Mir hätte auch zu denken geben können, dass eine Wand mit einem Beichtstuhlfenster zwischen uns war, durch das Gideon seinen Kopf und seine Arme gezwängt hatte, und dass das keine idealen Bedingungen für einen Kuss waren, mal ganz abgesehen von dem Fakt, dass ich nicht noch mehr Chaos in meinem Leben brauchen konnte, nachdem ich gerade erst vor drei Tagen erfahren hatte, dass ich das Zeitreise-Gen von meiner Familie geerbt hatte.
Tatsache allerdings war, dass ich überhaupt nichts dachte, außer vielleicht Oh und Hmmmm und Mehr!
Arena Verlag GmbH, 4. Auflage 2010, S. 20
Gwendolyn, die erst vor kurzem erfahren musste, dass sie und nicht ihre Cousine Charlotte das Zeitreise-Gen ihrer Familie vererbt bekommen hat, sieht sich immer größeren Herausforderungen gegenüber. Sie soll an einer Soiree und einem Ball teilnehmen, um den Grafen Saint Germain näher kennen zu lernen. Leider hat sie keinerlei geschichtliches Grundwissen oder musikalisch und tänzerische Talente, zudem zeichnet sie sich durch einen Mangel an Manieren aus, wodurch es sich als äußerst schwierig erweist, sie entsprechend vorzubereiten. Hinzu kommt, dass die anderen Wächter der Loge keinen Hehl aus ihrem Misstrauen Gwendolyn gegenüber machen und sie sich ausgestoßen fühlt. Auch ihr kompliziertes Verhältnis zu Gideon erschwert es, einen klaren Kopf zu bewahren. Sie sieht sich gezwungen, in der Vergangenheit Kontakt mit ihrem Großvater aufzunehmen, um endlich Licht in das Dunkel zu bringen.
Mir hat das zweite Buch genauso gut gefallen wie das erste, auch wenn man merkt, dass dies hier der Übergang zum Finale ist. Es fehlte mir ein wenig an der spannenden Wendung während des Buches - so erschien es mir ein wenig arg nach einem Lückenfüller. Nur das Ende war überraschend für mich, auch wenn zwischendurch im Buch - ein Auszug aus den Chroniken, wenn ich mich recht erinnere - eine Andeutung dazu gemacht wird.
Ich fand den jugendsprachlichen Stil wieder einmal sehr erfrischend, manchmal aber auch etwas irritierend und entnervend. Einige Stellen wirkten einfach nicht authentisch genug auf mich. Aber ich mochte diese sarkastischen und bissigen Bemerkungen, die Gwendolyn gern in Gedanken als auch laut von sich gibt. Nur leider sind mir dieses Mal sehr viele grammatikalische Fehler aufgefallen - "wegen dem" (richtig: wegen des) und "Sinn machen" (richtig: Sinn ergeben) ist einfach falsch. Ich finde es schade, dass der Lektor das nicht korrigiert hat - und dass diese Fehler in der vierten Auflage immer noch zu finden sind! Jugendliche lernen ihre Sprache auch aus Büchern. Komplett falsche Sachen sollte man ihnen daher auch nicht vorsetzen.
Ich fand die Charaktere wieder einmal wunderbar dargestellt. Man merkt schon eine gewisse Entwicklung bei Gwendolyn, ohne dass sie sich charakterlich komplett verändert. Ich fand es etwas schade, dass Gwendolyns Mutter in diesem Buch kaum auftritt, ebenso Lucy und Paul. Aber dafür hat man ja ein wenig mehr über ihren Großvater erfahren. Eine sehr interessante Gegebenheit! Ich wüsste gar nicht, wie ich reagieren würde, wenn ich meinen Opa in jung vor mir stehen hätte.
Die Geschichte schreitet nun wegweisend voran, denn Gwendolyn hat erfahren, dass der Graf Informationen vor der Loge vorenthalten und einen seiner Vorfahren umgebracht hatte. Doch bevor Gwendolyn irgendetwas in der Hinsicht unternehmen kann, dass sie Gideon und der Loge davon berichtet, wird sie immer wieder mit Aufträgen, Unterrichtsstunden und Missionen betraut, die ihr gar keine Möglichkeit lassen, darüber nachzudenken, was das alles wohl bedeuten könnte. Das ist sehr nervenaufreibend für mich als Leser gewesen, denn zusätzlich ist da Gwendolyns Art, wichtige Details zu vergessen oder nicht zu erkennen oder auch noch zu verschweigen, wodurch sie einfach nicht auf das entsprechende Ergebnis kommt, das teilweise ersichtlich ist. Zum Beispiel, dass der Graf böse ist und keine koscheren Absichten verfolgt. Außerdem sind da ihre verwirrenden Gefühle für Gideon, die sie sowieso die ganze Zeit ablenken. Es bleibt also spannend. Ich hoffe ein wenig darauf, dass Gwendolyn im nächsten Buch mehr Möglichkeiten hat, das Geheimnis zu lüften.
Die Liebesgeschichte zwischen Gideon und Gwendolyn schreitet in diesem Buch nun auch unweigerlich voran. Aber es bleibt vorerst bei Küssen und Streitereien, denn nicht nur Gwendolyn sondern auch Gideon scheint unter Stimmungsschwankungen zu leiden. Mal ist er zuvorkommend und liebevoll, dann wieder eiskalt und abweisend. Gwen ist dadurch emotional beeinträchtigt, dass sie sich kaum konzentrieren kann - besonders weil Gideon ihr erklärt, dass der Grund sei, sie könnte in der Zukunft eine Verräterin werden, und dass dies in abhalten würde, ihr komplett zu vertrauen.
Aber eine Liebesgschichte wäre keine richtige, wenn es zwischendurch keine dramatische Wendung geben würde - was in diesem Buch geschieht. Denn jetzt muss man sich fragen, ob Gideons Intentionen guter Absicht sind. Liebt er sie wirklich? Benutzt er sie nur?
Einzige Frage, die sich mir immer noch nicht erschlossen hat - was soll das mit den Tieren, der Musik und alles, um die zwölf Zeitreisenden zu beschreiben? Welchen Zusammenhang hat das? Ich hoffe, es wird zumindest in Band 3 erklärt, sonst wäre ich echt arg enttäuscht. Das wäre dann wieder ein Beweis, dass sich manche Autoren schön klingende Dinge einfallen lassen, nur damit es spannend wirkt, aber sie können es nicht einmal erläutern.
Ich freue mich zumindest auf den dritten Teil. Das Cover lässt schon einiges vermuten. Bei Band 1 standen sich die Figuren keifend gegenüber. Bei Band 2 jetzt stehen sie nah nebeneinander und sehen sich an. Daran erkennt man ja die wachsende Nähe zwischen Gideon und Gwendolyn. Sie kommen sich immer näher. Und bei Band 3 liegen sie einander tanzend in den Armen. Das wirkt schon einmal sehr positiv - zumindest für den Verlauf der Liebesgeschichte.