| Hauptpreis |
Mr. Rail, bei München |
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Alles was Du siehst von Stefan Beuse
Ich werfe einen Blick zurück ins Wohnzimmer, fahre mit der Hand an der Außenseite des Buches entlang, drehe es und erkenne das Bild auf dem Umschlag, schlage es langsam auf, taste die erste Seite mit meinen Augen ab, verschließe mich und widerstehe dem einsetzenden Lesereflex nicht, halte mich am nicht existierenden roten Lesefadenbändchen fest und lasse mich fallen - tauche
in die Geschichte ein.
Blätter rauschen an mir vorbei - auf Seite fünf verliert die Realität um mich herum die erste Dimension - auf Seite dreißig schrumpft meine Wahrnehmung auf die Tunnelblickgröße eines Süchtigen - auf Seite siebzig beginne ich die Menschen zu hören, an deren Geschichte ich teilhabe - auf Seite einhundert halte ich den roten Faden nur noch lose in meiner klammen Hand - auf Seite einhundertfünfzig kämpfe ich gegen den Strudel an, beginne Konzentrationsübungen um in meiner Welt zu bleiben - auf Seite einhundertsechzig versagen meine Sinne, mein Pulsschlag erhöht sich, ich treibe - auf Seite einhundertvierundsiebzig wird es dunkel - jetzt kommen die Bilder....
Da ist Kasey Sierra - eine Schönheit, die es nicht erträgt, wahrgenommen zu werden und in Randal jemanden gefunden hat, der sie verkennt. Sie hört eine Stimme in ihrem Kopf und findet Trost unter einem Baum, der mit Kameradeckeln und Tränen wirft.
Ich fühle mit Professor Nunn, der auf der Suche nach seiner Wahrheit seine einzige Tochter in den Tiefen des Meeres verliert und werde Zeuge einer atemberaubenden Suche nach dem Mädchen.
Ich sehe Ned in seinem Taucheranzug auf einem Baum sitzend, mit einer Kamera die Schönheit des Augenblicks einfangend, da er sich der Frau seines Lebens nicht anders nähern kann.
Ich leide mit Aaron und Lia Singer, die sich verlieren obwohl sie so gut aufeinander aufgepasst haben - und bewundere Lia dafür, dass sie Bilder lesen kann, besonders das Eine mit dem Mädchen, dessen Hände man nicht mehr sieht.
Und ich werde zu Nathan, dem Ghostwriter, der seine Identität verleugnet um anderen Autoren zu einem unverhofften Comeback zu verhelfen. Aus seinem Blickwinkel erlebe ich einen geheimnisvollen Auftrag ohne Auftraggeber, begebe mich auf eine Reise ohne Zeit und Raum. Ich folge Nathan - er nimmt mich bei meiner freien Hand und reicht mir noch mehr Lesefadenbändchen, die er verknüpft und verdreht, bis ich das Gefühl habe, nicht mehr folgen zu können.
Die Bilder fließen zusammen - der Blick öffnet sich und die Schranken der Vorstellung fallen. Eine geheimnisvolle Kraft vereint alle Ebenen und Personen - die Dimension des Augenblicks verliert ihren flüchtigen Charakter - sind alle unsere Erlebnisse und Gefühle die Summe einer größeren Gleichung - einer nie ermessenen Dimension?
Ich bin gezwungen aufzutauchen - zu atmen - das Buch zu verlassen und fühle mich allein. Aber nur für einen Moment - ich habe die Bilder, die nie vergehen. Sie gehören zu mir und erweitern mein Selbst um die Dimension dieses Buches.
Herr Beuse - Du Stefan - Sie Schriftsteller, ich danke Ihnen für diese Bewusstseinserweiterung und den Blick über den Tellerrand meiner eigenen Denkdimensionen.
Kein "Kann" man lesen - kein "Sollte" man lesen - Nein - ein klares "Muss".
"Alles was Du siehst" war für einen wichtigen Zeitpunkt in meinem Leben "Alles was ich sah".
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Begründung der Jury:
"Der Rezensent nimmt sich viel zu wichtig, er nimmt alles persönlich, ist gefühlig und pathetisch und findet seine Lesererfahrung mindestens so mitteilenswert, wie den Inhalt des Buches. Super! Genauso muss ein moderner Kritiker sein, alles andere ist korrekt und öde."
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| Zeitgenössische Literatur |
yoko, Berlin |
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Die große Welt von Colum McCann
Was am Ende bleibt, ist das Leben selbst, in dem jeder gefangen ist und man nur sich selbst befreien kann. Es steht in keinem Lehrbuch dieser Welt geschrieben, wie man das am besten macht. So balancieren wir alle auf unsere eigene Weise auf einem Seil, ständig bemüht, nicht herunterzufallen oder uns gar zu verletzen.
Dieses Streben nach dem Gleichgewicht ist das dominierende Thema des neuen Romans von Colum McCann „Die große Welt“. Inspiriert von einem Seilakrobaten in New York, der zwischen den beiden Türmen des World Trade Centers getänzelt ist, hat der irische Autor ein opulentes Werk über diejenigen geschrieben, die in dieser pulsierenden Stadt leben. Man könnte aber auch meinen, er hat über dich oder über mich geschrieben, so nah ist er an die Menschen herangegangen. Er erzählt die Geschichte von Corrigan, einen aufopferungswürdigen Iren, der seinen Sinn bei den Huren der Bronx findet. In seiner Wohnung dürfen sie sein Bad benutzen, um sich den nächsten Schuss zu setzen, um auf Toilette zu gehen oder um einfach kurz Ruhe zu haben, für wenige Minuten nur, bevor sie wieder ihren Körper verkaufen müssen. Der Ire ist für Tillie, die jahrelang schon anschaffen geht und deren Tochter Jazzlyn es ihr gleichtut, so etwas wie ein Heimathafen. Sie haben sich alle arrangiert, gehen Hand in Hand, doch das Schicksal schlägt genau dann zu, wenn man es am wenigsten erwartet. Während in der Bronx Polizisten Corrigans Wohnung stürmen, sitzt Claire in ihrem Appartment in der Park Avenue. Sie ist eine weitere Hauptperson in dem Roman und hat ihren einzigen Sohn dem Vietnamkrieg opfern müssen.
Einige Straßenzüge weiter tanzt der Akrobat in schwindelerregender Höhe, die Sonne scheint an einem Wochentag im Jahr 1974, und Claire wartet nervös auf ihre Weggenossinnen, die durch eine Anzeige zueinander gefunden haben, weil sie alle Mütter von verstorbenen Soldaten sind. Einzig eine Zigarette kann ihr für den Bruchteil weniger Minuten die tiefe Trauer, die sich schmerzend zwischen ihre Brust gesetzt hat, betäuben. „Sie nimmt einen weiteren tiefen Zug und behält den Rauch lange in der Lunge – sie hat irgendwo gehört, dass Zigaretten gut sind, wenn man traurig ist. Ein tiefer Zug und man vergisst zu weinen. Der Körper ist zu sehr mit dem Gift beschäftigt.“
Colum McCann wurde 1965 in Dublin geboren und lebt heute in New York. Schon in seinen Romanen „Der Tänzer“ und „Zoli“ bewies er seine Vielschichtigkeit und sein starkes Einfühlunsgvermögen. Er hat in seinem neuen Werk erneut wie eine fleißige und äußerst intelligente Spinne die einzelnen Schicksale, zwölf sind es an der Zahl, miteinander zu einem großen Netz an Geschichten gewoben, so dass man von einem Leben in das andere fällt. Dem Autor gelingt es dabei meisterhaft jedem einzelnen Protagonisten eine eigene Stimme zu geben. Er ist wahrlich ein Zauberer, der in die Seelen der verschiedensten Menschen schlüpft. Wenn man nicht schon als erfahrener McCann-Leser sein Talent kennen würde, käme man leicht auf die Idee, er hätte in den Köpfen und Herzen gesessen und hungrig alles aufgesogen als gäbe es keinen Morgen.
Dieser Roman, so lasst euch sagen, liebe Leser, berauscht einen mit seiner gewaltigen Intensität, vom ersten Buchstaben bis zum letzten Punkt. Ehe man sich versieht, wirbelt einen die Geschichte durch die Luft, durch die Zeit oder anders gesagt: Es ist ein fesselndes Vergnügen! Der Autor hält uns vor Augen, wieviel Macht Sprache haben kann. So ist es nicht verwunderlich, dass man zahlreiche Sätze am liebsten wie ein sauberes Wäschestück auf eine Leine hängen und sie nie abnehmen möchte, weil sich die Worte so wunderbar im Geist anfühlen. „Wir stolpern durch die Gegenwart dahin, und wir entziehen der Dunkelheit das Licht, damit es länger anhält.“ / „Familie ist wie Wasser, das sich an das erinnert, was es früher war, und an seinen Ursprung zurückkehren will.“ / „ Die große Welt dreht sich. Wir stolpern dahin. Das ist genug.“
Wie gut, dass in der großen Welt dort draußen vor unseren Fenstern ein Autor wie Colum McCann existiert und verhindert, dass uns schwindelig wird und wir das Gleichgewicht zu schnell verlieren.
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Begründung der Jury:
"Die Rezensentin hat sich in das Buch verliebt. Und wie alle Verliebten wird sie von der eigenen Begeisterung manchmal aus der Kurve geschleudert. Und das ist rührend und mitreissend und ich werde das Buch kaufen, weil ich auch mal wieder gern verliebt wäre."
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| Krimi/Thriller |
Rheinzwitter |
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Der Janusmann von Lee Child
Keine Lust auf gemächliche Häkelkrimis oder seifenoperngeschwängerte Frauenkrimis wie die von Frau Slaughter? Dann könnte der siebte Band in der Reihe um Jack Reacher das Richtige sein. Selbst Quereinsteiger finden sich ohne Vorkenntnisse schnell zurecht in der Schwarz-Weiß-Welt des ehemaligen Militärpolizisten, der durch die Lande zieht und den Bösen in die Fresse tritt. Wortwörtlich.
In "Der Janusmann" verstößt Einzelgänger Reacher diesmal gegen seine Prinzipien und lässt sich in eine verdeckte Ermittlung einspannen, wenn auch nur, um Rache zu nehmen an einem Mann, der Reacher in seiner aktiven Laufbahn in ein Trauma gestürzt hat. Jahre später bietet sich ihm in einem abgelegenen Haus an der Küste von Maine die Möglichkeit, den Totgeglaubten zur Strecke zu bringen - aber nicht, ohne vorher ein paar anderen fiesen Gestalten die Knochen zu brechen. Oder gleich das Genick.
Zu brutal? Gut, damit sollten gerade Slaughterfans keine Probleme haben, triefen ihre Geschichten doch vor Blut und Metzeleien. Auch Lee Child spart nicht mit Details: da werden Nasen zermanscht, Genicke gebrochen und Körper zerrissen, dass es Zartbesaiteten den Magen umdrehen könnte. Aber im Gegensatz zu Slaughter gaukelt Child keine Tiefe vor, wo keine ist, er nervt nicht mit Beziehungsmüll, um flachen Figuren vermeintlich Profil zu verleihen, und trotz der Macho-Attitüde erschreckt Child nicht mit einem reaktionären Frauenbild, der einem bei Slaughters Ausschuss immer wieder sauer aufstößt.
Childs Welt ist ganz einfach: Die Guten sind gut und die Bösen werden in den Staub getreten. Das ist grob, realitätsfern, das ist Männerphantasie (und die nicht weniger Frauen, wie ich erfahren habe), aber Childs Romane wollen auch nie mehr sein als sie sind - gradlinige, schnörkellose Thriller, Reißer im besten Sinn.
Schön, dass Child nebenbei auch sein Handwerk beherrscht: da ist keine Gefühlsregung zu viel oder am falschen Platz, klar und knapp wird erzählt, nur das Wesentliche, und die Ich-Perspektive, bei der der Leser nie mehr weiß als Reacher, trägt dazu bei, die Story spannend in Gang zu halten. Überflüssige Stimmungsmalerei und Seitenschinderei ist nicht sein Ding. Gott sei Dank.
Objektiv? Nein, gar nicht, objektive Rezensionen interessieren mich einen Scheißdreck. Und wer nach diesen Zeilen glaubt, ich benutze diese Rezension auch, um über Karin Slaughters Machwerke herzuziehen, liegt damit verflucht richtig. Solange Slaughters schlecht geschriebene Äquivalente zu Pilcher-Schmonzetten mit Krimi-Elementen in den Bestsellerlisten zu finden sind, während bessere Genrebücher missachtet werden, solange werde ich jede auch unpassende Gelegenheit nutzen, mich dazu auszukotzen, Polemik hin oder her.
Wie gut, dass Lee Childs Romane keine Verteidigung oder Werbung nötig haben, da sie Bestseller sind, sonst müsste ich jetzt die Löschtaste drücken.
So, jetzt werd ich mich für mein Geschreibsel selbst kasteien und um Einsicht bitten. Und mich bei Lee Child entschuldigen, dass ich seinen und Slaughters Namen in einem - langen - Atemzug genannt habe. Und ihm gleichzeitig vorwerfen, dass sein Sprachduktus auf mich abfärbt. Scheiße auch.
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Begründung der Jury:
"Eine durch und durch provokative, subjektive, polarisierende, sarkastische Rezension – und weil Rheinzwitter das offen zugibt, kann man sich daran erfreuen, zumal sie sprachlich sehr gelungen ist. Dass Rheinzwitter den "Sprachduktus" (sprich: die Kraftausdrücke) von Lee Child übernimmt, wäre nicht notwendig gewesen, unterstreicht aber die entschiedene Haltung der Rezension und passt entsprechend dazu. Gleiches gilt für die Seitenhiebe auf "Frau Slaughters" Krimis – nicht unbedingt notwendig, aber doch amüsant, vor allem der Verve wegen, mit der sie daherkommen. Mir gefällt auch, dass Rheinzwitter aus dem Roman, den er schätzt und ja bewerben will, nicht mehr macht, als er offenkundig sein möchte (nämlich ein geradliniger Thriller um Gut und Böse, ohne Tiefe), zugleich aber nachvollziehbar dessen Qualitäten beschreibt."
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| Romance/Fantasy |
Binea |
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Der Name dieses Buches ist ein Geheimnis von Pseudonymous Bosch
Pssst...
...komm mal ganz nah heran.
Na, neugierig geworden?
Bist du bereit? Ich glaube, deine Neugier habe ich bereits geweckt, nun muss ich aber noch wissen, ob du Geheimnisse für dich behalten kannst.
Kannst du?
Okay, dann bist du gemacht für dieses wundervolle Buch. Der Name des Buches und des Autors ist natürlich geheim und wird auch jetzt nicht verraten. Dennoch werde ich dir etwas anvertrauen und dir einen kleinen Einblick geben.
Es geht um die beiden Schüler Kassandra und Max-Ernest. Beide haben besondere Auffälligkeiten und eben diese haben die beiden zu einem Team werden lassen. Ein Team, was auf der Suche nach einem kleinen Kästchen in große Abenteuer stürzt. Sie wollen um jeden Preis wissen, wer die geheimnisvolle „Sinfonie der Düfte“ gestohlen hat. Was hat es mit dieser Sinfonie überhaupt auf sich, wer hat sie erstellt? Und vor allem, was steht im....
So, jetzt reicht es aber. Schließlich ist es ein Geheimnis und es ist wirklich schwer, so ein Geheimnis zu kennen. Für dich ist es nun aber sicher schlimm, dieses nicht zu kennen. Ich kann es dir aber im Jetzt und Hier nicht verraten, dazu bin ich einfach nicht berechtig. Wenn du den Mut hast, greife zu diesem geheimnisvollen roten Büchlein und mach es dir am besten mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke bequem. Aber sei auf der Hut, denn du wirst immer wieder direkt angesprochen. Außerdem warten neben Max-Ernest und Kassandra noch einige andere aufregende Persönlichkeiten, die für viel Wirbel sorgen werden.
Der Sog des Buches beginnt sofort auf der ersten Seite. Solltest du dich von den Warnungen nicht abschrecken lassen, hält er an bis zum wirklich unerwarteten, vor allem kreativen Ende. Doch bis dahin ist es ein aufregender Weg und Herr oder Frau Bosch machen jede Seite zu einem spannenden Vergnügen.
Na, immer noch nicht genug? Dann schau unter: www.geheimes-buch.de
Aber vergiss nicht, ich habe dich gewarnt!
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Begründung der Jury:
"Die Rezension von Binea hat eine originelle Form, die konkret auf das Buch zugeschnitten ist (Geheimnis, Leseransprache) und Lust aufs Lesen macht, gerade weil sie so wenig über den Inhalt verrät, sich auf ein paar wesentliche Informationen beschränkt. So umgeht sie die übliche Struktur – Inhaltsangabe plus Bewertung – und die damit verbundenen Gefahren Konformität, stilistische Unsicherheit, Überlänge, ohne ihren Leser zu verprellen: Sie hat etwas anderes zu bieten, und das sorgt für ausreichend Lesevergnügen. Nicht zu vergessen: Sie ist mutig, wagt etwas – und gewinnt aus meiner Sicht."
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| Sachbuch |
Sylvia Floetemeyer |
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Das große Wörterbuch der Kochkunst von Alexandre Dumas
Eine Unverschämtheit! Wie kann man den Namen Alexandre Dumas', des Schöpfers der unsterblichen drei Musketiere und des Grafen von Monte Christo, einfach für ein neues Kochbuch missbrauchen! Eine ältere Dame kochte vor Wut, als sie bei der Frankfurter Buchmesse 2002 am Stand des Wiener Mandelbaum Verlags den vermeintlichen Frevel entdeckte. Verlagschef Michael Baiculescu versuchte, die Frau zu beruhigen: „Aber Dumas hat das Buch geschrieben", erklärte er. „Das kann nicht sein, er ist tot", zürnte die Besucherin und stapfte wütend davon.
Tatsächlich brachte den großen Romancier in Deutschland, anders als in Frankreich, bis vor wenigen Jahren kaum jemand mit Kochkunst in Verbindung. Dass sich das mittlerweile geändert hat, ist dem Verleger-Ehepaar Veronika und Michael Baiculescu zu verdanken. Vor vier Jahren brachten sie Dumas' kulinarisches Vermächtnis in einer dreibändigen Ausgabe erstmals in deutscher Sprache heraus. Sein großes Wörterbuch der Kochkunst" erschien 2002 zum 200. Geburtstag Dumas. Er war einer der schillerndsten und phantasievollsten Fabulierer, die die Welt je gekannt hat. Der Autor Michael Kleeberg nennt ihn gar einen „der größten Glücksbringer in der Geschichte der Literatur."
Und, in der Tat, haben nicht fast jedem von uns die edlen Streiter d'Artagnan, Athos, Porthos und Aramis zumindest für ein paar Stunden zur Flucht aus dem grauen Alltag verholfen?
Aber die berühmen Musketiere sind nur vier von rund 37 000 Romanfiguren, die Dumas im Laufe seines Lebens erschuf, die Zahl seiner Werke ist Legion. Im Vorwort seines Wörterbuchs schreibt er sich selbst 400 bis 500 Bände zu. Michael Baiculescu hat sogar eine Liste von 646 Büchern zusammen getragen.
Der Grand dictionnaire de cuisine" sollte Dumas' letztes Werk sein, bevor er 1870 starb.
Als nach seinem Tod die Habseligkeiten des Dichters zum Verkauf standen, lästerte ein Spötter angesichts der großen Anzahl an Kochbüchern: Es müsse sich wohl um die Bibliothek von Dumas’ Köchin und nicht um seine eigene handeln.
Weit gefehlt, denn der Dichter aß nicht nur gerne, was man ihm im Laufe seines Leben immer mehr ansah, er kochte auch mit Leidenschaft. Und am Ende seines Lebens beschloss er, von A bis Z, eine Geschichte der Weltküche zu verfassen.
Dichter und Intellektuelle, die Kochbücher schreiben?
Anders als in Deutschland, verwundert das in Frankreich niemanden. Dort sind die meisten Kochbuch-Klassiker nicht etwa von Köchen geschrieben worden. Brillat-Savarin, bis heute Gott aller Gourmets, war von Beruf Jurist. In Frankreich gehören Essen und Trinken einfach zur Kultur. Wohl jeder kennt das Bonmot: In Deutschland isst man, um zu leben. In Frankreich lebt man, um zu essen. Ganz egal, womit Monsieur und Madame ihre Brötchen verdienen.
Die deutsche Küche erntet denn auch in Dumas' Kompendium nicht allzu viele Lorbeeren. Um ehrlich zu sein: Sie kommt gar nicht groß vor. Zwar findet man Kalbshirn à l'allemande, maskiert mit einer Sauce à l'allemande. Deren Hauptbestandteile sind Butter und, man staune, Champignons, die doch so französisch klingen. Und natürlich tischt Dumas unter dem Stichwort „Sauerkraut" auch die bis heute weltweit verbreitete Ansicht auf, dies sei „das Gericht schlechthin für die Deutschen, die davon nicht genug haben können."
Doch nicht nur die deutsche, auch die Küchen anderer Länder bekommen von Dumas ihr Fett ab: So beklagt er unter dem Stichwort „Kasserol(l)e", dass nur die Franzosen dieses wunderbare Kochutensil richtig zu würdigen wüssten. Denn, so Dumas: „Man weiß ja, dass sich die Spanier nur von Schokolade, Garbansos und ranzigem Speck ernähren, die Italiener von Makkaroni, die Engländer von Roastbeef und Pudding, die Holländer von im Ofen gebratenem Fleisch, Kartoffeln und Käse, die Deutschen von Sauerkraut und geräuchertem Speck." - Und von Kalbshirn, muss man hinzufügen.
Man sieht: Obwohl Dumas weit gereist war und als Reiseschriftsteller ebenfalls große Erfolge feierte: In Sachen Küche blieb er Chauvinist, trotz seines Anspruchs, ein universales Küchenlexikon zu verfassen.
Diesem Ziel wurde er vielleicht nicht ganz gerecht, aber wer könnte das denn? Dennoch ist Dumas’ Wörterbuch, das im Original 1200 Seiten umfasst, ein Füllhorn an Kulturgeschichte, an Anekdoten und natürlich an Rezepten. Und wo unsereins zu Nahrungsmitteln, die mit K anfangen, vielleicht gerade mal Kartoffeln, Kohl oder Kotelett einfallen, da schwärmt der wortmächtige Dichter von Kaninchenrouladen mit Pistazien, da schwelgt er in Kapaun mit Trüffeln, da schwadroniert er von seinen heiß geliebten Kasserolle-Gerichten. Und selbst Kängurus, Kiebitze und Kletten verwertet er kulinarisch.
Rund 1300 seiner Rezepte sind in dem Wörterbuch abgedruckt, das der Mandelbaum Verlag seit 2006 in neuer Ausstattung heraus gibt und zwar als einbändigen Prachtband mit wunderschönen Illustrationen.
Rund 80 Prozent der Rezepte kann man laut Michael Baiculescu „sehr wohl nachkochen." Das gilt allerdings nicht unbedingt für sein opulentes Lieblingsrezept „Hecht à la Chambord". Dafür benötigt man unter anderem elsässische Krebse, Karpfenzungen und Hahnenkämme.
Und oft stellte das Französisch des 19. Jahrhunderts Übersetzerin Veronika Baiculescu, die Ehefrau des Verlegers, auf harte Proben. Denn Dumas' Sprache ist teilweise ebenso veraltet wie diverse Küchenutensilien und -techniken. Und manche Wörter sind fast genauso ausgestorben wie die Zutaten, die sie bezeichnen.
Der von Dumas beschriebene Wiener Gugelhupf hat allerdings den Praxistest in der heimischen Küche der Baiculescus bravourös bestanden. Er gelang köstlich, obwohl Michael Baiculescu vorab wegen der vielen von Dumas geforderten Eier um die Konsistenz des Backwerks gefürchtet hatte. Doch schon Dumas lobte bei der Beschreibung des Rezepts die Geschicklichkeit der Wiener Bäckerinnen und die Wiener Küche, die er ansonsten für minderwertig hielt.
Trotz dieser Vorurteile und der teils schwer nachvollziehbaren Rezepte, die sich in beiden Fällen aber durchweg amüsant lesen: Dieser Prachtband sorgt für Gaumen- und Geisteskitzel. Bon appétit!
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Begründung der Jury:
"Kaum etwas Uninteressanteres als Kochbücher ... Aber Floetemeyer / Baur gelingt es in ihrer Rezension tatsächlich, Lust auf dieses weitgehend unbekannte Werk von Dumas zu machen – was vielleicht (und das ist geschickt) auch daran liegt, dass sie an Dumas' Musketiere erinnern, die in der Jugend so vieler eine bedeutende Rolle gespielt haben. Schön, wie sie ihren Text mit einer kleinen Anekdote von der Frankfurter Buchmesse einleiten, schön auch, wie sie kurz auf die Entstehungsgeschichte eingehen, auf die unterschiedliche Bedeutung der Kochkunst in der Kultur Deutschlands und Frankreichs hinweisen und auf die wohl größte Qualität des Buches: "ein Füllhorn an Kulturgeschichte, an Anekdoten". Aber, und das ist wesentlich: Sie verklären Dumas' Kochwerk nicht, enttarnen ihn freundlich als "Chauvinisten" und verhehlen nicht, dass manche Rezepte "teils schwer nachvollziehbar" sowie Dumas' Sprache wie auch "diverse Küchenutensilien und –techniken" veraltet seien. Und doch bekommt man beim Lesen allein schon der Rezension Appetit ...
Eines hat mich allerdings gestört: Man gewinnt den Eindruck, dass die Autoren in persönlicher Beziehung zum Verlegerehepaar stehen – und also möglicherweise mit ihrer Rezension auch einen Freundschaftsdienst leisten."
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