„Tote Mädchen lügen nicht“ war immer ein Buch, das ich im Laden hab liegen sehen, es aber nie weiter betrachtete. Es lag immer bei den Thrillern. Und Thriller über tote Mädchen gibt es ja wie Sand am Meer. Auch wurde mir das Buch immer mal wieder empfohlen. Einmal mit den Worten „Das ist nicht so der typische Thriller.“ Aber immer wurde es mir als gutes Buch beschrieben. Dennoch: Ich hatte weder Zeit, noch Muße, mir einen solchen Wälzer zu schnappen. Asche über mein Haupt. Aber ich habe noch einen riesen SuB vor mir.
Um kurz zu schildern, worum es geht, hier der Text vom Verlag:
Als Clay Jensen aus der Schule nach Hause kommt, findet er ein Päckchen mit 13 Kassetten vor. Er legt die erste in einen alten Kassettenrekorder, drückt auf Play und hört die Stimme von Hannah Baker. Hannah, seine ehemalige Mitschülerin. Hannah, für die er heimlich schwärmte. Hannah, die sich vor zwei Wochen umgebracht hat. Mit ihrer Stimme im Ohr wandert Clay durch die Nacht, und was er hört, lässt ihm den Atem stocken. Dreizehn Gründe sind es, die zu ihrem Selbstmord geführt haben, dreizehn Personen, die daran ihren Anteil haben. Clay ist einer davon ...
Nun wisst ihr schon mehr, als ich am Anfang des Buches.
Denn ich suchte nur schnell noch ein Audiobook, das ich schnell auf meinen MP3-Player laden konnte. Und da fiel mir „Tote Mädchen lügen nicht“ wieder ein. Es war ja perfekt: Ich hatte keine Zeit, es zu lesen, also hörte ich es.
Ich verließ die Wohnung und es ging los. Clays Stimme ertönte und erzählte die kurze Vorgeschichte. Wie er ein Päckchen abholte und darin die 7 Kassetten fand. Ein Klick war zu hören. Ältere Leser kennen es noch – es war das Geräusch, wenn man eine Kassette in eine Spieler einlegte und startete.
Hannahs Stimme ertönte. Eine schöne Stimme. Die, einer jungen Frau.
Sie erzählte von der Story, die wir oben schon im Verlagstext lesen konnte. Sie hat sich umgebracht. Und an jeden der einen Grund dazu bildete die Kassetten verschickt.
Clays Stimme ertönte wieder. Er war genauso verwirrt und genauso gespannt, wie ich. Denn ich hatte den Verlagstext ja schließlich nicht gelesen.
Jede Seite, so erklärte Hannah Clay und mir, wäre eine Geschichte. Jede Geschichte zeigt einen Grund auf, warum sie sich umbrachte und handelt um genau eine Person, die Verursacher dieses Grundes war.
Während des Buches ist Clay bald mit einem Walkman unterwegs. Denn Hannah hat auf einer Karte, die jeder bekam, bestimmte Punkte markiert, die eine große Rolle in ihrer Geschichte spielen. Sie schickt uns nach und nach an diese Punkte. Auch ich habe Kopfhörer auf. Ich sitze im Bus. Wie Clay. Und lausche Hannahs Geschichte, die mir nach und nach immer und immer wieder eine Gänsehaut über den Rücken treibt.
Während der Arbeit schaffe ich es kaum, weiter zu hören. Nicht mehr, als eine halbe Stunde von fast fünfen habe ich geschafft. Auch, wenn ich den Drang dazu habe mehr zu erfahren. Eigentlich kann ich an gar nichts anderes mehr denken. Clay geht es genauso.
Feierabend. Ich setze die Kopfhörer wieder auf, bevor das Licht im Büro ausgeht und der PC richtig herunter gefahren ist. Hannah fährt mit ihrer Geschichte fort. Gänsehaut. Wieder.
Draußen pfeift mir der Wind um die Ohren. Die grauen Wolken hängen tief; es nieselt leicht. ‚Passend.’ denke ich.
Während der Busfahrt höre ich den Verlauf von Hannahs Leben der letzten 2 Jahre. So betrachtet, wie sie es erzählt, wie sie die Verknüpfungen schafft, ist ihr tragisches Ende eigentlich kein Wunder. Dennoch: Clay und ich haben Hoffnung. Obwohl Hannah bereits beerdigt wurde, haben wir das Gefühl, als könne noch alles gut werden.
Der Bus kommt an meiner Haltestelle an. 'Ich kann jetzt noch nicht nach hause.', denken Clay und ich gemeinsam. Zu stark ist der Drang, zu gehen. Sich jetzt hinzusetzen und ruhig zuzuhören… daran ist nicht zu denken.
Also gehe ich einen großen Umweg.
Hannahs Leben fährt weiter bergab. Wie eine Lawine rollen die Ereignisse über sie und alle Beteiligten. Auch über mich. Durch ihren Bericht lernt man Hannah kennen. Ihre Gefühle, ihre Ängste, Hoffnungen, Gedanken, Intensionen. Man lernt, alles aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Nicht jede Wahrheit ist wahr. Und nicht jede Handlung basiert auf den Beweggründen, wie wir es vermuten. Das wissen wir meist. Aber die Geschichte macht es deutlich.
Das Hörbuch ist fast zu ende. Ich mache mich auf den Weg nach hause, wie auch Clay sich auf den Weg zum letzten Punkt auf der Karte macht. Wir beide wissen, dass die Geschichte, die wir hören kein Happy End nehmen wird.
Ich komme zu hause an. Clay an der letzten Station. Er sitz dort. Ich auf meinem Bett. Habe die Jacke nicht ausgezogen, habe die Schuhe noch immer an den Füßen. Ich sitze da. Bis die letzten Worte von Hannah verklingen.
Ich sacke in mir zusammen und falle dann zurück aufs Bett. Ich kannte dieses Mädchen, obwohl ich es nicht kannte.
Sie ist rein fiktiv. Sie war nicht da. Und dennoch wurde ich von ihr den ganzen Tag begleitet. Ebenso, wie Clay. Wir beide würden Hannahs letzte Worte noch lange in Erinnerung behalten. Und unsere Lehre daraus ziehen.
Wer die volle Breitseite dieses Buches erleben möchte, sollte es mir gleich tun und es über Kopfhörer und am besten unterwegs hören. Ich bin eigentlich nicht der Typ, der das sagt, da ich noch immer Bücher in Papierform preferiere. Doch hier bietet es sich nicht nur an, es könnte essenziell werden, um die Geschichte, die Emotionen und einige Denkweisen nachzuvollziehen.
Jay Asher hat es niemandem leicht gemacht mit seinem Buch. Sich selbst nicht, den Charakteren nicht und auch nicht den Lesern/Hörern. Jedem seiner Charaktere merkt man eine eigene Geschichte an, jeder hat Beweggründe und die Welt ist sehr lebendig. Authentisch.
Ja… „authentisch“ ist wohl das richtige Wort.
Es gibt einige kleine Dinge, die man hier bemängeln könnte. Doch das wäre alles Meckern auf sehr hohem Niveau. Und es würde eh nirgends zur Last fallen.
Nein. Jay Ashers „Tote Mädchen lügen nicht“ ist ein Buch, wie ich es noch nie hörte oder las. Es ist kein Thriller. Der einzige Thrill in diesem Buch besteht in dem brutal authentischem Drama, an dem man teilnimmt.
Das Hörbuch selbst ist ideal und genial gemacht. Im Wechsel lesen Robert Stadlober und Shandra Schadt die beiden Storylines. Und das sehr, sehr gut. Ideale Besetzungen, würde ich behaupten. Zwischendurch hört man Clay immer wieder den Walkman ausschalten und die Kassette wechseln. Das macht viel des Flairs aus und trägt zu einem tollen Hörerlebnis bei.
„Tote Mädchen lügen nicht“ ist ein Ausnahmebuch. Eines, wie es wohl nur alle paar Jahre herauskommt. Es ist ein Buch über eine schwere Jugend, alltägliche Probleme und Probleme, wie sie ignoriert werden.
Es ist ein Buch, dem ich, wenn ich könnte, 6 Punkte gäbe.
Ich habe nur fünf. Und die hat es sich verdient.