Mit schlappen 863 Seiten hat der Amerikaner Patrick Rothfuss den ersten Teil seiner "Königsmörder"-Trilogie hingelegt. "Der Name des Windes" erschien 2008 bei Klett-Cotta und ist für 24,90 zu haben. Damit hat er einen Wäscher hingelegt, der sich von der Quantität her mit Tad Williams vergleichen lässt und hinter dem sich "der Herr der Ringe" wie ein Groschenroman ausnimmt.
Teil 2 soll nächstes Jahr im Original erscheinen, Teil 3 2010.
2) The Wise Man's Fear
3) The Doors of Stone
Patrick Rothfuss scheint ansatzweise ein schräger Vogel mit ziemlich trockenem Humor zu sein. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er damit einfach herum zu studieren, woran er gerade Spaß hat. Nebenbei hat er seinen ziemlich langen Roman geschrieben, für den er lange einen Verlag suchte. Ich habe das einfach mal vorweg geschoben, weil man diese Umstände in seinem Roman und den Schreiber selbst in einer Nebenfigur deutlich zu erkennen mag. Auch den Humor findet man in seiner Schreibe wieder.
Das Buch hatte ich in einem Bücherforum entdeckt, durch den blöden Zufall, dass ich den Titel mit Zafons "Der Schatten des Windes" verwechselt hatte. In den Thread überschlug man sich gar vor Begeisterung und ich habe die Diskussion mal verfolgt, weil mich epische Fantasy doch sehr interessiert.
Persönlich war das Buch für mich zunächst eine Bruchlandung. Die eigentliche Erzählung ist nämlich in eine Rahmenhandlung eingepasst, die etwa 15% des Buches umfasst. Dabei dominiert die Rahmenhandlung die ersten 135 Seiten des Buches. Diese mutet ein wenig an einen klassischen Vampirroman an, was mir irgendwo auf die Nerven ging, aber auch daran liegen konnte, dass ich unlängst erst den Vampirroman von Markus Heitz gelesen habe und so gar nichts in die Richtung hören wollte. Nun treffen sich also einige Dörfler in einen einsamen Wirtshaus, betrieben von einem allerdings recht markanten Wirt, grüne Augen, rote Haare, kommt aus der Fremde - ja ihn umwabert deutlich etwas geheimnisvolles, obwohl er in seiner Wirtsrolle aufzugehen scheint. Nun tauchen spinnenbeinige Dämonen auf, die einen Dörfler angreifen und alsbald erwischt der Leser den Wirt beim Dämonentöten. Während die Dörfler sich von Angst und Aberglauben treiben lassen, erscheint noch ein Fremder im Wirtshaus - der Chronist. Dieser enttarnt den Wirt als Kvothe, Held, Legende und größten Zauberer seiner Zeit. Allerdings erleben wir in weiteren Zwischenspielen, daß der Held gebrochen ist und die Legende um einiges neben der Wahrheit liegt und daß Kvothe selbst anscheinend nicht mehr weiß, wer er wirklich ist. Aber Kvothe will seine wahre Geschichte erzählen und in dieser ersten Nacht, schreibt der Chronist die Kindheit und Jugend des Helden nieder.
Während der ersten 135 Seiten Rahmenhandlung waren das Buch und ich uns wirklich nicht einig. Zunächst war es so gar nicht die Richtung in der ich momentan lesen wollte, dann musste ich mich in die Sprache einfinden und da war ich auch nicht gelaunt zu, obwohl es sprachlich sehr schön geschrieben ist. Ich bin darüber erst einmal eingeschlafen.
Später am Abend, für manchen auch nachts, habe ich dann Seite 136 aufgeschlagen - ab hier erzählt Kvothe als Ich-Erzähler seinen Lebensweg. Und hier legte sich der Schalter um, ich musste mich weitere 160 Seiten später gerade dazu zwingen, schlafen zu gehen. Da las sich das Buch plötzlich wie von allein. Auch wenn im nachhinein betrachtet es ein wenig schade ist, daß Rothfuss sich für einen Ich-Erzähler entschied. Gerade Kvothe ist nämlich zu sehr mit sich beschäftigt, um dem Leser die anderen Figuren des Buches wirklich nahe zu bringen. Gerade in seltenen Treffen mit seinen Freunden wird über den einen oder anderen gesprochen. Es fällt schon schwer Kvothes Freundschaften als solche zu bewerten, weil man sie nicht so empfindet. Noch ärgerlicher ist dieser Umstand in Bezug auf die Gegenspieler, die leider sehr verschwommen bleiben.
Zunächst hielt sich mein Gedanke "Hilfe Vampirroman" weiter, handelt es sich doch bei Kvothes Eltern um die Anführer einer Zigeuner/Theatertruppe die von Dorf zu Dorf reist. Kvothe ist ein sehr intelligenter Junge, der in dieses Leben hineinwächst und bereits früh seinen Teil zum Überleben der Gruppe beitragen muss. Sein Leben als Schausteller in Rothfuss' "Commonwealth" (immer gern genommen, eine sehr mittelalterliche Welt) scheint vorprogrammiert, als die Truppe einen Arkanisten trifft, der eine Weile mit ihnen reist. Arkanisten sind Zauberer hinter denen sich eine wissenschaftliche Grundlage verbirgt. Auch hier zeigt der Junge große Begabung und der Arkanist rät ihm, später einmal die Universität zu besuchen.
Nun mag man auf die Idee kommen, Kvothe wird seine Eltern verlieren und im Arkanisten seinen Meister finden, und daraus als Held hervorgehen, aber der Autor will von diesem Schema weg, was er seiner Hauptfigur irgendwo im Buch sogar in den Mund legt. Fakt ist, Kvothe verliert seine Eltern durch die Chandrian - eine Art Dämonentruppe (so ganz hinter kommt man da nicht), deren Existenz in der Religion des Landes verankert ist. Kvothe verliert einfach alles und vegetiert die nächsten drei Jahre als Straßenkind vor sich hin, während er sein Trauma verarbeitet.
Der Gedanke an Rache führt ihn dann doch zur Universität. In der dortigen Bibliothek hofft er, den Dämonen auf die Spur zu kommen. Gleichzeitig gerät er in ein Getriebe, daß ihn von seinen Forschungen immer wieder ablenkt - er muss sehen, daß er Student bleibt und an Vorlesungen teilnehmen, gleichzeitig aber auch die entsprechenden Devisen erwirtschaften, um seine Studiengebühren zu zahlen. Dabei hat Kvothe eine Neigung aus Nichts Geld zu machen, es aber genauso schnell zu verlieren (manchmal nervt das schon).
Kvothes Charakter bringt es mit sich, daß er sich zusätzlich auch noch starke weltliche Feinde macht, die ihm Knüppel in den Weg legen. Auf der einen Seite hat Kvothe einen großen Stolz, der in eine "was kostet die Welt" - Einstellung mündet, die teils arrogant und ab und an auch unsympathisch wirkt. Er kann sich das durch seine Intelligenz zwar durchaus leisten, stößt aber auch an Grenzen, weil ihm eine Spur Menschenkenntnis und Lebenserfahrung fehlt. In mancherlei Hinsicht ist er einfach unbedacht und übermütig. Deutlich wird das auch in seiner Liebelei zu Denna, die anscheinend sein Schicksal teilt und die er idealisiert und kaum begreift.
Der junge Kvothe hat sehr wohl das Zeug zu einem Ausnahme-Arkanisten, der seien Fähigkeiten fast schon intuitiv einzusetzen vermag. Allein das mag schon ein wesentlicher Schritt zum Helden "Kvothe" sein. Hier mag man seinen Aufstieg miterleben, was aber bereits unheilvolle Anklänge mit sich bringt, da der Erzähler immer wieder darauf hinweist, daß er nicht immer auf der Gewinnerseite stehen wird. Auch mag man Kvothe einfach nicht als klassischen Helden betrachten. Seine Zeit bei Schauspielern und Straßenkindern hat ihn geprägt. Er ist wirklich ein guter PR-Mann in Sachen Eigeninszenierung, der die eigenen Taten durchaus in ein wünschenswertes Licht zu rücken vermag - ein Gerücht hier, ein selbst komponiertes schmutziges Lied da, ein ironietriefender Entschuldigungsbrief dort, das ist der Stoff aus dem der Held ist. Für die Legende zählt das Ergebnis und nicht, daß Kvothe mal wieder einfach nur Glück hatte.
Aber genau diese Unzulänglichkeiten des Helden machen die Faszination des Buches und den Charmes Kvothes aus - er ist halt etwas Gauner.
Die Erzählung ist eine Reihe von Erlebnissen und Abenteuern, die die Hauptfigur hinter sich bringen muss. Eigentlich genau das, was ich zuletzt kritisierte, als ich Eragon 3 las. Eine Geschichte reiht sich an die andere - aber im Gegensatz zu Eragon bleibt Rothfuss plausibel, die Rahmenhandlung kittet die Ereignisse zusammen und man merkt, daß man am Ende irgendwo hinkommt, das ein großer Zusammenhang entsteht und nicht einfach nur alles mögliche heruntergeblubbert wird, weil man gerade eine nette Idee hatte.
Wenn es nach mir ginge, hätte ich nahtlos Teil 2 und 3 im Anschluss lesen können. Denn der Erwachsene Kvothe hat bestimmt noch das eine oder andere Ass im Ärmel!