Lesekreis "Führerlos" von Wolfgang Brenner

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Hier diskutieren wir mit Wolfgang Brenner (12 Beiträge)

Bergey
 
Bergey 29.08.2008, 09:22 Uhr
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WolfgangBrenner
WolfgangBrenner 14.09.2008, 18:32 Uhr

Lieber Buchwolf,

Einfluss auf die Umschlagsgestaltung hat man als Autor nur, indem man, wenn es einen Entwurf gibt, nach seiner Meinung gefragt wird - das Cover ist doch ein zu starkes Verkaufsargument, da lässt der Verlag sich ungern von Anfang an reinreden. Allerdings habe ich auch schon ein Cover rundweg abgelehnt, weil es mit dem Buch nun gar nichts zu tun hatte. Bei "Führerlos" hatte ich keine Probleme, ich fand diese Lösung sogar sehr gut (wobei ich nicht mehr weiß, ob es die erste war). Dass ein Hakenkreuz zu sehen ist, lässt sich bei diesem Thema nun kaum vermeiden. Meiner Meinung nach hat das Motiv durch die leere Rednertribüne aber schon so einen starken Bruch in sich, dass es gar nicht erst zu Missverständnissen kommen kann. Dass man trotzdem mit einen Cover, auf dem ein Hakenkreuz zu sehen ist, in der Öffentlichkeit Probleme hat, kann ich gut nachvollziehen. Keiner möchte ja für einen Neonazi gehalten werden ...

Beste Grüße
Wolfgang Brenner

 

BuchWolf
BuchWolf 14.09.2008, 16:15 Uhr

Haben Sie als Autor eigentlich Einfluss auf die Umschlagsgestaltung gehabt? Das Cover wirkt ja recht stimmungsvoll bedrohlich. Ich muss aber sagen, dass ich die Hakenkreuze in der Form nicht unproblematisch finde. Mit Sicherheit erhöht das die Aufmerksamkeit in den Buchläden. Im Zug habe ich den Schutzumschlag aber lieber in der Tasche gelassen...

 

moshingmaid
moshingmaid 12.09.2008, 12:48 Uhr

Danke für die flotte Antwort!

 

WolfgangBrenner
WolfgangBrenner 12.09.2008, 12:37 Uhr

Liebe moshingmaid,

nein, das sind für mich ganz normale Wörter. Baude ist eine etwas heruntergekommene Örtlichkeit (Bude), in Berlin spricht man von Kellerbaude, wenn man eine Bierkneipe im Souterrain meint.
Schurigeln bedeutet, jemanden mit Zurechtweisungen und Schikanen zu quälen.

Beste Grüße
Wolfgang Brenner

 

moshingmaid
moshingmaid 11.09.2008, 21:18 Uhr

Hallo Herr Brenner!

Ich stolperte beim Lesen über Wörter wie "Baude" oder "schurigeln". Hat es eine besondere Bewandtnis, warum sie diese Wörter verwenden?

 

WolfgangBrenner
WolfgangBrenner 09.09.2008, 17:27 Uhr

Lieber BuchWolf,

Sie haben Recht: Ich steige in die Köpfe und Herzen der Figuren. Es ist eben ein Roman, auch wenn "Führerlos" sich aus den genannten Gründen manchmal wie ein Geschichtsbuch gibt. In der Literatur gibt es eine ganze Menge Beispiele für dieses "Rollenspiel", man muss eben in viele Identitäten schlüpfen, um eine Geschichte erzählen zu können. Für einen Romanautor sind Innenperspektiven eigentlich ganz normal; es fällt nur auf, wenn es keine fiktiven Figuren sind, deren Gefühle wir erfahren, sondern Menschen der Realgeschichte. Ich habe das schon oft getan und finde es immer noch reizvoll.
Ich behaupte ja nicht: So war es. Ich versuche nur, ein paar Möglichkeiten durchzuspielen - und so etwas mehr über die Wirklichkeit und ihre Protagonisten zu erfahren.
Natürlich würde ein Historiker niemals eine solche Innenperspektive wählen - obwohl es in der Geschichtswissenschaft mittlerweile Tendenzen gibt, ein Thema aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und auch zu fragen: Was wäre, wenn alles anders gekommen wäre?
Aber konsequent kann eben nur ein Romanautor diesen Weg gehen - vielleicht bin ich deshalb auch Romanautor geworden und kein Historiker (was wirklich mal mein Berufswunsch war).
Auch in Hinblick auf Richard Harris und "Vaterland" (ein Buch, das ich sehr mag, im Gegensatz zu der Verfilmung) liegen Sie richtig: Harris hat, was seine Figuren angeht, mehr Freiheit beim Erzählen gehabt (nicht so sehr, was die geschichtlichen Hintergründe betrifft, denn da ist einfach mehr passiert, wenn seine Geschichte beginnt). Auch wenn das für Sie komisch klingen mag: Aber ich mag diese totale Freiheit beim Erzählen nicht. Ich halte mich gerne an vorgegebene Konstallationen - deshalb ist die Situation im November 1939, als meine Geschichte beginnt, auch sehr authentisch: Bis auf Hitlers Tod war alles so, wie ich es beschreibe. Nur danach läuft es anders. Aber genau das war es, was mich gereizt hat. Ich habe die Versuchsanordnung aus der Wirklichkeit übernommen und einen winzigen Baustein verändert. Dann habe ich die Sache laufen lassen. Es war wie bei einem Experiment in der Physik. Ich wolte sehen: Was wäre denn passiert, wenn sie ohne Hitler hätten weitermachen müssen? Das war für mich sehr spannend. Ich glaube, mit diesem Experiment mehr über den Nationalsozialismus und vielleicht auch über die Menschen gelernt zu haben.

Herzliche Grüße
Wolfgang Brenner

 

BuchWolf
BuchWolf 09.09.2008, 14:55 Uhr

Lieber Herr Brenner,

Ihre Erläuterungen zur Erzählperspektive leuchten mir ein. Nur beschreiben sie doch auch über weite Strecken, was die Personen genau gedacht und gefühlt haben. Das ist natürlich eine Perspektive, die ein Historiker eher nicht wählen würde. Warum haben sie sich denn teilweise für eine so unmittelbare Erzählweise entschieden?

Ihr Vergleich mit Robert Harris stimmt natürlich, nur habe ich das Gefühl, dass eher Harris mehr Freiheiten hatte, als Sie. Schließlich gab es die Personen, die Sie beschreiben ja wirklich, während in Vaterland nur fiktive Personen vorkamen. Harris setzt mit einem größeren Abstand zu den tatsächlichen Geschehnissen an, während ihre Handlung unmittelbar an historische Ereignisse anknüpfen muss. Haben sie sich da manchmal nicht etwas eingeengt gefühlt? Ich kann mir vorstellen, dass es leichter ist, Personen zu erschaffen, als solche - teils bizarre - Persönlichkeiten zum Leben zu erwecken.
Mir besten Grüßen!

 

WolfgangBrenner
WolfgangBrenner 09.09.2008, 13:57 Uhr

Hallo, liebe Erstleser,

zwei Fragen wurden gestern gestellt.
Fangen wir an mit der distanzierten Erzählperspektive, nach der sunlight fragt. Es freut mich, dass meine Romanfiguren als glaubwürdig empfunden werden - obwohl sie ja nun alles andere als sympathisch sind (es kommen später welche dazu, die ich persönlich als sympathisch empfinde).
Dass ich trotzdem aus einer gewissen Distanz heraus erzähle, hat damit zu tun, dass es hier ja um Vorgänge geht, die erst einmal recht unglaubwürdig erscheinen: Hitler ist einem Attentat zum Opfer gefallen, seine Nachfolger versuchen den Nationalsozialismus zu reformieren usw. Jeder weiß, dass dem nicht so war. Um aber den Leser auf meine Linie zu bringen, musste ich so tun, als würde ich wie ein Geschichtsschreiber diese Zeit nacherzählen. Ich stülpe mir also die Rolle des objektiven Berichterstatters über - und die ist halt sehr distanziert, wie in Geschichtsbüchern eben. Sobald der Leser diese Voraussetzung mitgemacht hat, kann ich auch näher an die Personen ran. Das passiert dann in Zusammenhang mit der Familie Morbach, deren Schicksal ich im zweiten Teil schildere. Im Übrigen bin ich mir gar nicht so sicher, ob man den Personen eines Romans nur dann nahe kommt, wenn der Autor hautnah erzählt. Mir liegt als Leser mehr die unterkühlte Erzählweise, ich gehe der Geschichte dann viel eher auf den Leim. Und auch als Autor ist man selbst immer sein liebster Leser - oder anders gesagt: Ein Autor schreibt immer das, was er selbst am liebsten lesen würde.

Zur Frage von dubh: Ich habe mich dem Thema als Journalist genähert, indem ich Filme darüber gemacht habe. Gleichzeitig habe ich viel gelesen, also die Sachbuchliteratur dazu. Dabei drängte sich irgendwann die Frage auf: Hätte es nicht anders kommen können, hätte es nicht auch gut ausgehen können? Ich glaube, das ist eine Frage, die sich jeder angesichts des Leids, das die Nazis in die Welt gebracht haben, irgendwann einmal stellt.
Da ich aber in erster Linie Romanautor bin, habe ich mir überlegt, wie man eine solche "Was wäre, wenn"-Geschichte erzählen könnte. Dabei habe ich auch Romane gelesen, die ähnlich vorgehen. Am meisten hat mich dabei Richard Harris mit seinem "Vaterland" beeindruckt. Ich fand es sehr mutig, den Nationalsozialismus über das Kriegsende hinaus weiterzuerzählen.
Bei mir ist die Sache ja etwas anders gelagert. Meine Geschichte beginnt schon recht früh, nämlich 1939. Ich lasse Hitler umkommen, bevor er überhaupt dazu kommen konnte, ganz Europa mit seinem Krieg zu überziehen. Dadurch hatte ich mehr Spielraum. Die schlimmsten Sachen waren eben noch nicht passiert.

Danke für die Fragen und Gruß an alle Erstleser
Wolfgang Brenner

 

dubh
dubh 08.09.2008, 21:19 Uhr

Hallo Herr Brenner,

mich würde interessieren, wie Sie auf einen Roman mit einer solchen Thematik gekommen sind? Es gibt ja nicht besonders viele Bücher in diese Richtung - auf Anhieb würden mir Stephen Fry, Robert Harris und Philip K. Dick einfallen, die ähnliche Ideen verfasst haben.
Haben Sie rein wissenschaftich recherchiert oder auch solche Bücher gelesen, bevor Sie mit Ihrem Roman begonnen haben?

Viele Grüße
dubh

 

sunlight
sunlight 08.09.2008, 11:05 Uhr

Hallo Herr Brenner,

jetzt muss ich Sie wirklich mal fragen, warum Sie diese Erzählweise gewählt haben. Für mich berichtet ein abgeklärter Beobachter und damit gehen Emotionen verloren, die uns als Leser näher an die sehr gute Story bringen würden.

Andererseits erlebe ich die Figuren von ihren Handlungen her als so glaubwürdig, dass Sie sich sicher intensiv mit der Gefühlswelt der realen Personen auseinander gesetzt haben.

Warum werden wir auf Distanz gehalten?

 
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Erstellt von Bergey am 27.08.2008
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