«Es ist jetzt vierundsechzig Jahre her, dass der Präsident und das Konsortium die Liebe als Krankheit identifiziert haben, und vor dreiundvierzig Jahren haben die Wissenschaftler ein Heilmittel dagegen entwickelt. In meiner Familie haben alle den Eingriff bereits hinter sich. Meine ältere Schwester Rachel ist jetzt seit neun Jahren gesund. Sie ist schon so lange gegen die Liebe immun, dass sie sagt, sie erinnere sich noch nicht einmal mehr an ihre Symptome. [...]
Es war nicht immer alles so gut wie jetzt. In der Schule haben wir gelernt, dass die Leute früher, in den dunklen Zeiten, nicht wussten, was für eine tödliche Krankheit die Liebe ist. Sie hielten sie lange sogar für etwas Gutes, etwas, worüber man sich freuen und wonach man streben sollte. Aber genau deshalb ist sie ja so gefährlich.»
'
Lena lebt in den Vereinigten Staaten von Amerika der Zukunft. In dieser Zukunft wurde die Liebe, genannt amor deliria nervosa, als gefährlichste aller Krankheiten identifiziert. An seinem achtzehnten Geburtstag wird jeder Bürger von der Krankheit geheilt und lebt fortan ein stetiges, gleichförmiges, geordnetes Leben.
Auch Lena strebt ein solches Leben an - sie will erlöst werden von der Krankheit, die sie bis anhin nur als lästig empfindet. Doch dann wird auch Lena infiziert. Und alles wird anders.
'
«Während der Schmerz sich in meine Brust bohrt, das kranke, sorgenvolle Gefühl mich durchwühlt und das Verlangen in mir so scharf ist wie eine Rasierklinge, die durch meine Organe schneidet und mich zerfetzt, kann ich nichts anderes denken als: Es bringt mich im, es bringt mich um, es bringt mich um. Und es ist mir egal.»
'
Ganz ehrlich: Ich konnte mich noch niemals mit einer Figur in einem Buch so sehr identifizieren wie mit Lena. Ich hatte oft das Gefühl, sie sei ich, sorgsam in zwei Buchdeckel verpasst. Sie, die anfangs feige und ängstlich ist, und dann, als es darauf ankommt, doch rebelliert. Lauter und beständiger und stärker als alle andren.
'
Delirium von der enorm talentierten Lauren Oliver ist ein wunderschönes Buch. Die Sprache ist unglaublich poetisch und schön - worauf ich ja immer grossen Wert lege - und man fiebert von der ersten bis zur allerletzten Zeile mit. Fühlt mit. Leidet mit.
'
Wem schon einmal so richtig das Herz gebrochen wurde, der wird, wie ich, vielleicht anfangs in Versuchung kommen, den Eingriff gar nicht so schlecht zu finden. Ihn vielleicht sogar in unsere Welt herbeizusehnen. Eine Erlösung von all diesem Schmerz, wäre das nicht wunderschön?
Eine Welt, in der alle die gleichen Chancen auf Anerkennung haben.
Doch wie Lena bin ich auch zum Schluss gekommen, dass es diesen Schmerz einfach braucht.
'
«Man kann nicht glücklich sein, wenn man nicht manchmal auch unglücklich ist.»
'
Denn ohne Unglück weiss man auch nicht, was Glück bedeutet.
'
Delirium ist für mich das moderne Romeo und Julia. Es ist eine der schönsten Liebesgeschichten, die ich jemals gelesen habe. Und es regt zum Nachdenken an, noch Wochen, nachdem man das Buch zugeklappt hat. Beim Lesen unterstrich ich Zeile für Zeile mit meinem Bleistiftstummel, zum Teil mit solcher Inbrust, dass ich aufpassen musste, die Seite nicht zu zerreissen. Ich machte Ausrufezeichen neben manche Sätze. Ich wollte all diese Sätze, diese wundervollen, wahren Sätze, in meiner Seele bewahren für immer.
'
Die vollständige Rezension mit Bebilderung und einigen Zitaten mehr findet man auf meinem Blog:
http://budsandashes.blogspot.ch/2012/11/liebe-sie-bringt-dich-um-aber-sie_10.html