Beispiele anführen, aber das würde erstens den Rahmen einer Rezension sprengen und zweitens das Vergnügen nehmen, sich selbst diese Juwelen zu erlesen.
Samuel Langhorne Clemens beschreibt sein Leben und seinen Alltag und schildert dabei auch peinliche Momente. So arbeitete seine Frau mit farbigen Karten, die sie ihm unauffällig zeigte, um ihn offizielle Dinnereinladungen ohne peinliche Verhaltenspatzer überstehen zu lassen. Das klappte allerdings auch nicht immer. Einmal kamen 16 Diener auf einmal angerannt, weil er sich auf die Klingeln gesetzt hatte.
Aber auch ernste Töne gibt es im Buch. Sehr schmerzlich war für Samuel Langhorne Clemens der Tod seiner Tochter Susy. Er zitiert im Buch ausführlich aus ihren Erinnerungen, die sie aufgeschrieben hat, um eine Biographie ihres Vaters zu verfassen.
Das Familienleben nimmt viel Raum in diesem Buch ein, aber auch die politischen Ansichten des Autors. So schreibt er über Präsidentenwahlen, über das Urheberrecht, über gehaltene Reden, über Bildung und Kriminalität, Toleranz, Rezensenten, Lesungen, Vorträge und allgemein über Sprache. Prägend war für ihn die Begegnung mit der taubblinden Helen Keller. Wie sein Land mit Blinden umgehe, sei „eine Schande“.
Im gesamten Buch wird deutlich, dass Samuel Langhorne Clemens mit Recht so selbstbewusst und von seinen Qualitäten überzeugt war. Dieser Mann war intelligent, humorvoll und äußerst scharfsinnig. Das macht dieses Buch zu einem echten Lesevergnügen.
Aber ich war nicht nur inhaltlich von diesem Buch begeistert. Auch die äußere Form gefällt mir ausgesprochen gut. Im Zeitalter der e-books fällt es umso mehr auf, wenn noch schöne, aufwändig gestaltete und liebevoll ausgestattete echte Bücher erscheinen. Ein schöner Leineneinband, hochwertiges Papier, ein angenehmes augenfreundliches Schriftbild, viele Fotos und der Luxus zweier Lesebändchen tragen nicht unwesentlich zum Lesegenuss bei.
Besonders genial finde ich die Idee, die Fußnoten und Anmerkungen zusammen mit umfangreichem Zusatzmaterial in einen Extra-Band zu packen. So ist der Lesefluss im Haupttext nicht gestört und der Anhang kann ausführlicher ausfallen als normalerweise üblich. Auch der Materialband ist komfortabel mit zwei Lesebändchen ausgestattet.
Diese edle Ausgabe ist ein ideales Geschenk. Am besten für sich selbst.

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Schwestern und Machos in Makedonien
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Schwestern und Machos in Makedonien

Liljana Pandeva
Fester Einband: 150 Seiten
Erschienen bei Wieser Verlag, 01.02.2012
ISBN 9783990290125
Genre: Gegenwartsliteratur

Rezension:

Kalina Kalin ist 40 plus einige Jahre alt, Mutter einer gut geratenen Tochter, schön, selbstbewusst und eine erfolgreiche Journalistin. Eine tolle Frau, die ein tolles Leben führt.
Hinter der Fassade zeigt sich allerdings ein ganz anderes Bild. Kalina hat gesundheitliche Probleme, die operiert werden mussten, ihr Mann hat sie verlassen, für ihren Job wird sie allmählich zu alt, und die ständige Rivalität mit ihrer Zwillingsschwester hört nicht auf.
Wie sie damit umgeht, wird aus ihrem Terminplan deutlich. Vom Shoppen erzählt sie, von Geburtstagen, von ihrer Scheidung im Eilverfahren, von ihrer Operation, von Wochenendplänen, von Renovierungen, von Zahnarztbesuchen, vom Kampf mit der Figur. Ihren Alltag beschreibt sie, ihren ganz normalen, dramatischen, witzigen, deprimierenden, lebendigen Alltag.
Ich muss gestehen, dass Makedonien und die umliegenden Staaten mein persönlicher blinder Fleck sind. Ich weiß relativ wenig über diese Region, die ich auch noch nie besucht habe. Aber trotzdem war mir das Geschriebene nicht fremd, im Gegenteil. Denn ich habe einige Gemeinsamkeiten zwischen mir und der Protagonistin entdeckt.
Frauen auf der ganzen Welt stehen offensichtlich vor ähnlichen Problemen, haben ähnliche Gefühle, machen ähnliche Erfahrungen. Und wir alle haben unsere Menstruation.
Dieses Buch bricht ein immer noch bestehendes Tabu, nämlich über die Menstruation zu schreiben. Das tut es, und das hat mir besonders gut gefallen, nicht effektheischend wie die zur Zeit zahlreich erscheinenden Skandal-Bücher, sondern hier wird die Menstruation beschrieben, wie sie ist. Nicht mystisch überhöht, nicht möglichst drastisch formuliert dargestellt, sondern einfach nur erwähnt, als das was sie ist: Ein ganz natürlicher Vorgang, der Bestandteil des weiblichen Lebens ist.
Ein richtiges Kleinod von Buch ist mir da in die Hände geraten, wunderbar geschrieben, tief berührend, zum Nachdenken anregend und dabei auch noch unterhaltsam zu lesen!

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Ganz normale Helden
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familie, internet, london, trauer, realität

Ganz normale Helden

Anthony McCarten
Fester Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 01.09.2012
ISBN 9783257067941
Genre: Gegenwartsliteratur

Rezension:

Es ist schlimm, wenn ein Kind stirbt. Schlimm für die Eltern, und schlimm für die Geschwister.
Ein Jahr nach dem Tod ihres Sohnes Donald sind Jim und Renata immer noch nicht wieder zu einem normalen Leben fähig. Jim hat ein Haus auf dem Land gekauft und meint, dass die Abgeschiedenheit hilfreich für die Familie sein wird, und Renata chattet mit einem Online-Priester. Oder vielleicht auch direkt mit Gott.
Dass ihr 18jähriger Sohn Jeff trotz seiner eigenen Trauer versucht, ihnen über den Verlust hinwegzuhelfen, merken Jim und Renata nicht einmal. Also haut Jeff ab. Erst in das Online-Rollenspiel „Life of Lore“ (LoL), dann auch in der Realität. Jeff ist eines Tages spurlos verschwunden und meldet sich nicht mehr.
Jim verzweifelt daran, denn er will nicht auch noch sein zweites und letztes Kind verlieren. Also macht er sich auf die Suche, auf die virtuelle Suche. Er meldet sich bei LoL an und versucht dort, seinen Sohn zu finden. Aber das ist gar nicht so einfach, denn Jeff hat das höchste Level erreicht. Jim muss sich im Spiel hocharbeiten, um Jeff treffen zu können. Das hat Folgen…
Dieses Buch ist die Fortsetzung von „Superhero“, lässt sich aber auch problemlos lesen, wenn man den ersten Band nicht kennt.
Sehr positiv fand ich, dass in diesem Buch deutlich wird, dass nicht nur Jugendliche dem Reiz der Online-Rollenspiele erliegen, sondern auch Erwachsene sich so sehr darin verlieren können, dass ihr beruflicher und privater Alltag darunter leidet. Nicht nur Kinder und Jugendliche müssen Medienkompetenz lernen, auch deren Eltern.
Die Beschreibung des Spiels hat mir an der Geschichte am besten gefallen. Ich glaube, auch ich wäre diesem Spiel verfallen, so interessant klingt es. Diese Teile des Buches sind auch am humorvollsten.
Die Charaktere wirken lebendig und authentisch, auch wenn ich ihre Reaktionen und ihr Verhalten nicht immer nachvollziehbar fand. Und der flüssige Schreibstil sorgt für eine gute Lesbarkeit. Lediglich das Ende fand ich ein wenig abrupt.
Anthony McCarten hat einfach ein Händchen für ungewöhnliche und fesselnde Geschichten.

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