Rezension vom 22.03.2013
(9)
Ein Siebenjähriger und sein Vater, beide namenlos, befinden sich auf einer andauernden Odyssee durch Dänemark. Sie sind auf der Flucht. Wovor, weiß nur der Vater, aber nicht sein Sohn und schon gar nicht der noch unbedarfte Leser. Ihre jeweiligen Aufenthalte in beliebigen Städten und Gegenden sind immer kurz, der Vater, Überlebenskünstler und Organisationstalent, sorgt für das Nötigste, und schon bald es geht Hals über Kopf weiter. Ein unstetes Leben abseits jeder Regel und Normalität. Irgendwann landen die beiden in Kopenhagen. Und dort passiert dann etwas, das ihr Leben von jetzt auf gleich völlig verändert.
Mehr zu verraten, hieße, den Inhalt dieses umwerfend gut geschriebenen Buches vorweg zu nehmen. Die Geschichte ist geteilt in zwei große Blöcke, die Zeit vorher mit der erzwungenen Wanderschaft von Vater und Sohn und die Zeit nachher, Jahre später, in der im Wesentlichen der weitere schwierige Lebensweg des Sohnes als dann Sechzehnjährigem erzählt wird. Absolut brillant ist im ersten Teil die mit großem Sprachgefühl ausgebreitete Parallelwelt der beiden Protagonisten, die Sichtbarmachung des tiefen Bandes und Verständnisses zwischen ihnen, hier der Sohn im absoluten Vertrauen und in blinder Zuneigung zu seinem Vater, noch zu klein, um Dinge zu hinterfragen, dort der Vater, einerseits rastlos und getrieben von seinen Verfolgern, andererseits der perfekte, zuverlässige Vertraute, Hüter seines Sohnes, der diesem zwar kein Schulwissen, dafür jedoch eine ganze Menge an Lebenstüchtigkeit nahe bringen kann. Das erinnert an McCarthys „Die Straße“ und erreicht auch annähernd dessen Intensität.
Mit der zweiten Hälfte kommt es zum plötzlichen, gefühlten Bruch der Erzählebenen. Man hat das Gefühl, ein ganz neues Buch aufzuschlagen. Nur langsam und im Gleichschritt mit dem Sohn erfährt jetzt auch der Leser die ganzen komplizierten Zusammenhänge, die die Dinge dahin getrieben haben, wie sie passiert sind. Eine gelungene Dramaturgie des Autors, die den Leser in Atem hält und erst ziemlich zum Schluss Klarheit schafft. Bis dahin wird man permanent hineingezogen in das bedauerliche, haltlose, verpfuschte Dasein eines jungen Menschen, der ungewollt Opfer seiner schicksalhaften Familienumstände wurde, die sich wie ein Schatten über ihn legen. Ein Buch aus dem wahren Leben eben. Und dafür macht der Junge seine Dinge trotz allem recht gut.
Ein starkes, bildgewaltiges Buch, das mich sehr beeindruckt hat, mit einer mal hochsensiblen, mal messerscharfen, knappen Sprache, die ein Kopfkino erster Güte erzeugt.
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