Der Manga „Ikkyu“ ist ein erstklassiger Manga, bei dem sich auch Erwachsene nicht kindisch vorkommen müssen, wenn sie ihn lesen. Die Figuren sind zeichnerisch gut gelungen und der Mangaka Hisahi Sakaguchi schafft es, die Geschichte vom Zen-Meister Ikkyu ausgesprochen lebendig und interessant zu gestalten – durchaus eine gute Leistung, da man hier im Vergleich zu anderen Mangas eher trockenen Stoff hat.
Und dann sind alle Ikkyu-Bände noch deutlich dicker als normale Mangas, vielleicht doppelt so dick. Was Ikkyu besonders interessant macht, sind zweierlei Dinge: Das Nachverfolgen von Ikkyus philosophischen und religiösen Erkenntnissen sowie sein origineller Witz und seine Schlagfertigkeit, wenn ihm die traditionellen Mönche oder jemand aus der Bevölkerung eins auszuwischen versuchen. Wie gesagt, es fühlt sich ähnlich wie bei Jesus und den Schriftgelehrten an. Man ist immer wieder neugierig, was sich Ikkyu als Nächstes ausdenkt und was seine neuen Meister und Erkenntnisse sein werden – wobei Hisahi Sakaguchi am Ende der Manga-Reihe zugibt, dass der hier dargestellte Ikkyu nur bedingt was mit dem wahren Ikkyu zu tun hat. Vielmehr ist der Ikkyu-Manga die Idealversion eines religiösen Non-Konformisten, wie sie viele Religionen als Nebenprodukt hervorbringen.
Daneben erzählt Hisahi Sakaguchi in der Manga-Reihe „Ikkyu“ auch Passagen aus der frühmittelalterlichen japanischen Geschichte mit den Shogunats, Kriegen, Hungersnöten, Künstlern und was es da sonst noch gibt – durchaus auch mal lexikalisch mit vielen Daten und Namen, man kann sich an ein Geschichtsbuch erinnert fühlen. Einige dieser Passagen fand ich interessanter, einige weniger. Grundsätzlich sind die Passagen, wo es konkret um das Leben von Ikkyu geht, viel spannender. Selbst wenn einige Bildungsbürger es anders sehen mögen, aber diese Daten und Namen aus der japanischen Geschichte muss man aus meiner Sicht nicht gelesen haben und nicht wissen – so wie ich finde, dass man auch nicht alles, was wir an Daten und Namen in unseren Schulen in Geschichte lernen, unbedingt wissen muss.
Ein Rätsel waren mir zudem die Künstlerpassagen, also von japanischen Schauspielern mit Masken. Da fragte ich mich öfter: Was soll das? Wie hängt das mit dem Rest der Geschichte zusammen? Ich betrachte diesen Erzählstrang mal als so eine Art japanische Kunstgeschichte. Vielleicht waren diese Leute ja die japanischen Shakespeares oder Ähnliches. Aber wie gesagt, als Nicht-Japanerin, die nur die Kulturepochen und Konzepte der europäischen Geschichte kennt, konnte ich damit wenig anfangen und wenig den Symbolcharakter erkennen.
Wer mal Mangas mit Niveau lesen möchte und zudem Comics, mit denen man sich auch als Erwachsener getrost blicken lassen kann, der sollte „Ikkyu“ von Hisahi Sakaguchi unbedingt lesen. Objektiv betrachtet muss man einfach anerkennen, dass Ikkyu ein sehr guter Manga ist, selbst wenn er so ganz und gar nicht in die Liga der üblichen Mädchen- und Jungen-Mangas fällt. Trotz einiger Passagen, die mich persönlich nicht so sehr interessierten, vergebe ich 5 Sterne für jeden einzelnen Ikkyu-Band. Ikkyus Witz, Weisheit und Selbsterkenntnisse sind einfach wunderbar unterhaltsam und man kann auch für sich was draus mitnehmen.