Wer oder was begleitet uns durch das Leben, nicht so einfach nebenher, sondern auf uns beeinflussend, uns lehrend? Es sind meist Menschen, erstaunliche Personen und für viele ist es die Kunst. Verfällt man letzterer, erscheint es anderen wie eine Zuflucht. Aber warum nicht? Wenn die reale Welt nur Enttäuschungen bereithält. In Ulla Hahns neuen Roman „Aufbruch“ erzählt die Autorin die Geschichte von Hilla Palm weiter, die in der Literatur eine Zuflucht sucht, aber auch ihren ganz eigenen Weg findet.
LEBEN IN/MIT BÜCHERN
Hildegard Palm, genannt Hilla, schafft den stets ersehnten Sprung auf das Gymnasium. Obwohl ihre Eltern ein einfaches Dasein ausfüllen. Ihr Vater arbeitet in der Fabrik, die Mutter putzt ab und an. Aber Hilla ist anders. Sie mag die Herausforderung, sie mag die Bücher, die die Eltern skeptisch betrachten, dich sich in den Regalen stapeln, ihr eine andere Welt zeigen, für sie Zuflucht vor dem Alltag ist. Ob die Klassiker mit den großen Namen oder die Gegenwartsliteratur.
Die Aufnahmeprüfung hat Hilla locker bestanden. Und auch der Unterricht bereitet ihr kaum Problem. Bis auf Mathe. Wörter sind anders als die immer so korrekten Zahlen. Mit ihrem Bruder Bertram tauscht sie sich dagegen ganze lateinische Sätze aus. Er ist der einzige, dem sich Hilla in gewisser Form anvertraut und der von der Beziehung zu Godehard, einem angehenden Geologen und Sohn eines reichen Fabrikanten, weiß. Doch die Standesunterschiede zwischen Hilla aus einfachem Haus und Godehard mit reichen Eltern zwingt einen Keil in die Beziehung, die schließlich auseinanderbricht. Vor allem da sich die junge Frau nicht verbiegen lassen will, ihren eigenen Weg gehen und ihre eigene Geschichte selbst schreiben will, wie es ihr ehemaliger Lehrer Rosenbaum erklärte. Immer wieder reibt sich Hilla an Konventionen des Standes, die ihr immer wieder eine Rolle in einer eher unteren Schicht zugestehen wollen. So wird eine Auseinandersetzung mit der Gattin eines Betriebsdirektors um die Nachhilfe ihrer beiden Söhne zur Geduldsprobe, muss Hilla viel Fantasie aufbringen, um ihren Freundinnen aus der Klassen ebenbürtig zu sein, als es um Reisen in den Sommerferien geht.
Nach einer Feier geschieht das Unglaubliche. Hilla wird auf dem Nachhauseweg von mehreren Männern vergewaltigt. Das schreckliche Geschehen bleibt ihr Geheimnis, das sie mit dem beginnenden Schreiben und den Erfinden von eigenen Welten vergessen lassen will. Erst mit dem Studium in Köln und die eher wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Literatur lässt sie die damaligen Geschehnisse so weit es geht hinter sich. Mit der weiteren Abnabelung vom Elternhaus und der Provinz gewinnt sie an Selbstbewusstsein und geht ihren eigenen Weg.
WÖRTER SCHAFFEN WELT
„Aufbruch“ knüpft sich nahezu nahtlos an den Roman „Das verborgene Wort“, in dem man Hillas Leidenschaft für Bücher und Wörter und ihr Gefühl, einen anderen Weg zu gehen, zum ersten Mal kennenlernt. In dem neuen Buch von Ulla Hahn stehen nun die weitere Jahren der Heldin im Mittelpunkt. Zwischen Gymnasiumsbesuch und Beginn des Studiums entwickelt sich Hilla weiter. Kritisch kommentiert sie die Enge der Provinz, die noch immer herrschenden Standesunterschiede, die Arbeit in den Fabriken.
Der Roman erzählt deshalb nicht nur die Entwicklung einer jungen Frau, ihre Suche nach einem eigenen Weg, einem anderen Leben, als das von den Eltern vorhergesehene, er spiegelt auch die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Geschehnisse in den 60er Jahre wider. Nicht nur die Ermordung John F. Kennedys und die Reaktionen in Deutschland, auch die Diskussionen um die Auschwitz-Prozesse und die mangelhafte Integration von Migranten werden in die Handlung eingebettet. Und sowohl der erste Supermarkt im Ort als auch die Beatles finden sich wieder. So entsteht ein komplexes Abbild jener Zeit, das nicht nur erzählt, sondern auch kommentiert wird.
Großes Thema ist – wie im Vorgänger-Band – erneut die Literatur, Hillas Faszination und Freude an jedem geschriebenen Wort. Sie wandelt sich indes: vom unreflektierten „Verschlingen“ von Romanen, Lyrik und Erzählungen zur persönlichen Auseinandersetzung und Interpretation der Texte. Wie Hahn diese Liebe zum Wort beschreibt, zeigt ihre eigene Liebe zur Sprache. Erneut lässt sie Hilla in einer ungemein poetischen, zugleich philosophischen Sprache erzählen, ohne im Vergleich zu den großen Themen wie die Kunst die kleinen Dinge des Alltags, die Gespräche mit der Familie, Freunden und Lehrern nicht zu vergessen. Gerade in diesen Dialogen offenbart sich sowohl Weisheit als auch Humor und Menschlichkeit. Herrlich wie sie die Begeisterung für spezielle Steine (Wutstein, Wunschstein ….) in die Verbindung zur Familie und zu eigenen Gefühlen integriert.
Und während jene traurige Szene des Missbrauchs eine unglaubliche Wucht überträgt, diese Gewalt, dieses Entsetzen nicht in der Tat an sich, sondern im darauf entwickelnden Körpergefühl und des verzweifelnden Nachdenkens liegt, setzt Hahn an zahlreichen Stellen ironische Szenen als Gegenpol, wie jene, als sie mit dem hart verdienten Geld als Nachhilfelehrerin sich Pommes kauft und die gleichzeitig erhaltene Kündigung zerreißt. Denn immer wieder erinnert sich Hilla an eine besondere Lehre eines Lehrers: Lachen zeigt die wahre Kraft.
Wer den Roman liest, wird ihn ebenfalls „verschlingen“, mit jedem Wort, mit dem Satz, mit jedem Kapitel. Am Ende erinnert man sich an einen Satz, den Hilla dem katholischen Pfarrer Kreuzkamp sagte: Sinn und Form fallen im Kunstwerk zusammen. Das Buch ist Literatur in Höchstform, das nicht nur unterhält, einen mit sich zieht, sondern auch unglaublich viel an Weisheit und Lebensmut und Freude an der Poesie vermittelt, die hier neben Hilla die Hauptrolle spielt.
DIE AUTORIN
Ulla Hahn, im April 1946 in Brachthausen geboren, studierte Germanistik, Soziologie und Geschichte. Nach ihrer Promotion arbeitete sie als Lehrbeauftragte an den Universitäten Hamburg, Oldenburg und Bremen, später als Redakteurin für Literatur beim Rundfunk in Bremen. 1981 erschien ihr erster Lyrikband mit dem Titel „Herz über Kopf“. Für ihr weiteres lyrisches Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet, so unter anderem mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis. Zehn Jahre nach ihrem Romandebüt „Ein Mann im Haus“ erschien ihr Roman „Das verborgene Wort“, für den sie den Deutschen Bücherpreis bekam, der 2002 zum ersten Mal vergeben wurde. Das Buch erlebte zudem mit dem Streifen „Teufelsbraten“ eine Verfilmung. Ulla Hahn lebt heute als Autorin in Hamburg, gemeinsam mit ihren Mann Klaus von Dohnanyi, dem früheren Bürgermeister von Hamburg und Minister für Bildung und Wissenschaft.