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Tiefflug
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Tiefflug

Reinhard Pelte
Flexibler Einband: 276 Seiten
Erschienen bei Gmeiner, A, 10.02.2012
ISBN 9783839212363
Genre: Krimi & Thriller

Rezension:

Die vorherigen Bücher dieses Autors fand ich nicht schlecht, besonders wegen des Lokalkolorits. Aber dieses Buch ist eine einzige Katastrophe.
Ich mag ruhige Krimis, aber dieser Krimi ist nicht ruhig, sondern tot. Es passiert einfach gar nichts. Jung macht Urlaub und genießt die Landschaft (diese Beschreibungen sind das einzige Lesenswerte), seine Frau Svenja ist zickig und verbringt den Urlaub getrennt von ihm, sein Nachbar Tiny verhält sich furchtbar und nervt.
Der Entführungsfall aus einer Ferienanlage beherrscht die Nachrichten, tangiert die nichtvorhandene Handlung des Buches aber nur peripher, denn die hier konstruierte Verbindung ist völlig hanebüchen und an den Haaren herbeigezogen.
So wie auch der Rest. Dass ein aus dem Dienst der Bundeswehr Entlassener einfach mal so eben mit einem Außenstehenden eine Militärmaschine für einen kleinen Privatflug ausleihen kann, wird in der Realität (hoffentlich) nicht vorkommen.
Keine Story, keinerlei Spannung, blasse Charaktere, das ist schon schlimm genug. Aber das Ende setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Platt pornographisch und völlig daneben gibt es hier eine Deutung des Entführungsfalls, die unspannender und unrealistischer nicht sein könnte.
Tiefflug ist der richtige Titel für das Niveau dieses Buches.

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Hexenjagd
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grundschule, lehrerin, medien, mobbing, schule

Hexenjagd

Ursula Sarrazin
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Diederichs, 01.10.2012
ISBN 9783424350760
Genre: Biografie

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Ein Traum von einem Schiff
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satire, reise, traumschiff, biografien, deutschland

Ein Traum von einem Schiff

Christoph Maria Herbst
Fester Einband: 207 Seiten
Erschienen bei Scherz, 14.12.2010
ISBN 9783651000063
Genre: Gegenwartsliteratur

Rezension:

So viel Glück möchte ich auch einmal haben – eine Kreuzfahrt mit dem „Traumschiff“ nach Bora-Bora, und das auch noch bezahlt! Christoph Maria Herbst hatte dieses Glück, weil er in der ZDF-Serie auftreten durfte. Und was macht er daraus? Anstatt sich zu freuen, meckert er an allem und jeden herum.
Schon vor dem Vorstellungsgespräch macht er sich über den Produzenten lustig. Auch die Kolleginnen und Kollegen bekommen seine Verachtung zu spüren. Warum, um Gottes Willen, macht er denn dann mit? Er wurde ja nicht gefesselt und geknebelt auf das Schiff verschleppt, sondern hat sich freiwillig beworben, in der Serie „Traumschiff“ mitzuwirken.
Ich hatte einen Blick hinter die Kulissen erwartet, ein bisschen mehr über die Dreharbeiten und das Leben an Bord. Leider wurde ich enttäuscht. Das Buch besteht aus einer Aneinanderreihung von Verbalattacken, die wohl witzig sein sollen, es aber nicht sind.
Besonders schlecht kommen dabei ältere Leute weg. Intolerant und beinahe schon hasserfüllt macht Christoph Maria Herbst sich über die im Alter nun einmal normalen kleineren und größeren Gebrechen lustig. Ist das Dummheit eines Menschen, der vergisst, dass er zwangsläufig auch einmal alt wird, oder Angstbeißen eines Menschen, der mit dem eigenen Älterwerden nicht klarkommt? Was auch immer, lustig ist das nicht, sondern nur peinlich für den Autor und ärgerlich für die Leser.

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Tatort Das Lexikon
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Tatort Das Lexikon

Rüdiger Dingemann
Flexibler Einband: 473 Seiten
Erschienen bei Droemer Knaur, 04.10.2010
ISBN 9783426784198
Genre: Sach- & Fachbuch

Rezension:

Seit genau 40 Jahren gibt es den ARD- Tatort, und inzwischen ist diese Sendung Kult. In meinem Freundeskreis ist es jedenfalls normal, dass man sonntags zwischen 20:15 und 21:45 nicht anrufen darf.
Pünktlich zum Jubiläum ist nun endlich ein Tatort-Lexikon erschienen. Ein Grund zur Freude, sollte man meinen. Leider ist die Umsetzung aber nicht gelungen.
Zwar sind die Sendungen chronologisch aufgeführt, was zu netten Erinnerungen führt. Aber inhaltlich und in der Rechtschreibung haben sich viele Fehler eingeschlichen. Außerdem sind die Informationstexte viel zu kurz, da reichen auch die Informationen im Internet.
Vor allem aber fehlt mir ein Register nach Sendungstiteln. Ich habe leider, wenn ich eine bestimmte Sendung suche, nicht mal so eben das Datum der Erstausstrahlung parat.
Ein enttäuschendes Buch also. Schade!

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Tödliche Höhen
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Tödliche Höhen

Uwe Gardein
Flexibler Einband: 346 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 14.07.2010
ISBN 9783548282039
Genre: Krimi & Thriller

Rezension:

Ein Krimi ist das nicht, dafür ist es nicht spannend genug. Ein Regionalkrimi ist es erst recht nicht, denn es deutet nichts darauf hin, dass die im Buch beschriebene Gegend wirklich im Allgäu ist. Die Charaktere sind blass, eine nennenswerte Handlung gibt es nicht, die Sprache ist grauenhaft. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wie der Autor es geschafft hat, sein Manuskript bei Ullstein unterzubringen.

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Deutschland schafft sich ab
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deutschland, politik, integration, migration, gesellschaft

Deutschland schafft sich ab

Thilo Sarrazin
Fester Einband: 461 Seiten
Erschienen bei DVA, 25.08.2010
ISBN 9783421044303
Genre: Sach- & Fachbuch

Rezension:

(Langversion auf meinem Bücherblog http://buchblinzler.blogspot.com/)
Mich wundert es überhaupt nicht mehr, dass es Berlin finanziell so schlecht geht. Schließlich war Sarrazin hier Finanzsenator, und wenn ich mir sein Buch so ansehe, frage ich mich, wie ein Mensch, der einen so laxen Umgang mit Zahlen hat, jemals auf solch eine Position kommen konnte, geschweige denn in den Vorstand der Bundesbank.
Sarrazin wandelt den guten alten Spruch Churchills, „Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe“ um in „Ich nehme eine Statistik und biege sie so um, dass sie in meine Argumentation passt“.
Die unsaubere Argumentationsweise Sarrazins zieht sich durch das gesamte Buch.
Sarrazin betrachtet durchgehend das Individuum losgelöst von der Gesellschaft, in der es lebt. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie Globalisierung, Verlagerung von Produktion, Auswirkungen der überstürzten Einheit, defizitäre Bildungspolitik, mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf, der vermehrte Medienkonsum und vor allem die verfehlte Integrationspolitik werden ausgeblendet.
Beruflicher Erfolg wird von Sarrazin als nur vom IQ abhängig dargestellt. Ein hoher IQ sorgt bei Sarrazin automatisch für Erfolg und hohes Einkommen. Pech für mich (IQ 130), dass das so nicht stimmt. Sarrazin übersieht, dass gerade Hochbegabte in dieser Gesellschaft oft in Schule und Beruf nicht erfolgreich sind. Er behauptet außerdem, dass intelligente Kinder der Unterschicht aufsteigen, während „dümmere“ Kinder der höheren Schichten absteigen. Das stimmt nun leider ebenfalls überhaupt nicht. „Dumme, faule“ Kinder der höheren Schichten bekommen Nachhilfe, werden notfalls im Internat durchs Abitur gebracht und kommen durch den heimischen Familienbetrieb oder durch Beziehungen trotzdem an einen hochdotierten Job. Auf der anderen Seite haben Arbeiterkinder, die es irgendwie trotz aller Widerstände aus eigener Kraft auf die Universität geschafft haben, danach schlechtere Berufsaussichten, weil ihnen die Beziehungen und der richtige Stallgeruch fehlen.
Sarrazin behandelt, ohne sich um Gegenbeweise von Experten zu kümmern, seine Behauptungen als Tatsachen und nimmt sie als Basis seiner Modellrechnungen. Dabei macht sich bemerkbar, dass er Volkswirtschaftler ist. Wie alle Volkswirtschaftler erarbeitet er Modellrechnungen, indem er vorab einige Parameter ausschließt. So ergeben sich schlüssige Modelle, die nur den kleinen Fehler haben, in der Realität nicht zu funktionieren, weil die so schön ausgeschlossenen unbequemen Parameter im wahren Leben leider vorhanden sind.
Mit der Lebenswirklichkeit hat Sarrazin ganz allgemein offensichtlich wenig am Hut, und auch genaues Zuhören ist seine Sache nicht. Von den geführten Gesprächen, z.B. mit dem Bürgermeister des Berliner Problembezirks Neukölln, Buschkowsky, nimmt er nur die Informationen auf, die in sein krudes Weltbild passen und zeigt sich allen anderen Fakten gegenüber „beratungsresistent“ (Buschkowsky im SPIEGEL 36/2010).
Sarrazin teilt die Einwanderer in Gruppen ein und macht an der ethnischen Abstammung den Grad der Integration fest. Wie schon zuvor, bezieht er auch hier die Rahmenbedingungen nicht ein. Er unterwirft z.B. Aussiedlern und Afrikanern den gleichen Kriterien, obwohl gerade diese Gruppen sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen haben. Während Aussiedler als Deutsche gelten, Wohnungen und Sprachkurse finanziert bekommen, arbeiten dürfen und den vollen Sozialhilfesatz erhalten, kommen Afrikaner meist als Flüchtlinge, die in Heimen kaserniert werden, für die keine Sprachkurse finanziert werden, die nur einen reduzierten Sozialhilfesatz erhalten, nicht arbeiten dürfen, deren Aufenthaltsstatus jahrelang ungeklärt ist und die nicht einmal den zugewiesenen Landkreis verlassen dürfen. Eine Integration wird so schon per Gesetz unmöglich gemacht.
Sarrazin beklagt die mangelnde sprachliche Qualifikation Auszubildender, ohne auf die Versäumnisse in der Bildungspolitik näher einzugehen. Im Gegenteil, er ist stolz darauf, mehr Lehrerstellen in Berlin verhindert zu haben. Auch die Abschaffung der Vorklassen und die Streichung von Sprachunterricht gehen auf sein Konto als Finanzsenator.
Sarrazin behauptet, die „gemessenen Indikatoren des Sozialverhaltens“ seien „allesamt einkommensunabhängig“. Eine gesunde Ernährung kostet aber Geld, genau wie eine Freizeitgestaltung ohne Fernseher, wie die Mitgliedschaft in einem Sportverein, wie der Besuch eines der wenigen noch zur Verfügung stehenden Schwimmbäder, wie ein heutzutage unumgänglicher Internetanschluss, wie das Erlernen eines Instruments oder eine Chormitgliedschaft und wie der Kauf von Büchern. Dass Kinder „im Park oder auf dem Bolzplatz“ spielen, ist kaum noch möglich. Baulücken werden geschlossen, in den Parks sind Ballspiele verboten und Spielplätze werden aus Kostengründen abgebaut.
Sarrazins Lieblingsthemen tauchen in allen Kapiteln des Buches auf, so auch seine zynische These, dass nicht arm ist, wer von Hartz IV leben muss.
Das Grundproblem seiner Argumentation ist, dass er ein bestimmtes Bild von Hartz IV-Empfängern hat, das sich aus Extremfällen speist. Ihm ist nicht bewusst – oder es interessiert ihn nicht, – dass inzwischen auch die Mittelschicht vermehrt in den Hartz IV-Bezug abrutscht. Auch Akademiker sind bedroht, beispielsweise bei einer längeren Erkrankung oder weil ein befristetes Arbeitsverhältnis endet. Es gibt durchaus Hartz IV-Empfänger, die sich um ihre Kinder kümmern und diese fördern, die ehrenamtlich tätig sind, und die ihre Kompetenzen ausbauen, indem sie sich mit den Sozialgesetzen vertraut machen, um sich gegen die Inkompetenz der JobCenter wehren zu können. Aber für Sarrazin sind Hartz IV-Empfänger per se betroffen von „einem niedrigen Niveau allgemeiner und beruflicher Bildung, von Suchtverhalten und von persönlichen Defiziten unterschiedlichster Art“.
In Bezug auf Hartz IV-Empfänger betont Sarrazin immer wieder, man dürfe „das Individuum nicht grundsätzlich von der Verantwortung für sein Verhalten freisprechen.“ Schade, dass er diese Forderung nicht auch auf Banker und Manager ausdehnt, deren Verantwortungslosigkeit weitreichende Folgen hat.
Leistungen soll es nicht ohne Gegenleistungen geben, Ausnahmen sind nur Raub und Ererbtes (sic!). „Die meisten Menschen haben gesunde Instinkte und wollen für ihr Auskommen selbst sorgen, andererseits sind sie realistisch und eigennützig und auch nicht abgeneigt, jede Gelegenheit zu nutzen, die Leistung ohne Gegenleistung verspricht.“ Das hat Sarrazin ja selbst gerade sehr anschaulich bewiesen. 1000€ zusätzlich (!) im Monat, ohne die geringste Gegenleistung erbringen zu müssen, das fände er bei anderen höchst unmoralisch. Wie praktisch, dass seine Postulate nicht für ihn selbst gelten!
Dabei liebt er Arbeit doch so sehr: „die Sperrigkeit und Unbequemlichkeit des im Moment gerade Ungeliebten, die mit jeder Arbeit verbunden sind, und deren erfolgreiche Überwindung durch Willenskraft und Anstrengung ist ja die eigentliche Quelle der persönlichen Befriedigung.“ Das mag für jemanden in seiner Position zutreffen. Aber was würde beispielsweise eine Schlecker-Angestellte dazu sagen?
Der Sarrazinsche Zynismus schlägt sich in seinen Vorschlägen, die Arbeitsaufnahme zu erzwingen, nieder: 1. Absenkung der Grundsicherung (Die damit so weit unter dem Existenzminimum läge, dass die Empfänger sicherlich nicht mehr arbeitsfähig wären); 2. Änderung der Anrechnungsvorschriften (leider führt er das nicht weiter aus); 3. Erwerbsfähige Menschen erhalten Leistungen nur noch gegen eine verpflichtende Gegenleistung (Also Zwangsarbeit. Und wer stellt die Erwerbsfähigkeit fest? Wie bisher die gleiche Behörde, die auch die Leistungen erbringt? Da wird es sicherlich, wie schon jetzt, massenhafte Wunderheilungen geben!).
Und wieder zeigt sich, wie gut Sarrazin rechnen kann: Eine 30%ige (!) Absenkung des Regelsatzes für erwerbsfähige Mitglieder einer Bedarfsgemeinschaft berge nicht die Gefahr, dass die Bedarfsgemeinschaft in Not gerate. In Not geraten ist man schon mit dem Hartz IV-Bezug an sich, erst recht aber mit noch fast einem Drittel weniger. Schade, dass Herr Sarrazin so viel Geld eingesackt hat, dass er nie am eigenen Leib erfahren wird, wie sich seine Überzeugungen für diejenigen anfühlen, die nicht sein finanzielles Polster haben.
Sarrazin kritisiert die Integrationsstatistiken, denn es fehlen „Aussagen zur unterschiedlichen Fruchtbarkeit der verschiedenen Migrantengruppen und den damit verbundenen demografischen Implikationen“. Dann macht es ja auch nichts, wenn man, wie Sarrazin, einfach eine Grundannahme trifft, mit der man die Statistik dann so hindrehen kann, dass der Anteil der muslimischen Migranten nicht mehr bei 4 Millionen, sondern plötzlich bei 6 – 7 Millionen liegt. Die vermehren sich halt schnell, sogar auf dem Papier.
Für Sarrazin sind Muslime natürlich an ihrer Misere allein schuld. Dass sie sich „räumlich abgrenzen“, liegt selbstverständlich nicht an der Politik, die das durch Wohnungszuweisungen verursacht hat. Dass sie Opfer rassistischer Angriffe werden, liegt nur daran, dass sich die Frauen „optisch“ abgrenzen, also Kopftuch tragen. Und ihre mangelnden Erfolge im Beschäftigungssystem haben nichts mit Diskriminierung zu tun, denn Migrantengruppen, die „eher noch fremdartiger aussehen“, wie Inder und Asiaten, schneiden angeblich besser ab.
Sarrazin bringt seitenlang Zahlenmaterial ins Spiel, das seine Thesen, die Migranten würden nur von Sozialleistungen leben, angeblich untermauern soll. Allerdings muss er kurz danach einräumen, dass seine Zahlen nicht aussagekräftig sind, denn „die Statistik der Bundesagentur für Arbeit enthält also weder eine direkte noch eine indirekte Information zum Gewicht der muslimischen Migranten bei den Beziehern von Transfereinkommen.“ In Klartext: Sarrazins Behauptungen haben keinerlei nachweisbare Grundlage.
Wie sehr Sarrazin sich immer wieder selbst widerspricht, zeigt sich auch in der Kopftuchdiskussion. Einerseits hat er den Ausspruch getan, er wolle keine „Produktion“ von Kopftuchmädchen, andererseits stellt er fest: „Die Mädchen mit den strengsten Kopftüchern entstammen den religiös orthodoxen Familien und sind meist recht gebildet.“ Wie bitte? Niedriger IQ und unterdrückt, aber trotzdem gebildet? Während türkische Mädchen auch Kopftuch tragen, „aber bauchfrei gehen und gepierct sind“ (??? Ich habe noch nie ein Mädchen gesehen, dass gleichzeitig Kopftuch und bauchfreies Top trägt!), von der Hauptschule kommen und als „blöd“ gelten. Ist das Kopftuch also doch nicht automatisch ein Indikator für mangelnde Bildung? Dafür vielleicht der sichtbare Bauchnabel? Unsinnig ist auch seine Aussage, die „Übergänge vom Kopftuch über den Schleier zur Burka“ seien „gleitend“. Die unterschiedlichen Formen der Verschleierung kommen aus unterschiedlichen islamischen Regionen und stellen kein Stufenmodell dar.
Immer wieder setzt Sarrazin seine bürgerliche Herkunft und die Sitten seiner Vorfahren als Maßstab. Natürlich, ohne darauf einzugehen, dass er einer Einwandererfamilie entstammt. Lieber Herr Sarrazin, wir leben nicht mehr im 19. Jahrhundert, nicht jedes Mädchen bringt eine Mitgift mit, die damaligen Frauen haben bestimmt nicht immer freiwillig 4 – 7 Kinder bekommen und Scheidungen sind mir zur Not lieber als arrangierte, von wirtschaftlichen und politischen Interessen getragene (Zwangs-)Ehen. Dass auch Arme heiraten können, empfinde ich als Fortschritt, ebenso wie die verringerte Kindersterblichkeit.
Sarrazin hat etwas gegen die Autonomie der Frauen, sich für einen anderen Lebensentwurf als den einer Mutter zu entscheiden und gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften. All das passt nicht in sein Bild einer erstrebenswerten Gesellschaft, das fest im 19. Jahrhundert verortet ist.
Abschließend macht Sarrazin sein Ziel noch einmal unmissverständlich klar: „Wer aber vom Staat alimentiert wird, soll nicht dazu verführt werden, diese Unterstützung durch Kinder zu erhöhen.“ Worauf das hinausläuft, wurde in diesem Land schon einmal betrieben: Zwangssterilisation.
Und auch sein Vorschlag, wie man eine höhere Geburtenrate bei Akademikerinnen erreichen kann, ist nicht neu: Gebärprämie. Wollen wir nicht auch das Mutterkreuz wieder einführen?
Denn auch ideologisch macht Sarrazin einen jahrzehnteweiten Rückschritt, wenn er die Erhaltung der Identität des deutschen Volkes beschwört.
Soll man ihn deshalb nun aus der SPD ausschließen? Nein. Denn damit würde man ihn und seine kruden Ansichten ernst nehmen. Die Ansichten eines zutiefst verängstigten und lebensfernen Menschen, der ein rassistisches und antiquiertes Weltbild hat, sich den Sozialdarwinismus zurückwünscht, seine Familiengeschichte als Verdienst auffasst und völlig realitätsfern ist. Lasst ihn in die Bedeutungslosigkeit versinken. Denn er hat weder eine Analyse, noch vernünftige Lösungsansätze zu bieten.
Lest lieber das Buch von Kirsten Heisig und diskutiert deren von praktischer Erfahrung gespeisten Thesen. Setzt euch mit ihren Ideen und deren Umsetzung auseinander. Diskutiert die von Heinz Buschkowsky vorgeschlagenen Maßnahmen. Aber verzichtet auf eine Diskussion der rückwärtsgewandten Thesen Sarrazins. Sie bringen uns nicht weiter.

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Drachensaat
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135 Bibliotheken, 6 Leser, 0 Gruppen, 20 Rezensionen

gesellschaft, medien, humor, entführung, experiment

Drachensaat

Jan Weiler
Fester Einband: 397 Seiten
Erschienen bei Kindler, 27.08.2008
ISBN 9783463405391
Genre: Gegenwartsliteratur

Rezension:

Ich war von diesem Buch total enttäuscht. "Maria" und "Antonio" waren witzig, aber bei diesem Buch hatte ich das Gefühl, der Autor hat keine Ahnung, welche Art Buch er schreiben will. Schade, die Grundidee fand ich gut.

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