Mit Marie hat Anika Beer einen liebenswerten Charakter erschaffen. Sie ist 15 Jahre jung, eher unauffällig und bleibt mehr oder weniger gern im Schatten ihrer hübschen Freundinnen. Als eines Tages Gabriel auftaucht und sie um ein Treffen bittet, beginnt das junge Mädchen langsam auch mal an sich und nicht nur an ihre beste Freundin zu denken. Mit einem schlechten Gewissen trifft sich sich mit dem umschwärmten Oberstufenschüler, doch das "Date" verläuft ganz anders als erwartet. Gabriel kann die unheimlichen Wesen sehen, die in jedem Schatten eines Menschens lauern und sie begleiten. In Maries Schatten schwirren schwarze Feen, die nichts Gutes im Sinn haben. Er versucht Marie von seinen Beobachtungen zu berichten, doch seine Warnung kommt zu spät. Die schwarzen Feen bahnen sich einen Weg in die Realität und verlassen die geheimnisvolle Obsidianstadt, einen einst sehr prunkvollen Ort, den Marie in ihrer Kinderfantasie erschaffen hat. Nun ist die Stadt düster und wird von gesichtlosen Geistern bevölkert.
Was Marie noch nicht weiß ist, dass Lea in der Obsidianstadt lebt und sich nichts sehnlicher wünscht, als dass das Leben in die Stadt zurückkehrt. So schließt sie einen Pakt mit den Elfen und öffnet das Tor...
Anika Beer hat sich eine wahnsinnig fantasievolle Geschichte ausgedacht, in der ich mich gern auf jeder einzelnen der 448 Seiten aufgehalten habe. Die Idee mit den Schattenwesen und deren Ursprung hat mich fasziniert und beschäftigt mich auch noch nach dem Lesen. Gern hätte ich noch mehr über sie erfahren, welche Auswirkungen sie auf ihre Menschen haben und wie sie sie beeinflussen können.
Begeistert hat mich auch die Entstehung dieser "Parallelwelt". Sie ist nicht einfach dort und wird plötzlich von der Protagonistin entdeckt, weil sie sich in einem Kleiderschrank ohne Rückwand versteckt hat, sondern sie ist in ihrer Fantasie entstanden. So kam es, dass ich mir immer wieder die Frage gestellt habe, ob es diese "Welt" im Buch wirklich gibt, oder ob sie nur in Maries Kopf existiert. Ich bin der Meinung, dass ältere Leser dieses Buch vielleicht anders deuten und mit anderen Augen sehen, als die jüngeren Leserinnen. Gerade das macht dieses Buch zu etwas Besonderem.
Der Hauptteil der Geschichte spielt sich im "Hier und Jetzt" bei Marie und Gabriel ab, aber ich durfte auch immer wieder der jungen Lea und ihrem Maskierten in der Obsidianstadt über die Schultern schauen.
Anfangs dachte ich, mich erwartet eine süße Romantasy-Geschichte für junge Leserinnen, deshalb war ich umso erstaunter, als ich mich plötzlich gruseln musste. Allgemein ist die Stimmung des Buches recht düster gehalten, sodass ich mich beim Lesen immer tiefer in meine Decke gekuschelt habe. Eine schmalzige Liebesgeschichte, die man aus ach so vielen Romantasy-Stories gewohnt ist, bleibt hier aus, lediglich ein süßes, erstes Knistern ist zwischen unseren Protagonisten zu spüren.
Besonders gut gefallen hat mir Maries Entwicklung. Der Autorin ist es unheimlich gut gelungen diese darzustellen und - trotz des Einschlags ins Fantasy-Genre - die Alltagskonflikte der 15-Jährigen nicht außer Acht zu lassen.
"Und im gleichen Moment hatte Marie plötzlich das Gefühl, auf eine Weise sie selbst zu sein, wie sie es noch nie zuvor erlebt hatte. Ihre jetzige Situation war düsterer, beklemmender und schrecklich viel unsicherer als das Leben, das sie bisher geführt hatte. Aber zum ersten Mal, so lange sie sich erinnern konnte, hatte sie nicht ein winziges bisschen das Gefühl, sich hinter irgendjemandem zu verstecken. Sie war sie selbst.
Nur Marie. Und niemand sonst."
S. 202
Beide Hauptcharaktere haben eine Vergangenheit, aus der sie gelernt haben und die sie geprägt hat. Beide sind nicht perfekt und gerade deshalb so "echt" und sympatisch.
Natürlich blieb es nicht aus, dass ich mich auch ein bisschen in Gabriel verguckt habe. Zu gern hätte ich mal in seine "besonderen" Augen geschaut.
Zum Schreibstil der jungen Autorin, die übrigens auch unter dem Namen Franka Rubus bekannt ist, muss ich nicht viel sagen. Er passt wundervoll in diese jugendlich-leichte Geschichte und ist angenehm ohne Holpersteine zu lesen. Lediglich das "sie leckte sich über die trockenen Lippen" in mehrfacher Ausführung auf den ersten 120 Seiten hat mich ein bisschen genervt und zugleich verwirrt. Zuerst dachte ich, es hat vielleicht eine bestimmte Bedeutung, die zum Ende hin aufgeklärt wird. Dem war aber nicht so, deshalb schiebe ich das anfängliche "Lippenlecken" auf die Jahreszeit, denn die Geschichte spielt im Winter und wer hat da - dank der trockenen Heizungsluft - nicht mit rauhen Lippen zu kämpfen?!
Ich könnte euch noch so viel mehr über dieses geheimnisvolle, mysteriöse, spannende und liebevolle Buch erzählen, lasse es aber bleiben und betone an dieser Stelle lieber noch mal, dass ich euch ans Herz lege, es selbst zu lesen!